Dienstag, 18.12.2018

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Klangkünstler Florian Tuercke nimmt Deutschland auf

Plingplang und ein großes Ploing - 14.09.2009

Florian Tuercke (rechts) mit seinen Instrumenten und den Zuhörern beim Auftakt zu seiner Deutschlandtour. Was aussieht wie ein Fernrohr mit Honigmelone, ist eine Art verkehrte E-Gitarre, die Schall aus der Umgebung sammelt. © Sippel


«Urban Audio» nennt der 32-Jährige sein Verfahren. Am Wochenende hat ein Grüppchen Kunstfreunde im Kulturverein Winterstein auf dem AEG-Gelände inspiziert, was er damit meint. Die Leute setzten Kopfhörer auf und lächelten wissend, wenn das kleine Mädchen jubelte, der Vater klatschte, ein Motorrad vorüberfuhr oder ein Flugzeug am Himmel brummte. All diese beiläufigen Geräusche hatten die Klaviersaiten in Tuerckes selbst gebauten Röhreninstrumenten zum Schwingen gebracht und Funksignale an sein Tonstudio im Bus übertragen. Das spuckt die Töne umgewandelt wieder aus. Sprache wird Plingplang, der Wind ein rauschendes Geläut, der Rest ein großes Ploing.

Aufregender lässt sich so allerdings Verkehrslärm an Kreuzungen verkomponieren. Das hat Florian Tuercke vielfach an den Nürnberger Schlagaderstraßen und zuletzt in den USA getestet (die NZ berichtete). 16 einstündige Auto-Zufallssinfonien will er jetzt aufnehmen. «Bewusst zu machen, dass wir alle Teile eines selbst organisierten, scheinbar chaotischen Systems sind», ist dem Absolventen der Nürnberger Akademie genug Ansporn, auch die dümmsten Passantenkommentare anzuhören. Wenn schon Kunstpublikum so viele Verständnisfragen stellt! «Ich sage auf der Straße dann selten, dass es Klangkunst ist. Eher, dass ich hier bin, um Geräusche in Klänge zu transformieren.»

Erste Station ist Erfurt. Florian Tuercke hat bei Google nach den wichtigsten Kreuzungen gesucht und sich schriftlich in allen Städten angemeldet. Einige Kulturabteilungen antworteten ihm euphorisch und boten gleich eine Unterkunft an. Andere schwiegen. Eine Baubehörde sagte ihm ab, zu gefährlich sei das für die Autofahrer. Die Oberbürgermeisterin musste es auf seine Nachfrage hin richten. Florian Tuercke wüsste nicht, was an einer Deutschland-Sinfonie gefährlich sein sollte, zumal in D(!)-Dur. Er hört es schon klingeln, dass Radiosender sie als experimentelle Musik ins Programm nehmen.

Florian Tuerckes Deutschland-Tour kann man online unter www.stadt-akustik.de verfolgen. 

Isabel Lauer

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