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Alles bleibt anders im Büro

Nürnberger Web Week blickt in die Arbeitswelt 4.0 - 18.05.2017 19:51 Uhr

Schöne neue Arbeitswelt: Wo die Digitalisierung der Arbeitsabläufe Mitarbeitern neuen Freiraum schafft, entsteht auch neuer Druck. © Foto: dpa


"Für uns war klar, dass wir eine Veranstaltung zum Thema Digitalisierung in der Arbeitswelt brauchen – das ist in der Praxis ein großes Thema", beschreibt Alexandra Vetterlein die Motivation der Veranstalter. Sie ist Geschäftsstellenleiterin des Innovationsnetzwerkes OpenBIT und gemeinsam mit Kollegen für die Organisation der Konferenz verantwortlich.

Stefan Scheller ist beim Nürnberger IT-Dienstleiter Datev für die Arbeitgeberkommunikation zuständig. Nicht selten werde die Diskussion auf technische Sachverhalte verengt, berichtet Scheller von den Erfahrungen mit der Digitalisierung und Flexibilisierung von Arbeitsprozessen in seinem Unternehmen. Die Technik sei aber lediglich ein Hilfsmittel, entscheidend sei vielmehr, die Mitarbeiter auch emotional mitzunehmen und die Digitalisierung zu nutzen, um Prozesse zu optimieren.

Die wirklich wichtigen Dinge erfährt man am Kaffeeautomaten

"Es reicht nicht, das, was man vorher analog gemacht hat, jetzt einfach eins zu eins digital zu machen. Vielmehr muss man sich die Frage stellen, wie eine optimale Lösung für den Vorgang oder das Problem aussehen könnte und dann versuchen, das technisch umzusetzen", sagt Scheller. Erforderlich sei dazu auch eine offene Unternehmenskultur, die Kreativität zulässt, neue Ideen ernst nimmt und den Mitarbeiter Freiräume zugesteht. So würden Arbeitszeit und Arbeitsort in seinem Unternehmen recht flexibel gehandhabt. Trotzdem seien die Mitarbeiter nach wie vor häufig im Büro präsent. "Die direkte Kommunikation behält weiterhin eine hohe Bedeutung. Die wirklich spannenden Dinge erfährt man oft im Gespräch am Kaffeeautomaten", so Schellers Erfahrungen.

Grundsätzlich nehme in der digitalen Arbeitswelt aber die Eigenverantwortung der Mitarbeiter zu. "Der Arbeitgeber kann nicht mehr alles kontrollieren – und das sollte er auch nicht", ist Scheller überzeugt. Das
berge jedoch auch die Gefahr, dass sich einzelne Mitarbeiter zu viel aufbürdeten. Auch um solche Probleme
anzusprechen sei das persönliche Gespräch weiterhin unverzichtbar.

"Gerade sehr engagierte Menschen neigen dazu, sich selbst zu gefährden", kennt auch Aniko Willems das Problem der Selbstausbeutung. Die alleinerziehende Mutter hat lange in einem internationalen Technologiekonzern gearbeitet und ist heute als selbstständiger Business- und Mentalcoach tätig. Sie betont, dass Erholungsphasen, ausreichend Schlaf und Abwechslung in der Tätigkeit von hoher Bedeutung sind – gerade wenn man gute Arbeitsergebnisse liefern will.

Den Teilnehmern in ihren Workshops verdeutlicht sie die Bedeutung von Selbstfürsorge mit einem Vergleich: "Man muss sich selbst als Pflanze sehen, um die man sich kümmern muss. Wenn man lange etwas von einer Pflanze haben will, muss man sie pflegen und regelmäßig gießen – sonst verkümmert sie. Bei Menschen ist das ähnlich" erklärt Willems, warum es aus ihrer Sicht wichtig ist, Verantwortung für das eigene Wohlbefinden zu übernehmen. Wenn die Vorgaben vonseiten des Arbeitgebers weniger würden, sei es für Arbeitnehmer notwendig, Regeln für sich selbst zu finden.

Unverzichtbar ist der Expertin zufolge auch, Kollegen und Vorgesetzte über die eigenen Grenzen und Bedürfnisse zu informieren, um Missverständnissen vorzubeugen. Eine Aufgabe, die Mitarbeiter anfangs oft überfordere – gerade angesichts der ständigen Erreichbarkeit im digitalen Zeitalter. Hier komme die Verantwortung des Arbeitgebers ins Spiel. Er müsse seinen Beschäftigten vertrauen, Hilfe anbieten und Digitalisierung als langfristigen Prozess verstehen. Willems betont deshalb, dass Digitalisierung "kein Projekt, sondern eine Reise" sei: "Es kommt auf das Ergebnis an, nicht auf die Zeit." 

Dominik Mayer

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