Mittwoch, 14.11.2018

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Goldene Zeiten für Pfandleihhäuser

«Am Ersten bin ich wieder flüssig» - 30.06.2009

Für schlappe 8500 Euro wäre im Leihhaus am Westtorgraben dieser Ring – Aquamarin mit Brillanten – zu haben. © Joswig


Entsprechend gemischt ist die Klientel, die sich bei Gernot Zeller die Türklinke in die Hand gibt. Wer alles zu ihm kommt, das ist längst nicht mehr an einem bestimmten Typus festzumachen. «Ganz klar gibt es welche, die den Fuffziger brauchen, um über den Monat zu kommen. Sicher auch Hartz-IV-Empfänger», weiß er und holt aus. «Das hat sich extrem geändert. Früher waren es die sozial Schwächeren. Mittlerweile ist der Mittelstand die größte Kundengruppe – und Firmeninhaber verpfänden Maschinen oder Fahrzeuge, um ihr Unternehmen zu stützen.»

Auch altersmäßig gebe es keine festen Muster mehr. Vom 18-jährigen Studenten bis zum Doktor sei alles vertreten: «Natürlich ist bei den Leuten oft noch eine Schwellenangst da. Vorurteile wie: Wenn du erst mal so weit bist, dass du ins Leihhaus gehst . . .»

Wer sich erst einmal überwunden hat, dem wird rasch geholfen: Der Kunde hinterlegt einen Wertgegenstand, auf dessen Schätzwert er vom Leihhaus Kredit erhält. Die Laufzeit ist in der Regel drei Monate, kann aber verlängert werden. Nach Rückzahlung der Kreditsumme – samt der Zinsen und Gebühren, die vereinbart wurden – erhält er sein Pfand wieder zurück. Wird der verpfändete Gegenstand bis zum Ende der Vertragslaufzeit nicht ausgelöst, kommt er zur Versteigerung. «Das geht unkompliziert und schnell. Man muss nur einen Ausweis vorlegen und hat circa zehn Minuten später sein Geld», erläutert Zeller. Keine Gehaltsbescheinigung, keine Schufa, kein Anpumpen von Freunden oder Verwandten mehr – als Gegenwert behält das Leihhaus ja das Pfand. Und Probleme mit Hehlerware und Diebesgut gibt es schon deswegen nicht, weil Kriminelle nur ungern ihre Personalien hinterlassen.

Uhren und Schmuck sind Gernot Zeller am liebsten. Einmal bot man ihm ein Wasserschloss im Fränkischen an. «Das ging aber nicht, weil ich nur bewegliche Sachen annehmen darf.» Auch Autos sind möglich. Aber nur, wenn er sie ordentlich verwahrt und niemand damit herumfahren kann. «Wir nehmen auch noch so genannte Allgemeinpfänder. Also Laptops, Videokameras oder ein Navi. Es gibt halt Leute, die besitzen keine Wertgegenstände mehr. Die haben sonst gar keine Chance.» Wie schnell es dazu kommen kann, erlebt der 40-Jährige immer wieder. «Viele Leute übernehmen sich einfach. Die kaufen heute die teure Uhr, morgen geht die Waschmaschine kaputt, jetzt noch die Stromnachzahlung, und dann haben sie keine tausend Euro mehr, um noch irgendwie zu reagieren.» Wenn die Bank den Geldhahn zudreht, sind Pfandleihhäuser der letzte Ausweg.

Der Branche beschert diese Entwicklung goldene Zeiten. Im vergangenen Jahr besorgten sich eine Million Menschen ganze 510 Millionen Euro aus Leihhäusern, wie der Zentralverband des Deutschen Pfandkreditgewerbes vermeldet. In ihm sind rund 200 private Pfandleihbetriebe organisiert, 17 davon in Bayern. Für 2009 dagegen rechnet der Verband jedoch nur mit einem ganz kleinen Wachstum, sagt der Verbandsvorsitzende Thomas Struck.

Warum, dafür hat Helga Germann, Vorsitzende des süddeutschen Landesverbandes, folgende Erklärung: Zwar werden 90 Prozent aller Pfänder von Leihhauskunden wieder ausgelöst. «Aber in schlechten Zeiten überlegen sich die Leute zwei Mal, ob sie etwas verpfänden. Sie haben Angst, dass sie es nicht mehr abholen können.»

Gernot Zeller bewahrt für seine Kunden derzeit ein paar tausend Pfänder auf. Ein Limit, ab welchem er Kredit gewährt, gibt es nicht: «Theoretisch fangen wir bei einem Euro an.» Wer sich dagegen im Leihhaus am Unschlittplatz mit der Verpfändung seines Besitztums Bares verschaffen will, um einen finanziellen Engpass zu überstehen, muss schon etwas Wertvolles auf die Ladentheke legen. Dort ist man auf hochwertige Armbanduhren, Gold- und Brillantschmuck spezialisiert.

Zwar funkelt in den Vitrinen des ehemaligen Kornspeichers kostbares Geschmeide neben durchaus erschwinglichen Ringen und Kettchen. «Aber 25 Euro Beleihungssumme muss der Pfandwert schon betragen», meint die Abteilungsleiterin Manuela Zeis.

Im Nürnberger Kfz-Pfandleihhaus an der Stadtgrenze zwischen Nürnberg und Fürth gibt es «Bares auf die Haube», wie Geschäftsführer Rick Pomerance berichtet. Zwar sei man in seinem Unternehmen eher auf große Sachen spezialisiert. Autos, Wohnwagen, Motorräder, Baumaschinen, Werkzeug und sogar ein Flugzeug habe er acht Jahre lang auf seinem Gelände stehen gehabt. Aber auch auf weniger werthaltige Pfänder gibt er Kredit: «Heute früh brachte mir ein junger Mann seinen uralten DVD-Player. Dem fehlten noch zehn Euro für die Mobi-Card. Die hat er bei mir bekommen».

Das Leihhaus am Hauptbahnhof stellt an den Wert eines Pfandes gar keinen Mindestanspruch. «Es muss kein Gold sein. Wir akzeptieren so gut wie alles, was einen Wert hat», so Geschäftsführer Schahrock Banki. Autos, Kameras oder teure Preziosen haben aber auch hier ihren Preis – für den Käufer, der auf ein besonderes Schnäppchen hofft.

Pfänder der besonderen Art kann man auch bei Behörden ergattern: Immer dann, wenn vom Finanzamt, dem Zoll und zahlreichen anderen Behörden beschlagnahmte oder gepfändete Gegenstände versteigert werden. Einzige Bedingung (wie bei den meisten Leihhäusern auch): Das nötige Kleingeld für den Kauf muss in bar mitgebracht werden.

So kommen beim Zentralfinanzamt Nürnberg Monat für Monat Hunderte gepfändete oder beschlagnahmte Gegenstände unter den Hammer – letzte Chance für so manchen Schuldner in Franken, seine Steuerschulden doch noch zu tilgen. Vom mittelalterlichen Eichentisch mit 16 Stühlen für den hauseigenen Rittersaal bis zur Luxuslimousine ist alles im Programm. «Gottseidank ist jetzt endlich diese komplette Tierarztpraxis raus», seufzt Reinhard Hirn erleichtert, als der Auktionator das derzeitige «Sorgenkind» der Behörde in der Voigtländerstraße für nur 1800 Euro einem glücklichen Käufer aus Ungarn zuteilt. «Das war eine Gewerbeauflösung, die hat uns das ganze Lager zugestellt», erzählt der Leiter der Pfandverwertungsstelle.

Ein ebenfalls ergiebiger Jagdgrund ist das virtuelle Auktionshaus von Bund, Ländern und Gemeinden: Über www.zoll-auktion.de versteigern der Zoll und andere Behörden rund um die Uhr Gepfändetes, Sichergestelltes oder Beschlagnahmtes aller Art. Vier Fläschchen After Shave, Marke «Legendary Harley Davidson», sichergestellt von der Polizeidirektion Chemnitz, sind hier für ein Mindestgebot von zehn Euro zu haben. Genau wie das Stromaggregat für 28 000 Euro, abzuholen in Bad Frankenhausen oder ein Golf-Bag mit 13 Schlägern, für zehn Euro erhältlich beim Hauptzollamt Stralsund.

Von der allgemeinen Wirtschaftskrise hat zumindest das Zentralfinanzamt bislang noch nichts bemerkt. «Das kommt erst in einem Jahr, wir sind immer später dran als der Markt», meint Reinhard Hirn. Was daran liegt, dass Steuererklärungen ebenfalls erst im Nachhinein abgegeben werden. Die Kunden von Gernot Zeller und seinen Branchenkollegen erleben allerdings heute schon am eigenen Leib: Nirgendwo trifft der Satz «Des einen Leid, des andern Freud» wohl besser zu als in Pfandleihhäusern und auf Versteigerungen.

Versteigerungstermine:

Leihhaus Westtorgraben,

Westtorgraben 21, 2 27 75 00,

www.leihhaus-westtorgraben.de,

Termin: 1. Juli, Beginn 18.30 Uhr,

Vorbesichtigung heute, 30. Juni,

und 1. Juli von 10–18 Uhr;

Zentralfinanzamt, Voigtländerstr. 7,

53 93 12 24,

www.zentralfinanzamt-nuernberg.de,

Termin: 1. Juli, Beginn 9 Uhr,

Vorbesichtigung ab 8.30 Uhr

und unter: www.zoll-auktion.de;

Nürnberger Kfz-Pfandleihhaus,

Höfener Str. 89, 3 15 08 24,

www.kfzpfandleihhaus.de,

Termin: 8. Juli, Beginn 18 Uhr;

Leihhaus Nürnberg, Unschlittplatz 7a,

23 60 80

www.leihhausnuernberg.de

Termin: 11. Juli, Beginn 10 Uhr,

Vorbesichtigung zwei Tage

vor der Auktion von 10–17 Uhr
 

Kerstin Joswig

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