Montag, 17.12.2018

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Ein Kosmopolit leistet Aufbauhilfe in Nürnberg

NBA-Veteran Eric Washington führt die NBC-Basketballer an - 31.10.2010 16:35 Uhr

Besonders enger Bewachung muss sich Eric Washington erwehren. Durch die Aufmerksamkeit, die der prominente NBC-Neuzugang auf sich lenkt, ergeben sich allerdings Räume für seine Mitspieler.


Es ist ja nicht so, dass sie sich keine Gedanken machen würden. Finden tun sie ihn trotzdem nur selten. Den richtigen Moment aufzuhören, verpassen Sportler genauso zuverlässig wie Politiker und Wirtschaftsbosse. Vielleicht, weil sie zu sehr gewöhnt sind an die Macht, das Interesse der Öffentlichkeit, das raffinierte Spiel mit den Medien, die Heldenverehrung.

Wer den Moment versäumt, von der großen Bühne abzutreten, gibt oft ein jämmerliches Bild ab, er trampelt hilflos auf seiner glänzenden Reputation herum. Lothar Matthäus hatte den Titel deutscher Rekordnationalspieler längst sicher, als er sich in seinen letzten Profijahren in eine Karikatur seiner selbst verwandelte. Michael Schumacher, der größte deutsche Formel-1-Fahrer aller Zeiten, erntet heute im Mercedes nur noch Mitleid.

Eric Washington spielte einst Basketball in der stärksten Liga der Welt, der nordamerikanischen NBA. Er hat gegen Michael Jordan verteidigt und in Hallen gespielt, die mehr als 20000 Zuschauer füllten. Im Sommer 2010 verkündete der Nürnberger BC, ein deutscher Drittligist (!), die Verpflichtung des US-Amerikaners. Ein Verein, bei dem sogar ein Leistungsträger wie Juan Reile nebenher arbeitet, lotste einen Spieler nach Nürnberg, der sich mehr als 100 Mal mit den besten Basketballern des Globus maß.

Obwohl Washington mittlerweile 36 Jahre alt war und sein letztes NBA-Spiel mehr als zehn Jahre zurück lag, mutete das zunächst wie ein Scherz an. Als die Nachricht verdaut war, wandelte sich das Erstaunen in Argwohn. Man erwartete einen unaustrainierten und lustlosen Spieler in Nürnberg, der im Spätherbst seiner Karriere vor allem eines will: Noch einmal abkassieren.

Derrick Taylor kümmerte das nicht. „Eric ist charakterlich hervorragend und will hier mit uns etwas aufbauen“, beschwichtigte der NBC-Trainer. Tatsächlich landete im August in Nürnberg kein übergewichtiger Söldner. Der prominente Neuzugang präsentierte sich motiviert, drahtig und vor allem: sehr kommunikativ. „Wir waren im Vorfeld natürlich auch ein bisschen skeptisch, aber Eric war sofort einer von uns“, stellt Reile klar, dass kein prätentiöser Star in das NBC-Gefüge eindrang. „Ich will Basketball auf die richtige Art und Weise spielen. Als Mannschaft, in der jeder einzelne Spieler wichtig ist. Meine eigene Punktausbeute ist mir dabei völlig egal.“

Hehre Worte, denen Washington bald Taten folgen ließ. Der Flügelspieler ließ seine Klasse aufblitzen und zeigte, dass er eine dominante Figur auf dem Parkett sein kann, wenn es der Spielverlauf erfordert. Weitaus lieber lässt der 36-Jährige jedoch andere glänzen, er sieht sich eher als Entwicklungshelfer denn als uneingeschränkten Chef. Manchmal geht sein Altruismus allerdings ein wenig zu weit. In Breitengüßbach hielt sich Washington dezent zurück und ergriff erst die Initiative, als das Spiel schon fast verloren war. Eine Wende blieb dennoch aus, beim 66:78 kassierte der als Topfavorit in die Pro-B-Saison gestartete NBC seine erste Niederlage.

„Wir haben noch nicht annähernd unser Potenzial ausgeschöpft“, meint Washington. „Uns fehlt vor allem die Aggressivität in der Offensive.“ Der 36-Jährige weiß, dass bei der Mission Aufstieg Rückschläge einkalkuliert werden müssen. „Keine Mannschaft ist unbesiegbar. Wenn wir hart an uns arbeiten, können wir aber die Chance verringern, besiegt zu werden.“

Washington, diesen Basketball-Kosmopoliten, der schon in China, Griechenland, Italien, Israel und Finnland spielte, begeistert vor allem die Ausgeglichenheit der Nürnberger Mannschaft. „Früher spielte ich in Teams, für die ich 20 oder mehr Punkte pro Spiel erzielen musste, um überhaupt eine Chance auf den Sieg zu haben. Beim NBC kann jeder punkten, da kann sich der Gegner nicht auf einen Spieler konzentrieren. Das ist furchteinflößend, und vor allem ist das eine große Erleichterung für einen Spieler in meinem Alter“, erzählt Washington mit einem Augenzwinkern.

Die Klischees treffen nicht zu

Der NBA-Veteran widerlegt so manches Klischee, das man von vielen US-Spielern in Deutschland hat. Als Egozocker ohne Mannschaftssinn verschrien, „die in den USA im Supermarkt Kisten schleppen würden, wenn sie nicht hier spielen würden“ (Bundestrainer Dirk Bauermann), stehen eben jene US-Importe stets unter besonderer Beobachtung. Washington besitzt den Intellekt, um sich nicht allzu sehr sorgen zu müssen um das Leben nach dem Basketball, noch ist er aber Profi durch und durch.

„Nürnberg gefällt mir. Die Menschen sind sehr freundlich, die Stadt ist einladend.“ Mehr sagt er nicht. Nur, dass Deutschland sich nicht großartig unterscheide von den Ländern, in denen er zuvor spielte. Dann spricht Washington wieder über Basketball. Es ist seine Mission, es ist sein Leben. Ein gutes Leben. 

Siegmund Dunker E-Mail

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