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Ein Musik-Projekt erobert Bayern

Seit 2009 greifen Schüler mit "klasse.im.puls" zum Instrument - 20.04.2012 15:00 Uhr

Musik machen, statt bloße Theorie pauken – das macht auch den Lehrern mehr Freude: Wolfang Appel zeigt den Schülern seiner Keyboard-Klasse die nächsten Schritte. Doch fordert "klasse-im.puls" auch ein wesentlich höheres Engagement der Lehrer. Auch die Geräuschbelastung, z.B. in Bläserklassen, ist enorm. © Michael Matejka


Der Kakophonie folgt Notenständer- und Stühlerücken. Ein prüfender, Stille gebietender Blick von Karl-Heinz Höger beendet die Vorbereitungen: „Mir gefällt nicht, wenn ihr immer eure Noten vergesst! Jeder nimmt seine Sachen mit, das haben wir ausgemacht.“ Kurzfristiges Schämen, dann geht’s aber los. Eine Tonleiter? Noch mal! „Die Saxofone beim Anblasen noch leichter, dann hört man von den anderen auch noch was!“ Der Musiklehrer gibt den Einsatz – 20 Kinder sind voll konzentriert. Das kann die Gruppe ein paar Räume weiter aber auch. Sogar ohne Instrumente...

Der kurzfristige Raumtausch bringt Percussion-Profi Yogo Pausch und seine Trommel-Truppe nicht ins Wanken, auch wenn die Instrumente so rasch nicht mit umziehen konnten. Es geht schließlich um Rhythmus – und der ist mit bloßen Händen herzustellen; dazu ein Pult oder Oberschenkel, Luftschläge nicht vergessen – fertig ist der Beat, der den Schulalltag zum Swingen bringt. Die Schüler, darunter drei mit erheblicher Konzentrationsschwäche, scheinen die Bewegungen aufzusaugen und schaffen komplizierte Rhythmusfolgen fast fehlerlos.

Wer übt, wird besser. Das merken nicht nur die Saxofonspieler rasch. © Michael Matejka


Erstaunlich still ist es einen Gang weiter: Kopfhörer hängen an den Keyboards und die Schüler üben jeder für sich, was Wolfgang Appel soeben gezeigt hat. „Auf diese Stunde freuen wir uns immer ganz besonders“, macht Alex (11) die Top-Position in der Rangfolge der Unterrichtsfächer klar – und Jeff (10) neben ihm nickt begeistert. Schon blicken sie wieder auf Tasten und Noten. Die meisten Schüler der Veit-Stoß-Realschule nehmen das Angebot, das durch das Projekt „klasse.im.puls“ (die NZ berichtete) erst ermöglicht wurde, sehr gut an, erzählt Wolfgang Appel später.

Ob sie einmal Teil einer Schul-Band oder eines -Orchesters sein können, liegt nach einiger Zeit aber am Eigen-Engagement. © Michael Matejka


Ihm selbst mache der Unterricht auch mehr Freude, seit praktisch und nicht vorwiegend theoretisch gearbeitet wird. „Es ist für Eltern, Lehrer und Schüler schöner, wenn man etwas zusammen machen kann.“ Doch fordert der Instrumentalunterricht mehr von den Lehrern, das beginnt schon beim Geräuschpegel: „Mit den Kopfhörern am Keyboard geht es noch“, so Appel. „Zum Glück habe ich nicht den Percussionslärm, wenn 30 Trommeln loslegen!“ Kollegin Dorothee Everding, stellvertretende Direktorin der Realschule, sieht das ähnlich: „Es macht großen Spaß, doch es ist anstrengend, erst mal 20 Gitarren zu stimmen!“

„Klasse.im.puls“ jedoch ermögliche Kindern einen Zugang zur Musik, den sie sonst nicht hätten; außerdem die Erkenntnis: „Üben bringt Erfolg. Wir hoffen, dass die Schüler das übertragen; auch Vokabeln-Lernen bringt Erfolg.“ Häufig sei es das stille, unauffällige Kind, das zu tollen Leistungen komme und nicht der „coole Typ“, beschreibt sie die Möglichkeit persönlicher Entfaltung und Integration. „Nach meinem Empfinden ist die Hausmusik für Kinder mit Migrationshintergrund noch selbstverständlicher.“ Oft kämen die Kinder mit einem riesigen Anspruch an sich selbst. „Lernen sie dann das Instrument, merken sie: Oh, wir müssen erst mal ganz kleine Brötchen backen!“

Immer locker bleiben – aber aufgepasst: Genauigkeit ist gefragt, wenn es um Takt und Ryhthmus geht; mit oder ohne Trommel. Abseits des Unterrichts können die Schüler Percussion-Profi Yogo Pausch (5.v.li.) bei Band-Auftritten in Aktion erleben. © Michael Matejka


Eigen-Engagement ist nötig, um einmal in einer Band oder einem Schul-Orchester spielen zu können – und das ist das Ziel. Gelungen sei das bereits an Haupt-/Mittelschulen in Band-Klassen, berichtet Dorothee Everding. „Die Kinder kommen sogar krank zu den Proben, denn das Gemeinschaftserlebnis ist stark!“

Auch darum geht es bei „klasse.im.puls“, dem bundesweit ersten Projekt, das in enger Kooperation von Universität und Staatsministerium das aktive Musizieren in den Mittelpunkt des Musikunterrichts in Haupt-/Mittel- und Realschulen stellt. „Wir wollen Leute erreichen, die kein Geld haben, um einen Instrumentalunterricht zu bezahlen, und Schulen, in denen das Musizieren eher geringen Stellenwert hatte“, erklärt Initiator Wolfgang Pfeiffer, Professor für Musikpädagogik an der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg.

Mit zwölf Schulklassen war „klasse.im.puls“ 2009 in der Metropolregion gestartet. „Inzwischen sind wir bei 108 Schulen in ganz Bayern“, sagt Pfeiffer nicht ohne Stolz. „Es läuft unheimlich gut! Die Schüler gewinnen an Selbstwert; die Integration, auch von Außenseitern, gelingt viel besser als in anderen Fächern; die Aggressivität hat enorm abgenommen, der Zusammenhalt ist gestiegen und auch die Lehrer sind – bei aller Anstrengung – hochmotiviert, weil sie den Erfolg sehen.“

Amy ist von ihrem Horn sichtlich begeistert. Einen Nachmittag lang probieren die Kinder alle Instrumente aus, um festzustellen, welches sie gerne lernen möchten. © Michael Matejka


Bayernweit aufgestellt zu sein, sei Ziel des Projekts; der Anspruch, jede interessierte Schule zu beraten und zu besuchen. „Jede Schule erhält einmalig 4000 Euro für die Anschaffung von Instrumenten“, erläutert Wolfgang Pfeiffer. Das Geld werde von Sponsoren aus der Wirtschaft eingeworben. Generell habe der Initiative auch der Kontakt zu Service-Clubs wie Rotary oder Inner Wheel sehr geholfen. „Doch wir wollen finanziell keine Komplettausstattung bieten, sondern den Anreiz geben, kreativ zu werden. Läuft ,klasse.im.puls‘ keine vier Jahre, wird das Geld wieder eingezogen. Kontrolle ist wichtig“, betont Pfeiffer. „Es geht nicht darum, mit fünf Leuten eine Band zu machen; die Richtlinien sind hier eindeutig.“

Das betrifft die Wartung der Instrumente ebenso wie die Fortbildung der Lehrer in verpflichtenden Foren: „Wir zwingen die Lehrer bewusst zu einem Netzwerk und zum Austausch unter Kollegen, damit sich auch die Lehrer weiterentwickeln können.“ So sei der Zulauf zum Wahlpflichtfach Musik bei den teilnehmenden Mittelschulen enorm gestiegen. „In Bayern üblich sind sieben Prozent, an diesen Schulen sind es jetzt 90 Prozent!“

Warum er mit großem, auch privatem Einsatz „klasse.im.puls“ ins Leben rief? „Ich habe den Anspruch, das, was ich in der Theorie an der Uni lehre, in der Praxis umgesetzt zu sehen. Es ist mir wichtig, dem Musikunterricht Impulse zu geben“, sagt Wolfgang Pfeiffer, sprühend vor positiver Energie, und zeigt im Projektraum der Uni auf eine Bayernkarte mit vielen bunten Fähnchen: Jedes markiert eine Instrumentalklasse des Erfolgsprojekts. „Ich wollte in Bayern etwas machen, das nachhaltig ist und möglichst vielen Kindern die Chance gibt, Musik zu machen. Und zwar über Jahre hinweg!“

Weitere Infos: www.klasse-im-puls.de. Die Musiktalent-Check-DVD der NZ und der Nürnberger Symphoniker „Welches Instrument passt zu meinem Kind?“ ist kostenlos zu beziehen unter: nz-chefredaktion@pressenetz. de oder 23512021.
  

Anabel Schaffer

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