10°

Dienstag, 23.10.2018

|

Die Kongresshalle – Bauruine voller Möglich- und Peinlichkeiten

Depot, Gedenkstätte oder Rockpalast - 28.08.2010 09:00 Uhr

1959 prüfen die Honoratioren an Ort und Stelle die Tauglichkeit der Kongresshalle als Sport- oder Fußballstadion. Hätte es geklappt, hieße der Bau heute womöglich „Easy Credit Stadion“. © Gertrud Gerardi


Der Tourist mit dickem Geldbeutel logiert in einem Fünf-Sterne-Hotel mit 350 Betten und diversen Konferenzräumen. Seine Gören gibt der Tourist im Kinderland ab, sein Frauchen verlustiert sich in den Geschäften von Tiffany, Lagerfeld und Valentino und speist im Mövenpick-Restaurant, während seine alte Mutter ihr Ausgedinge im Seniorenheim mit 160 Einzel- und Doppelzimmern findet. Der Tourist selbst, vom Einkauf ermüdet, ergötzt sich an Schwimmbad, Squash-Halle und auf der 250-Meter-Joggingstrecke. Und abends amüsiert man sich in der Open-Air-Disco und genießt den Panoramablick auf Nürnberg vom Dach der Kongresshalle.

An diesem Bau zerplatzt jede Abrissbirne

Was heute wie ein irrwitziges Luftschloss anmutet, war im Frühling 1987 ein heiß diskutiertes Projekt. Die AG „Kongress und Partner“ wollte die Kongresshalle am Dutzendteich binnen sieben Jahren zur Mega-Mall umbauen. Doch der Stadtrat entschied sich im Juli 1987 dagegen, eine kommerzielle Nutzung des Nazibaues erschien ihm (auch auf Druck einer Bürgerinitiative) als abwegig und geschmacklos. Obendrein war der Einzelhandel nicht gerade erpicht auf die Konkurrenz.


Dabei bot sich der Bau, der heute das Dokuzentrum beherbergt, für vielfältige Zwecke an und ward auch vielfältig genutzt. Das Problem des „Kolosseums“ bestand einerseits in seiner Monumentalität und Massivität, die noch die härteste Abrissbirne zur Aufgabe zwingt; und zum anderen in seiner Fülle an Raum, die es angesichts des Platzmangels der Nachkriegsjahre auszunutzen galt.

Es war aber auch ein Witz: 1945 ist ganz Nürnberg eine Ruine, doch die größte Ruine ist eine Bauruine. 1935 von Ludwig Ruff begonnen und nach dessen Tod von seinem Sohn Franz bis 1940 fortgeführt, misst die Kongresshalle 275 Meter Länge, 265 Meter Tiefe und projektierte 60 Meter Höhe. Was noch fehlt, ist das dritte Geschoss. Als Dach sollte eine freitragende Glaskonstruktion fungieren. In ihr hätte die größte Orgel der Welt die Ohren von 50000 Geladenen zugedröhnt, die alle nur einem Mann zu huldigen hatten, nämlich beim Reichsparteitag. Und nur für diesen einen Tag im Jahr. Ansonsten wäre die Kongresshalle leer gestanden.

Das Einkaufszentrum war wohl der exorbitanteste, aber längst nicht der einzige Nutzungsvorschlag. Bei diesen Dimensionen musste jede Lösung ebenfalls monumental ausfallen. So auch der Vorschlag nach Kriegsende, die Halle mit den Trümmern zu überschütten und somit dem Dritten Reich einen Grabhügel zu errichten.

Die Schätzungen für einen Abriss projektierten Sachverständige auf 12 bis 20 Millionen Mark. Die aber steckte man lieber in den Wohnungsbau. Scham und schlechtes Gewissen über das Dritte Reich führten zu weitgehenden Zerstörungen des Reichsparteitagsgeländes: 1967 fielen die Märzfeldtürme, ebenso die Säulengalerie auf der Tribüne. Aktionen, die man auch als handgreifliche Verdrängung interpretieren kann. Die Kongresshalle ließ sich aber nicht so ohne weiteres zu Straßenschotter zermahlen.

Ein Kolosseum für den Ruhmreichen

Eine erste Nutzung fand die Bauruine 1949 ausgerechnet als Raum für die Deutsche Bauausstellung; ein Jahr später beging dort die Stadt ihren 900. Geburtstag. Für eine Bundesgartenschau 1952 sollte die Halle ein Höhen-Café erhalten. Ein Umbau zum Fußballstadion, das 90000 Zuschauer fassen sollte, zerschlug sich Anfang der Sechziger Jahre, obwohl die Stadt allein für die Umbau-Prüfung 210000 Mark ausgab. Und zwar an Werner March, der das Berliner Olympiastadion errichtet hatte. Man stelle sich vor: die Kongresshalle hieße heute „Easy Credit Stadion“.

Als Lagerraum für die Buden des Christkindlesmarktes und als Depositorium für diverse Firmen erfuhr die Kongresshalle eine lukrative Nutzung, wie auch das übrige Reichsparteitagsgelände. Weitere Überlegungen zur Dauernutzung waren daneben: Hauptbahnhof, Rockpalast, Museum für Moderne Kunst, Autokino, Filmstudio, Altersheim mit grünem Innenhof oder gar Großgewächshaus „Plantopolis“.

An Abriss war aber spätestens 1973 nicht mehr zu denken. In diesem Jahr deklarierte der Freistaat Bayern die Hinterlassenschaften der NS-Diktatur für geschichtsrelevant und erhaltenswert. Doch Nürnberg wusste mit dem größten erhaltenen Bauwerk des Dritten Reichs nichts anzufangen. Einfach absperren und verfallen lassen? Warum nicht? Die Architekten Hellmut Ambos und Peter Weidenhammer wollten Ende der 1980er Jahre die Kongresshalle mit NS-Kunst vollstellen – und das gesamte Ensemble Wind und Wetter aussetzen. Über die Jahrhunderte sollte das Nazi-Erbe zerfallen.

1990 träumte die damalige Kulturreferentin Karla Fohrbeck davon, das Reichsparteitagsgelände zu einem „Friedenshain“ umzugestalten. Vor der Führerkanzel sollten Bibelzitate zum Frieden hinter Panzerglas installiert werden, auf der Kanzel eine Skulptur von Alfred Hrdlicka posieren, Bäume und Gedenksteine an alle Verfolgten erinnern. Die Kongresshalle selbst sollte langsam erodieren. Auch Fohrbecks fromm schillernde Ästhetikblase zerplatzte im Trommelfeuer der Kritik.

Nun also das Dokumentationszentrum. Plus Lagerhalle. Plus Konzertsaal der Nürnberger Symphoniker seit 1962. Plus Schallplattenfirma Colosseum. Plus Amt für Katastrophenschutz. Nicht zu vergessen: der Serenadenhof. Ist der Schatten des Dritten Reichs immer noch übermächtig? Wer je an einem Sommerabend ein Rockkonzert im Serenadenhof genießt, vergisst sehr schnell, dass er in einem Nazibauwerk verweilt. Die roten Ziegelmauern, der wilde Wein darüber – das könnte auch der Hinterhof einer aufgelassenen Fabrik sein. Wenn dazu noch Chaoten wie die Leningrad Cowboys aufspielen, dann trifft Irrsinn auf Irrsinn.
  

Reinhard Kalb

Seite drucken

Seite versenden


weitere Meldungen aus dem Ressort: Nürnberg & Region