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Wer rettet Nürnbergs Schwedenhäuser?

Nur noch drei sind übrig geblieben - 26.01.2010

Die einzige Schwedenscheune des Knoblauchslandes, die bis heute erhalten blieb, steht in Mittelbüg. © Rusam


In den Jahrhunderten zuvor zeigten die Dörfer ein völlig anderes Gesicht. Das zeigen die Anfang des 16. Jahrhunderts entstandenen Bilder Dürers, wie etwa das Aquarell von Kalchreuth (1500) oder die Radierung «Die große Kanone» (Kirchehrenbach 1518). Die meisten der dargestellten Häuser sind von einem tief herabgezogenen Vollwalm bedeckt, bei dem das Dach auf allen vier Seiten bis weit nach unten reicht. Diese Dachform schützt wie keine andere das Haus gegen Sturm, Regen und Kälte.

Schwedenzeit heißt graue Vorzeit

Schwedenhäuser nennt der Volksmund diese in das Mittelalter zurückreichende Bauernhausform des Nürnberger Umlandes. Freilich gab es diesen Haustyp schon lange vor der «Schwedenzeit», sprich dem Dreißigjährigen Krieg. Bis in die Schwedenzeit aber reichte gerade noch die Erinnerung des Landvolkes zurück, und so entstanden Namen wie Schwedenschanzen, Schwedenkreuze oder eben auch Schwedenhäuser. Sie alle haben freilich mit den Schweden nichts zu tun. Deutlich wird dies besonders bei den Schwedenkreuzen, war doch die Setzung solcher Sühnekreuze bereits über hundert Jahre vor dem Dreißigjährigen Krieg nicht mehr üblich. Mit dem Ausdruck Schwedenhaus sollte lediglich zum Ausdruck gebracht werden, dass diese Häuser aus grauer Vorzeit stammten.

Die Dächer dieser Schwedenhäuser trugen einst Strohbedeckung. Die Fenster waren klein, zusätzliches Licht fiel durch die beiden Firstöffnungen – im Volksmund Eulenlöcher genannt – in das Haus. Man kann nur ahnen, wie düster es an tristen Herbsttagen im Inneren gewesen sein muss. Urtümlich war die Konstruktion dieser Häuser. Die Hauptlast des Daches trugen nicht etwa die Außenwände, sondern zwei Reihen von freistehenden Holzsäulen, die oben durch Längs- und Querbalken verbunden waren.

Fachwerk, Lehm und kein Kamin

Die niedrigen Wände bestanden aus Fachwerk und waren mit Lehm bestrichen. Der Fußboden bestand aus gestampftem Lehm. Zumindest in der Anfangszeit lebten Mensch und Vieh unter einem Dach. Durch die Firstöffnung zog der Rauch ab. Somit sollte es kein Wunder sein, wenn die Balken vom Ruß geschwärzt waren, doch konnte neuere Forschung nachweisen, dass zur Imprägnierung der Stämme ein dunkler Farbanstrich verwendet wurde.

Noch im zwanzigsten Jahrhundert gab es im Knoblauchsland mehrere Beispiele dieser urtümlichen Bauernhausform, so etwa in Thon, in Almoshof und in Großreuth hinter der Veste. Ein eindrucksvolles Schwedenhaus stand in Großreuth. 1929 wurde es abgebrochen. Resignierend schrieb Dr. Mulzer: «Dass man es nicht fertigbrachte, dieses malerische, weitbekannte Bauwerk, das in zahlreichen Büchern abgebildet wurde, zu retten oder wenigstens an anderer Stelle wieder aufzurichten, ist eine Schande für die damaligen Nürnberger und ein Verlust für uns alle.»

Thon war das einzige Dorf bei Nürnberg, in dem sich – wie durch ein Wunder – gleich drei Schwedenhäuser bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg erhalten hatten. Dies war ein außergewöhnllicher Glücksfall und eine einzigartige Chance für die Denkmalpflege. Doch wurden zwei dieser Häuser noch Anfang der 1950er Jahre abgerissen. Als letztes in ursprünglicher Weise erbautes Vollwalmdachhaus im Nürnberger Stadtgebiet verblieb nur das Schwedenhaus in der Äußeren Bucher Straße 33.

Nach der Datierung anhand der Baumringe, der Dendrochronologie, ergab sich als Fälldatum der Stämme der Sommer 1551. Das Haus dürfte daher kurz nach dem Zweiten Markgrafenkrieg 1552/53 erbaut worden sein. Es ist kaum zu fassen, dass im April 1966 dieses letzte unschätzbare Denkmal der ältesten Bauernhausform des nürnbergischen Umlandes abgebrochen wurde. Der Nachbar berichtete mir, in welch geradezu barbarischer Weise dieser Abbruch erfolgte: Als keiner der Herren von der Denkmalschutzbehörde mehr zugegen war, legten die Arbeiter ein Drahtseil um die Mitte des Dachstuhls. Das andere Ende des Seils wurde an einem Baufahrzeug angehängt, das dann beim Losfahren den gesamten Dachstuhl zu Boden riss. Mit lautem Knall wurden die Balken aus ihren Verzapfungen gerissen und stürzten krachend nieder.

Eine Rekonstruktion wäre durchaus möglich

Die Reste dieses Gebäudes lagern heute bei einem Bauunternehmer in Altenfurt. Obwohl etwa ein Viertel des Holzgefüges inzwischen verschwunden ist, ließe sich Fachleuten zufolge aber doch eine behutsame Rekonstruktion durchführen.

Alle bisher genannten Gebäude waren ursprünglich vom Typ her Wohnstallhäuser. Zum Gehöft gehörten noch die Scheunen, welche prinzipiell ebenfalls als Schwedenhäuser erbaut wurden. Um einem Erntewagen die Einfahrt zu ermöglichen, setzte man das Dach zurück und erhöhte es über der Einfahrt. Das letzte Beispiel eines solchen Stadels steht in Mittelbüg im Pegnitztal.

Das Gebäude aus dem Jahr 1556 stand ursprünglich im Großen Tuchergarten hinter der Veste. Es wurde dann nach Weigelshof im Nordosten der Stadt und 1936 an seinen jetzigen Standort versetzt. Das Dach dieser Scheune ist heute mit Ziegeln bedeckt, die Außenwände sind mit Brettern verschalt. Das Gut Mittelbüg gehört inzwischen zum Nürnberger Tiergarten, die Scheune dient zur Zeit Lagerzwecken.

Das einzige Schwedenhaus, das heute noch an seinem ursprünglichen Platz zu finden ist, steht in der Großreuther Straße 98. In der Vergangenheit wurde das Gebäude zeitweise als Hirtenhaus genutzt. Anders als bei den bisher genannten Häusern gab es bei diesem kleinen Gebäude kein hölzernes Innengerüst. Als Fälldatum der Stämme konnte der Winter 1556/1557 ermittelt werden. Wegen der geringen Raumhöhe von 190 Zentimetern im Erdgeschoss und 180 im Dachgeschoss sind einer sinnvollen Nutzung enge Grenzen gesetzt.

Seit mehr als zwanzig Jahren steht das Gebäude nun leer. Das Dach ist schadhaft, die Mauern weisen Wasserflecken auf. Für die Eigentümerin ist eine Sanierung nach Vorgaben des Denkmalschutzamtes nicht finanzierbar. So verfällt es weiter.

Drei Schwedenhäuser haben die Stürme der Zeiten mehr oder weniger gut überdauert, eines davon in eingelagertem Zustand. Sie sind die letzten Zeugen unserer Bauernhäuser aus der Zeit vor einem halben Jahrtausend und damit unersetzliche Kulturdenkmäler.

Außerordentlich zu begrüßen sind daher die Pläne des neugegründeten Vereins «Freilandmuseum Nürnberg Schwedenhäuser e. V.», ein kleines Freilandmuseum mit diesen drei letzten Nürnberger Schwedenhäusern zu errichten, nämlich dem 1966 abgebrochenen Haus aus Thon, dem Hirtenhaus in der Großreuther Straße 98 und der Schwedenscheune in Mittelbüg. Wir möchten wünschen, dass sich viele Unterstützer dieses Vorhabens finden. 

Hermann Rusam

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