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Vom Umgang mit Zeugnissen der Zeitgeschichte

Wandmalerei verschwand - 04.01.2010

Im Februar 2009 war die Wandmalerei auf dem Haus am Platz der Opfer des Faschismus noch vorhanden. © Rieger


Besondere Bedeutung gewinnt dieser historisch unsensible Akt durch die Tatsache, dass 2009 in Deutschland und Bayern anlässlich des 60-jährigen Bestehens der Bundesrepublik verstärkt die Phase des Wiederaufbaus nach 1945 dargestellt und diskutiert wurde, etwa in der Landesausstellung des Jahres 2009 in Würzburg.

Grund genug, einen internationalen Experten und Kenner der Nürnberger Gegebenheiten um einen Kommentar zu bitten: Neil Gregor, Professor für Moderne Geschichte an der Universität von Southampton (Großbritannien) mit dem Schwerpunkt deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts. Kürzlich erschien sein Buch «Haunted City: Nuremberg and the Nazi Past», in dem er sich kritisch mit der Bedeutung dieser und anderer Wandmalereien in Nürnberg auseinandersetzt.

War Prof. Gregors Auftritt im März 2009 im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände (die NZ berichtete) Anlass für die Beseitigung der Malerei? Von den Eigentümern des Hauses am Platz der Opfer des Faschismus war zu dieser Frage keine Stellungnahme zu erhalten.

Teile der Darstellung von Prof. Gregor wurden auf Deutsch in der Zeitschrift «transit nürnberg #2» abgedruckt. Die NZ gibt im Folgenden die Stellungnahme des englischen Historikers zu den Vorgängen in Nürnberg wieder:

«Die äußerst unglückliche Entscheidung, die Fassadenbemalung am Platz der Opfer des Faschismus zu entfernen, war höchstwahrscheinlich eher die gedankenlose Entscheidung einzelner, die ihre geschichtliche Bedeutung nicht erkannten, als ein bewusst politisch motivierter Akt. Dennoch ergeben sich daraus grundlegende Fragen hinsichtlich des historischen Bewusstseins der Stadt, seiner Schwerpunkte und seiner blinden Flecken.

Das Wandgemälde, das den Anflug der alliierten Bomber, die Zerstörung der Stadt und die Früchte des Wiederaufbaus zeigte, würde zweifellos in dieser Form heute nicht mehr gestaltet werden. Die Betonung der unschuldigen Opfereigenschaft der Zivilisten im Bombenkrieg gab perfekt die Tendenz der Zeit wieder, sich auf das deutsche Leid im Krieg, nicht aber die deutsche Verantwortung dafür zu fokussieren. Man könnte sogar weitergehen und annehmen, dass in dieser Darstellung der Nazi-Jargon von den ,Terrorangriffen‘ ein Echo fand, was auf die hartnäckige Präsenz solcher Prägungen in der deutschen Gesellschaft bis in die 1950er Jahre hindeutet.

Die Platzierung der Bilder am Platz der Opfer des Faschismus selbst war eine unglaubliche Provokation, ein Beweis für den fehlenden Willen, die Verpflichtung einzugehen, die Opfer des Rassismus und der politischen Gewalt der Nazis ohne Widerspruch, Zweifel oder Relativierung anzuerkennen und ihrer zu gedenken. Aus all diesen Gründen stand das Gemälde in scharfem Widerspruch zu unserer heutigen Sensibilität bezüglich des Nationalsozialismus und des Holocaust.

Dennoch war es auf seine Weise ein hervorragendes und sprechendes zeitgeschichtliches Dokument, das Zeugnis ablegte von der Mentalität der frühen Nachkriegsjahre und nachdrücklich die Schwierigkeiten zeigte, die die durchschnittlichen Deutschen beim Versuch hatten zu verstehen, was ihnen und den anderen widerfahren war.

Die Existenz dieser Bilder erinnerte daran, dass der Prozess der ,Vergangenheitsbewältigung‘ in dieser Stadt immer mehr bedeutete als die Reflexion über das mantrahaft wiederholte Themen-Trio ,Nürnberger Reichsparteitage – Nürnberger Gesetze – Nürnberger Prozesse‘. Vielmehr ging es auch um das oft viel schwierigere Problem des Versuchs, einen Sinn in der Vielzahl entsetzlicher Erfahrungen extremer und massiver Gewalt zu finden, die Nazismus und Krieg mit sich gebracht hatten.

Die Präsenz der Bilder an einer Häuserfront war ebenfalls ein Hinweis darauf, dass solche Erfahrungen und ihr Erbe nicht auf Museen beschränkt bleiben können, sondern noch immer im Stadtbild zu finden und damit ein Teil des Gemeinwesens und seiner reichen Kultur sind.

Meine große Hoffnung ist, dass dieser sehr bedauerliche – und leider irreversible – Akt des Vandalismus Menschen dazu ermutigt über das Vorhandensein vieler anderer sehr bezeichnender – vielleicht sogar einmaliger – kultureller Objekte nachzudenken, die ebenso unbemerkt verloren zu gehen drohen oder deren Zerstörung unmittelbar bevorsteht, um sie als unverzichtbaren Teil des stimulierenden und geschichtlich faszinierenden Vermächtnisses dieser Stadt anzunehmen.» 

Susanne Rieger

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