Mittwoch, 14.11.2018

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Swing is back: Zeitreise der Tänze in eine andere Ära

Renaissance der amerikanischen Gesellschaftstänze der 20er bis 50er Jahre - 06.10.2009

Die Tanzlehrer Poldi und Mia machen es vor, die Tanzwütigen nach: Amerikanische Gesellschaftstänze aus dem vorigen Jahrhundert sind wieder im Kommen. Beim «Swing & Dance Club» treffen sich einmal im Monat Gleichgesinnte.


Gut 45 Minuten braucht Julia Kempken, bis die Metamorphose von der vierfachen Mutter zur Swing-Diva vollzogen ist. Die Unterhaltungskünstlerin, die in ihrer Tanzschule «Tanzfabrik» in speziellen Kursen die ersten Schritte auf dem Parkett lehrt, ist mit Leidenschaft bei der Sache: «Mich fasziniert diese Musikrichtung und Mode, seit ich ein Kind bin. Damals kam die Musik noch nicht aus der Konserve, das waren noch richtige Live-Unterhalter.» Kempken schwärmt für unvergessene Legenden wie Josephine Baker, Duke Ellington, Fred Astaire und Ginger Rogers. «Aber es ist schwer, ein Publikum für so was zu finden», so die 48-Jährige, während sie vor dem Spiegel mit leuchtenden Farben für den letzten Schliff sorgt.

Ihre Garderobe gleicht einem Broadway-Fundus. Inmitten von Federboas, Matrosenhüten, einem Frack sowie einem falschen Fuchs macht sie sich zurecht. «Im Alltag geht das natürlich nicht, aber am Wochenende zelebriere ich meine Leidenschaft für Kostümierung mit großem Aufwand. Das ist ein echter Kindheitstraum, den ich mir sogar zum Beruf machen konnte.»

Plakate erinnern an zahllose Veranstaltungen aus dem Bereich des Kabarett, Varieté und Kleinkunst-Theaters, an denen Kempken beteiligt war. «1987 hatte ich meinen ersten Auftritt als Stepptänzerin in der Nürnberger Fußgängerzone. Darauf werde ich noch heute angesprochen», lacht sie. Sogar eine Olympia-Teilnahme hat sie vorzuweisen, wenn auch der etwas anderen Art: 1988 reiste sie nach Seoul (Südkorea), um gemeinsam mit ihrem langjährigen Bühnenpartner Oliver Tissot im Rahmenprogramm der Spiele aufzutreten.

Der Saal füllt sich, während sich die Live-Band einspielt. «Das ist echtes Ballroom-Feeling. Wo gibt es das denn heute noch?», strahlt die Künstlerin begeistert. Livemusik ist harte Arbeit, es kann nicht geschummelt werden. «Dafür kommt aber auch die Belohnung sofort», gewinnt Kempken dem direkten Publikums-Kontakt ausschließlich Positives ab. Sind die ersten Schritte unter der Anleitung der Tanzlehrer Mia und Poldi auch noch etwas schüchtern, so wird die Tanzfläche spätestens zu den Andrews Sisters gestürmt. Zu «Bei mir bist du schön» wird geswingt, gegrooved und regelmäßig Partner gewechselt.

Im Rahmen dieser Rotation können sich dabei durchaus große Altersunterschiede zwischen den Tänzern auftun. «Der jüngste Kursteilnehmer ist 14, der älteste 74. «Die Kleinen finden die Alten cool, wie es so schön heißt», berichtet Kempken. Während das ältere Semester in Erinnerungen schwelgt, reizt den Nachwuchs der sportliche Aspekt.

«Die jüngeren Tänzer suchen etwas, bei dem sie sich so richtig verausgaben können», weiß Kempken. Was genau sie zum Lindy Hop treibt, weiß sie allerdings nicht: «Es gibt kein besonderes Ereignis wie zum Beispiel einen Film, das eine Begeisterung ausgelöst hat. Vielen gefällt einfach die Musik, und sie landen schließlich darüber beim Tanzen. Unsere Kurse finden die meisten dann im Internet.»

Rund 50 Gäste tummeln sich mittlerweile rund um die Tanzfläche, um in zwanglosem Rahmen das Gelernte auszuprobieren. Zu den unterschiedlichen Kursen, die seit mittlerweile rund zwei Jahren angeboten werden, kommen im Schnitt immerhin zehn Teilnehmer. «Es könnten gerne noch mehr sein», sagt Julia Kempken. «Aber man sagt, dass es rund fünf Jahre dauert, bis sich so eine Einrichtung etabliert hat.» Die Rote Bühne öffnete vor drei Jahren ihre Tore. «Die Resonanz ist sehr positiv, auch wenn die Konkurrenz im kulturellen Bereich in Nürnberg sehr groß ist.» Ohne viel Werbung hat sich die gut versteckte Kleinkunst-Bühne zu einer Fundgrube interessanter Veranstaltungen gemausert.

Fällt die (Tanz-) Liebe auf die Vergangenheit, ergeben sich indes ganz andere Probleme: «Es ist gar nicht so einfach, Leute zu finden, die diese Tänze überhaupt noch beherrschen. Aber dank diverser Internet-Videoplattformen und moderner Medien ist es immerhin schon viel einfacher geworden, an die Musik zu kommen. Und den einen oder anderen Schritt kann man sich dort auch abgucken.»

Rote Bühne

Vordere Cramergasse 11/RG, 90478 Nürnberg, 09 11/40 22 13, Spielplan Herbst/Winter unter www.rote-bühne.de.


Tanzfabrik

Vordere Cramergasse 11-13, 90478 Nürnberg, 09 11/40 22 13, Kurs- und Workshopprogramm unter www.tanzfabrik-nuernberg.de
 

Maja Kolonic

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