Mittwoch, 24.01. - 04:54 Uhr

|

Dokuzentrum sammelt NS-Devotionalien

Bilder, Fahrkarten, Bücher für wissenschaftliche Zwecke - 05.11.2012 11:00 Uhr

Martina Christmeier (2.v.r.) und Melanie Wager (r.) sichten, was die Bürger im Dokuzentrum an NS-Devotionalien vorbeibringen – für die Wissenschaftler teils wertvolles Material, für die ehemaligen Besitzer eine Last, die sie gerne loswerden. © Eduard Weigert


„Ich lass Ihnen das da, damit es in guten Händen ist“, sagt ein Mann mit Baseball-Kappe. Er legt einen Stapel von Zeitschriften auf den Tisch, die aus dem Besitz seiner Großmutter stammen. Darunter der „Illustrierte Beobachter“, eine Wochenzeitschrift der NSDAP und „Die Wehrmacht“, ein Propaganda-Organ des „Oberkommandos der Wehrmacht“ (OKW). Dann verlässt er den Raum, so schnell wie er gekommen war.

Sein Verhalten sei typisch, sagt Melanie Wager, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände. „Die Leute sind froh, dass sie die Möglichkeit bekommen haben, die Sachen in gute Hände abzugeben.“ Viele wollten ihren Namen nicht nennen. Die vorbereiteten Schenkungsformulare blieben ungenutzt. Auch eine ältere Frau, die zwei gerahmte Öldrucke von Adolf Hitler mitgebracht hat, will die Sachen einfach nur loswerden. Sie waren in der Zwischenwand eines Gartenhauses versteckt, zusammen mit dem Teil einer Hakenkreuz-Fahne, die in eine „Fränkische Tageszeitung“ eingewickelt war.

Nicht im Feuer gelandet

Das schwarze Hakenkreuz auf weißem Stoff war vermutlich (nach Kriegsende) herausgetrennt worden. „Den roten Fahnenstoff hat man noch anderweitig verwendet“, mutmaßt Melanie Wager. Dass die Hitler-Bilder damals nicht im Feuer landeten, sondern sorgfältig versteckt worden waren, spricht Bände. „Hitler war Gegenstand einer pseudoreligiösen Verehrung“, erklärt die Wissenschaftlerin.

Zum 80. Jahrestag der Bücherverbrennung im Mai 2013 plant das Dokumentationszentrum eine Ausstellung mit dem Titel „WortGewalt – Lesen im Nationalsozialismus“, berichtet Martina Christmeier, vom Dokuzentrum. „Damit wir nicht für jede Ausstellung bei anderen Museen um Leihgaben bitten müssen, möchten wir uns einen eigenen kleinen Bestand aufbauen.“ So kam die Idee auf, die Bevölkerung am Tag der offenen Tür um Mithilfe zu bitten. Die Zeit sei reif, meint Martina Christmeier. „Die Enkelgeneration findet die Sachen der Großeltern.“ Jede Woche würde sich jemand melden, der etwas abgeben möchte.

Solche Originale seien für die Arbeit des Dokumentationszentrums enorm wichtig, vor allem im Umgang mit Jugendlichen, sagt Melanie Wager. Man könne damit veranschaulichen, mit welchen Mitteln im Nationalsozialismus indoktriniert wurde.

Wie vorbereitet greift sie ein Buch mit dem Titel „Zurück zur schlanken Körperform“ aus einem Stapel heraus, der gerade abgegeben wurde. Der Ratgeber aus dem Jahr 1940 stammt von einer Ärztin. Auf den ersten Blick handelt es sich um eine harmlose Gesundheitslektüre. Doch schon beim oberflächlichen Durchblättern zeigt sie ihr wahres Gesicht: „Typisch für die Juden ist u.a. eine Fettablagerung in den Augenlidern.“

Seltenes Zeugnis antisemitischer Hetze

Ein in dieser Form seltenes Zeugnis antisemitischer Hetze bringt ein älterer Herr mit. Es handelt sich um zwei gefälschte Fahrkarten der Reichsbahn mit dem Aufdruck: „Freifahrkarte mit Schnellzug, benützung gültig ab jeder Deutschen Station nach Jerusalem, hin u. nicht zurück.“
  

Mathias Orgeldinger

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Name:

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus dem Ressort: Nürnberg & Region