Mittwoch, 12.12.2018

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Darsteller Stefan Lorch: Journalist, Maler, Saucier? Schauspieler!

Als Steinbock hat er Zusatzenergie, für schlechte Energien ist sein Auto zuständig und Vielseitigkeit ist sein Plaisir - 17.08.2010 14:46 Uhr

Stefan Lorch © Hagen Gerullis


„Oben stehen, bis zum Horizont sehen, die Aussicht über diese mittelalterlich geprägte Stadt - das mag ich so an diesem Platz!“ Einheimischen wird es warm ums Herz ­- schließlich lobt hier einer, der schon in vielen Städten zu Hause war. München, Stuttgart, in Hamburg auf Sankt Pauli ­- der Erst-Wohnsitz des gebürtigen Ludwigsburgers war bis vor kurzem immer noch Berlin.

Enthusiastisch schwärmt der Schauspieler von Freiheit und Weite - die sonnenbeglänzte Novemberherrlichkeit macht ihn nicht still, nein, er macht seiner Begeisterung Luft. „Ich freu mich hier auf alles, was kommt!“ Das wissen nun auch die Teilnehmer einer Stadtführung, die gerade etwas über die Silbe „Nor“ von „Norimberga“ in Erfahrung bringen. „Ich bin gerne Pessimist!“ Wie?! „Ich mache immer alles schlechter, als es ist, dann werde ich positiv überrascht.“ Ahja. „Im Theater gibt es viele Masochisten wie mich!“ Ähh . . . „Und am Ende geht doch alles immer gut aus.“ Ach so. Klar. „Können wir das vielleicht lieber weglassen?“, fragt er mit entwaffnendem Lächeln; Nein, das meint er nicht wirklich ernst.

Die Sonne sinkt, wärmere Gefilde locken. Das Kopfsteinpflaster beim Burgbergabstieg fest im Visier, spricht der Darsteller über Rollen und Bühnen-Energie, über das alte Familien-Weingut Lorch in der Pfalz und außergewöhnlich durstige Vorfahren, die immer wieder das Vermögen und einst sogar den Adelstitel verflüssigten, über seinen Glauben an Gott, über gewisse Ähnlichkeiten von Berlin und Nürnberg in puncto Gemütlichkeit, die früher vor allem durch die bayerische Sperrstunde unterbunden wurden ­- „is´ doch schlimm!“ - über die Todesstrafe in den USA, über . . .

Der Themen, der Geschwindigkeit, der Lebendigkeit kein Ende. Der 38-Jährige sprüht vor Elan, Esprit. Eine Hand unter dem Hemd in der Hosentasche vergraben, malt die andere Gebilde in die Luft, schwups, schon ist er beim Ausschmücken eines Nebensatzes, springt in die nächste Gedankenschleife: „Ist das verständlich?“ - ja doch. Und tatsächlich, es macht Spaß, dieser Eloquenz zu folgen. Dann sitzt er im Café und enthüllt die Hintergründe seiner Rastlosigkeit. „Ich richte wahnsinnig gerne Wohnungen ein - kein Wunder, wenn man schon so oft umgezogen ist.“ Oje. In Nürnberg fehlen nur noch Gang-Gestaltung und Lampenhängung. „Hm. Keine Sorge, hier gibt es noch so viel zu entdecken . . .“

Stefan Lorch © Hagen Gerullis


Ein verhinderter Innenarchitekt ist er. Dafür rennt der Architektur-Freak tagelang durch New York, bis er nicht mehr gehen kann und seine Begleitung gestresst kapituliert. „Eigentlich mag ich Amerika nicht besonders. Dieser Gute-Laune-Zwang! Aber ich fahr’ trotzdem immer wieder hin.“ Ach! „Diese Weltstädte wie Hongkong oder New York - Reisen ist meine Lieblingsbeschäftigung!“ In sechs Wochen Jahresurlaub schaffte er immerhin Kairo, Luxor, Kreta und die USA. „In Ägypten ging’s mir total schlecht“, deklamiert er, halb auf den Armen über dem Tisch liegend, den Kopf vorgestreckt. „Der typische Deutsche! Die Einheimischen schlafen am Nachmittag, ich mach´ ne Fahrradtour durch die Wüste“, entrüstet er sich. „Steinböcke meinen immer, sie haben Zusatzenergie. Da ist mein Pessimismus zum Ausgleich ganz gut.“

Um das noch mal klarzustellen: Stefan Lorch ist Schauspieler. Eigentlich wollte er aber nicht nur Innenarchitekt, sondern auch Tennisspieler, Journalist und Maler werden. Vielleicht auch Saucier - unter anderen Köchen. Die Jugendzeit verbrachte er am Bodensee. „Schwarz gekleidet, underground, Jugendclique - wir wollten da raus“, blickt er zurück. „In Schwaben sind viele vom Geld verdorben.“ Lachend schiebt er Bissiges in Schwäbisch hinterher. Er war freier Mitarbeiter bei der Zeitung, spielte Off-Theater und studierte schließlich Publizistik, Philosophie und Theaterwissenschaft in Berlin.

Nach zwei Jahren brach er ab, begann sein Schauspielstudium in Hamburg. Währenddessen stand er bereits auf den Bühnen der Hansestadt Lübeck, arbeitete frei in Berlin und Hamburg, Engagements am Stadttheater in Annaberg-Buchholz und am Landestheater Sachsen-Anhalt folgten. „In Berlin habe ich für kurze Zeit das freie Studentenleben genossen und als ,Aktionskünstler` unter anderem Installationen gemacht - mit Marzipanaroma oder der Gehirnmasse von Schweinen. Der Witz war, dass es überall gestunken hat - auch eine sinnliche Erfahrung!“ Er grinst. „Heute ist das natürlich ein alter Hut.“

Vor Premieren schlafe er ziemlich gut, Lampenfieber müsse eben in „geführte Energie“ umgewandelt werden. „Früher war ich extrem introvertiert“, erklärt er in einem Tempo, das selbst Kaffee nervös machen würde. „Auf der Bühne stehen war am Anfang schlimm. Dabei, dachte ich, kannst du aber am meisten lernen. Und das soll man ja.“ Hmmm!? Ja, er sei nicht kaputt zu kriegen! Die Extreme liebt er, wie Berg- und Wattwandern; Mit einem Segelboot über die Meere zu schippern ist sein größter Traum und der schnittige 25 Jahre alte Bertone-Oldie ist Magnet für alle schlechten Energien, die sonst er selbst abkriegen würde: „Der Wagen ist fast immer kaputt!“ Vielleicht wäre er ja auch gerne Rennfahrer geworden . . . Uff! Aber keine Sorge - Bühnen-Bretter bieten unendliche Möglichkeiten. 

Anabel Schaffer Nürnberg plus E-Mail

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