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Wenn der Vertriebsinspektor die Zeitung einwirft

Thomas Klink hilft bei den Zustellern auch aus - Job verlangt viel Fingerspitzengefühl - 03.08.2015 20:02 Uhr

Thomas Klink zieht los. Der Vertriebsinspektor des Verlags Nürnberger Presse ist jeden Tag im Außendienst unterwegs. © Mark Johnston


Manchmal beginnt der Arbeitstag für Vertriebsinspektor Thomas Klink fast so früh wie der seiner Zusteller. Früh morgens kann er nur dann etwas länger schlafen, wenn alles nach Plan läuft. Doch das ist beileibe nicht jeden Tag der Fall. Deswegen greift der erfahrene Gebietsleiter meistens schon vor 6 Uhr zum Telefon. Dann gilt es, kurzfristig Aushilfen zu organisieren und in seltenen Fällen muss er selber einspringen. Häufig aber übernehmen Zusteller aus benachbarten Bezirken spontan die Vertretung.

Von den Anstrengungen, schnell Ersatz zu besorgen und trotzdem eine pünktliche Zeitungslieferung zu gewährleisten, merkt der Zeitungsabonnent in der Regel nichts. Genau das ist das Ziel von Thomas Klink. Er ist zufrieden, wenn das Krisenmanagement wieder einmal geklappt hat.

Spätestens um 7.30 Uhr sitzt Klink an seinem Schreibtisch im zweiten Stock des Verlagsgebäudes in der Badstraße und schaut in seinen Computer. An manchen Tagen klingelt das Telefon dann bis zu drei Stunden ununterbrochen. Reklamationen kommen herein, Zusteller melden sich ab, weil sie verhindert sind oder Urlaub haben. Hin und wieder steht ein Vorstellungsgespräch an. Dabei ist er für jeden Hinweis auf potenzielle Zusteller, auch von Lesern, dankbar. Bis Mittag versucht der Vertriebsinspektor, die Personaldisposition abzuschließen.

Für das Nürnberger Stadtgebiet sind vier Vertriebsinspektoren zuständig, die sich auch gegenseitig vertreten. Alle kennen sich nicht nur in ihrem Stammgebiet aus, sondern können notfalls ohne größere Vorbereitung beim Nachbarn einspringen.

Ruth Schinner feiert zehnjähriges Zustelljubiläum und darf sich über einen Blumenstrauß und einen Umschlag mit einer Prämie aus den Händen von Thomas Klink freuen. © Günter Distler


Ab 12.30 Uhr geht es in den Außendienst. Vier Stationen stehen heute an. Bevor Klink Ruth Schinner besucht, die im Schatten der Südwesttangente ihr Arbeitsgebiet hat, stoppt er noch an einem Blumenladen. Schnell wird ein schöner Strauß gekauft. Die Bewohnerin des schmucken Einfamilienhauses in einer Siedlung im Stadtwesten wartet mit Kaffee und Kuchen.

Zuvor zeigt Ruth Schinner noch ihren Garten, in dem es üppig blüht. Klink bewundert den gepflegten Rasen und die einladende Sitzgruppe auf der Terrasse. Dann überreicht er in der Küche den Blumenstrauß, die Glückwünsche des Verlags und einen Umschlag mit einer Prämie zum zehnjährigen Zustelljubiläum. In der Küche fallen verschiedene Uhrenmodelle auf. Sie haben aber nichts mit der Angst zu tun, zu verschlafen, versichert die 57-Jährige. Es handelt sich ausschließlich um Sammlerstücke.

Zustellerin Ruth Schinner ist an sechs Tagen in der Woche sehr früh auf den Beinen. Um 3.39 Uhr liefert der Fahrer die Stapel frisch gedruckter Zeitungen an einen zentralen Punkt. Um 3.45 Uhr holt Schinner sie bei der Ablagestelle ab. Mit Warnweste und Schrillpfeife ausgestattet, beginnt sie ihre Zustellrunde. Inzwischen kennt sie viele ihrer Stammkunden und freut sich, wenn einmal ein neuer Abonnent darunter ist. Von ihrer Arbeit könnte die ausgeschlafene Frau noch viel erzählen. Aber als ihre Katze um die Beine streicht und darauf aufmerksam macht, dass es Zeit zum Füttern ist, bricht Thomas Klink wieder auf.

Als Nächstes besucht er eine Mitarbeiterin, die als Aushilfe angefangen hat und jetzt einen festen Bezirk erhalten soll. Ihr Mann wird vielleicht arbeitslos und somit ist der Zuverdienst hochwillkommen. Klink bekommt viel Einblick in das Leben der Mitarbeiter. Manchmal ist es bestürzend wie im Fall einer Frau, die sich kurzfristig abgemeldet hatte, weil ihr behindertes Kind nach einer längeren Leidenszeit in ihren Armen gestorben ist. Solche Geschichten „lassen sich nicht so leicht abschütteln“, sagt er.

Hilferuf vom Kollegen

Er hört immer wieder von Schicksalsschlägen, wenn er mit seinen Mitarbeitern spricht. Dann ist Verständnis gefragt — und Organisationstalent, damit der Betrieb reibungslos weiterläuft, bis sich der Alltag der Betroffenen wieder etwas normalisiert hat. Mit der Mitarbeiterin, die zunächst erst noch 14 Tage Urlaubsvertretung übernehmen soll, bevor sie ihren festen Bezirk bekommt, geht der Vertriebsinspektor Besonderheiten auf der Strecke durch.

Auch der Zustand der Zeitungskisten will geprüft sein. Vertriebsinspektor Thomas Klink wird es im Laufe eines Tages nicht langweilig. © Mark Johnston


Auf dem Weg zur Ablagestelle in Kraftshof, dem nächsten Halt, klingelt das Handy. Ein Kollege sucht eine Aushilfe und hofft auf kollegiale Unterstützung. Klink verspricht, sich darum zu kümmern, falls sich keine andere Lösung ergibt. Dann hält er an einer graublauen Zeitungskiste. Diese sieht schon etwas angenagt aus und sollte ersetzt werden, findet Klink. Im angrenzenden Grundstück dürfen die Zusteller ihr Fahrrad deponieren. Das erleichtert die Arbeit und ist als Unterstützung unbezahlbar. Schließlich achtet der Anwohner darauf, dass die Kiste sauber bleibt.

15.30 Uhr: Noch einmal kurz ein Stopp vor einer Neubausiedlung. Hier ist die Zeitung einige Tage lang nicht geliefert worden, was den Neuabonnenten verärgert hat. Klink klingelt, stellt sich vor, erläutert die Fehlerursache und fragt, ob nun wieder alles im Lot sei. Die Bewohner sind zufrieden. Nach einem kurzen Austausch, kehrt der Inspektor zum Wagen zurück. Inzwischen meldet sich der Kollege noch einmal. Er hat eine Aushilfe gefunden. Damit rückt der Feierabend nähert.

Zwischen 50 und 60 Kilometer fährt Klink täglich durch das Stadtgebiet. Jetzt springt er noch einmal schnell in sein Büro in der Badstraße und dann geht es nach Hause. Von dort erledigt er erst einmal Telefonate. Er hat noch einige Stunden Rufbereitschaft. Anfangs sei er immer sehr nervös gewesen, ob alles klappt. Noch heute steht er häufig „unter Strom“. Aber es gelingt ihm dank seiner Berufserfahrung inzwischen immer öfter, abends auch mal abzuschalten. 

PETRA NOSSEK-BOCK

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