Steinernes Schmähbild des Rassenhasses

12.9.2014, 17:15 Uhr
Steinernes Schmähbild des Rassenhasses

© Hermann Rusam

Im Gegensatz zu früheren Zeiten, in denen „Judensau“-Darstellungen der Bevölkerung vertraut waren, kann man heute nicht mehr davon ausgehen, dass die meisten Menschen von diesem Thema auch nur gehört haben. Deshalb scheint es geboten, einige Informationen allgemeiner Art vorauszuschicken.

Ein Wort ohne Synonym

Der Begriff „Judensau“ ist für Juden zweifellos anstößig, verknüpft er doch das für sie unreine Tier mit ihrem Namen. Doch das Wort ist zu einem allgemein gebräuchlichen und weithin verbreiteten kunstgeschichtlichen Fachausdruck geworden, für den es kein Synonym gibt. Nur aus diesem Grund verwenden wir den gelinde gesagt wenig schönen Ausdruck auch in diesem Artikel. Belegt ist dieses Motiv schon seit der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Weit über sechs Jahrhunderte hindurch hat es sich dann nahezu unverändert erhalten. Die jüngste Darstellung findet sich als Titel einer antisemitischen Publikation aus dem Jahr 1822.

Eigenartigerweise finden sich die ältesten „Judensau“-Darstellungen meist im Inneren von Kirchen, das heißt an Stellen, an denen Juden sie seinerzeit nie zu Gesicht bekommen haben. Ursprünglicher Adressat dieses Motivs war offensichtlich nicht die jüdische, sondern die christliche Gemeinde. Ihr sollte durch die Bildsprache eindringlich vor Augen geführt werden, dass die Juden als Ungläubige außerhalb der christlichen, ja der menschlichen Gemeinschaft standen.

Steinernes Schmähbild des Rassenhasses

© Hermann Rusam

Durch ihr „sündhaftes Treiben“, so glaubte man im Mittelalter, waren sie dem Teufel verfallen, als dessen Symbol im Mittelalter das Schwein diente. Durch derartige steinerne Schmähbilder wurde das stereotype judenfeindliche Bild verfestigt, verbreitet und von Generation zu Generation als Selbstverständlichkeit weitergetragen. Schließlich senkte sich dieses Zerrbild des Juden tief in die deutsche Volksseele.

Obwohl im 19. Jahrhundert das Motiv der „Judensau“ immer weniger dem Zeitgeschmack entsprach, lebte es als Schimpfwort weiter. Ausdrücke wie „Saujud“ gehörten zum Repertoire der Schimpfwörter, mit denen die Nazis die Menschenwürde ihrer jüdischen Mitbürger bewusst besudeln wollten. Die letzte brutale Konsequenz aus dieser Einstellung ist hinreichend bekannt.

Seit der Mitte des 13. Jahrhunderts residierten die Hohernzollern häufig auf ihrer Burg in Cadolzburg, die als eine der großartigsten Dynastenburgen des Mittelalters gilt. Die drei Wahrzeichen der Burg sind am äußeren Tor angebracht. Zwei davon beziehen sich auf Familienmitglieder. Das dritte Wahrzeichen, das unter dem linken Wappen angebracht ist, zeigt die wohl noch aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts stammende Cadolzburger „Judensau“.

Sie zählt zu den ältesten erhalten gebliebenen Darstellungen ihrer Art im profanen Bereich. Dargestellt ist ein vergleichsweise riesiges Schwein, einen Meter hoch und 140 Zentimeter breit. Fortschreitende Verwitterung und unsachgemäße Restaurierung haben die Konturen unscharf werden lassen.

Zwei Bilder in einem Relief

Genauer betrachtet enthält das Relief zwei verschiedene judenfeindliche Themen, die in einzigartiger Weise im Bild kombiniert sind, nämlich links die bekannte Darstellung der „Judensau“ und rechts den Tanz um das goldene Kalb. Im linken Teil des Reliefs ist mit einiger Mühe ein großes nach rechts schauendes Schwein mit drei umgebenden Figuren zu erkennen. Hinter dem Tier steht ein Jude, dessen charakteristischer Hut inzwischen verwittert ist. Seine rechte Hand ruht auf dem Schenkel des
Tieres.

Er hat den Oberkörper vorgebeugt und küsst anscheinend das Hinterteil des Schweins. Ein zweiter kniender Jude saugt gierig an einer der Zitzen. Ein dritter bärtiger Jude ist wegen der starken Verwitterung nur noch ansatzweise zu erkennen. Er steht hinter dem Kopf des Schweins und umarmt seinen Hals.

Credo mit negativem Vorzeichen

Der rechte Teil des Reliefs zeigt den aus dem Alten Testament bekannten Tanz um dass goldene Kalb. Dieses steht im Eck rechts oben auf einer hohen Säule. Darunter umtanzen – lebhaft bewegt – drei gegenüber den übrigen Figuren auffallend klein dargestellte Juden das Kalb. Die Tänzer respektive „Teufelsanbeter“ halten sich dabei an den Händen.

Steinernes Schmähbild des Rassenhasses

© Herman Rusam

.Schon wenn jemand durch das Stadttor kam, fiel sein Blick unwillkürlich nicht nur auf die Wappen des hohenzollernschen Burgherrn, sondern auch auf die „Judensau“. Die Anbringung des widerwärtigen Hetzbildes an dieser Stelle war für den Burgherrn Ausdruck eines Herzensanliegens: Die „Judensau“ stellte für den Kurfürsten nichts weniger als sein christliches Credo mit negativem Vorzeichen dar. Als gläubiger Christ grenzte er sich auf diese merkwürdige Weise gegenüber den Juden ab, die er als Ungläubige und dem Teufel verfallen betrachtete. Eine direkte Verhöhnung der ortsansässigen Juden dürfte aber kaum beabsichtigt gewesen sein.

Die Anbringung des Spottreliefs an einer Burg und dazu noch an solch prominenter Stelle ist einzigartig. Die Vermutung, es sei von den Zollern beabsichtigt gewesen, die Juden bei den Abgabe ihrer Sondersteuer dadurch zu demütigen, dass sie beim Betreten der Burg an diesem ihre Religion verhöhnenden Bild vorbeigehen mussten, ließ sich widerlegen. Die Steuern der Untertanen waren nämlich nicht in der Vorburg, sondern im burggräflichen „Kastenhof“ abzuliefern.

Im Dritten Reich fand die „Judensau“ viel Beachtung. Eine Zeitzeugin erzählte, dass häufig Schulklassen von ihren Lehrern zu dem Spottrelief geführt worden seien. 1934 veröffentlichte ein Cadolzburger Ratsherr und Parteigenosse ein ganz im primitiv hämischen Stil der nationalsozialistischen Denkweise verfasstes Gedicht „Die Judensau in Cadolzburg“. Ebenfalls 1934 beschloss der Cadolzburger Gemeinderat, mit einer großen Tafel am Bahnhof auf die „Judensau“ hinzuweisen.

Der Text lautete: „Den Besuchern Cadolzburgs, insbesondere Israeliten wird empfohlen, das Steinbild am äußeren Schloßeingang (sogen. Judensau) zu besichtigen. Es sollen sich deshalb Juden in Cadolzburg von jeher nicht aufgehalten haben.“ Diese Aufforderung an die Juden kann nur als Häme und Verletzung verstanden werden.

Vor zehn Jahren ließ das Staatsministerium für Unterricht und Kultus unter dem Relief auf der Brückenmauer eine – allerdings nicht zufriedenstellende – Erläuterungstafel anbringen. Die Bedeutung das Schweins als Symbol des Teufels im Mittelalter wird dort nicht erwähnt. Das Motiv des Tanzes um das goldene Kalb wird ignoriert.

 

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