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Altes Papier ist Gold wert

Nürnbergs Papierabfall startet bei der Firma Rowe in den Recyclingprozess - 19.05.2017 20:14 Uhr

Wie es aus der blauen Tonne kommt, landet das Nürnberger Altpapier auf dem Förderband der Sortieranlage bei der Firma Rowe. © Fotos: Michael Müller


Papier ist teuer, nicht zuletzt deshalb werde großer Wert auf das Recycling von Altpapier gelegt, weiß Christian Ascherl-Landauer, Geschäftsführer der Nürnberger Rowe Gesellschaft für Rohstoffhandel, Wertstoffrecycling Entsorgung GmbH. Ein Schwerpunkt des Unternehmens liegt in diesem Bereich — ein Blick auf das Firmengelände am Nürnberger Hafen genügt, um das sofort zu erkennen. Papier wohin man blickt. Bergeweise "frisches" bunt gemischtes Altpapier und meterhoch getürmte Ballen sortierten und gepressten Papiers — fertig zum Weitertransport in die Papierwerke.

400 Sorten Altpapier

Die Ballentürme lassen erahnen, was es bedeutet, wenn Ascherl-Landauer sagt, es gebe an die 400 Sorten Altpapier. Säuberlich getrennt sind Kartonagen, Zeitungen, Prospekte, weißes und nicht ganz so weißes Papier zu erkennen. Worauf der Geschäftsführer Wert legt, ist, dass jeder Schnipsel recycelt wird: "Wir distanzieren uns von der Unterstellung, dass ohnehin alles verbrannt wird – die Papierindustrie nimmt alles ab." Laut Umweltbundesamt gab es 2015 eine Rücklaufquote, also das, was an Papier gesammelt wurde, von rund 73 Prozent. In die deutsche Papierproduktion flossen im selben Jahr 74 Prozent gebrauchtes Material ein.

Umso wichtiger sei es, dass eine saubere Sortierung erfolgt. Das Altpapier, das bei Rowe landet, kommt aus dem Städtedreieck Nürnberg, Fürth, Erlangen. Der Inhalt aller blauen Tonnen der Noris findet sich beispielsweise in den Papierbergen des Unternehmens wieder. "Das sind jährlich 40 000 Tonnen allein aus Nürnberg", sagt Ascherl-Landauer. Das ergebe 70 Kilogramm pro Einwohner und Jahr.

Wertvolle Zeitungen

Vier Arten lassen sich aus den blauen Tonnen herausholen: Kartonagen, das sogenannte Kaufhausaltpapier, das zurück an die Verpackungsindustrie geht, die "Feinabsiebung" aus Papierschnipseln, die von der Tissueindustrie abgenommen wird, und das Mischpapier, das sich keiner Sorte zuordnen lässt und das ebenfalls als Verpackung endet. Am wertvollsten ist das sogenannte Deinking-Papier alter Zeitungen oder Prospekte. Diesem wird im späteren Recyclingprozess in einem Pulper, einer "Waschmaschine" für Papier, die Tinte entzogen. Die hellen Fasern werden wieder zu Zeitungspapier.

„Nichts wird verbrannt“, sagt Rowe-Geschäftsführer Christian Ascherl-Landauer.


Um diese Wertstoffe so exakt wie möglich zu trennen, hat Rowe rund vier Mio. Ã in eine neue Sortiermaschine investiert. Die ordentliche Trennung sei auch deshalb von Bedeutung, weil die Branche wenig Raum für Alleinstellungsmerkmale bietet. Einen hat sich Rowe dennoch erarbeitet: "Wir haben den Papierkreislauf komplett geschlossen. Mir fällt keine Firma ein, die das auch leistet", sagt Christian Ascherl-Landauer.

Rowe hole das Altpapier direkt bei den Druckereien ab, liefere es sortiert an die Papierwerke, um von dort wieder "frische" Papierrollen zurück zu den Druckbetrieben zu bringen. Und seit dem vergangenen Jahr kann Rowe auch die fertigen Presseerzeugnisse aus den Druckereien entgegennehmen, die in einem eigenen Lager kommissioniert werden.

Insgesamt bewegt die Rowe-Gruppe im Verbund mit ihren Tochterunternehmen im In- und Ausland jährlich 1,3 Mio. Tonnen Altpapier. Das entspricht über 50 000 Lkw-Ladungen. Zum Geschäft gehört auch der Handel mit Altpapier. Der erstreckt bis nach Asien oder Osteuropa. Für Letzteres hat Rowe eine eigene Abteilung gegründet mit Mitarbeiterinnen, die Polnisch und Tschechisch sprechen — auch eine Maßnahme zur Abgrenzung vom Markt.

Auf den genannten Märkten herrsche eine große Nachfrage nach Altpapier, erklärt Ascherl-Landauer. Das liege schlicht daran, dass es dort keine Sammelsysteme gibt, die mit den deutschen vergleichbar wären. "Sie werden in Hongkong niemanden finden, der sein Papier extra sammelt und entsorgt." Selbst Italien oder die USA hätten nicht annähernd den Recyclingstatus wie Deutschland.

Der Export erfolge aber nicht von Nürnberg aus, sondern aus Italien, weil die Verschiffung des Papiers von dort einfacher sei. Am Standort in Nürnberg spiele sich die Logistik allein per Lkw ab – trotz Hafenlage. Per Schiff macht es wenig Sinn, so Ascherl-Landauer, denn die Papierfabriken liegen zwar meist an Flüssen, aber die sind nicht unbedingt schiffbar. Da ist der Lkw das bessere Transportmittel. 29 eigene Sattelzüge und nach Bedarf Fremdfahrzeuge sind für Rowe unterwegs. Allerdings nicht allein mit Papier. Altholz, Rinde, Sägespäne oder Holzpellets sind häufige Ladungen, die die Lkw auf ihren Rückwegen von den Papierfabriken mitnehmen. Schließlich sollen die Wagen auf keinen Fall Leerstrecken fahren. 500 000 Tonnen Güter (ohne Altpapier) hat Rowe 2016 transportiert.

Damit gehöre das Unternehmen insgesamt sicher zu den größeren Spielern in Süddeutschland, schätzt Ascherl-Landauer. 150 Mitarbeiter am Standort Nürnberg und acht in Erlangen sind für Rowe tätig. 2016 erwirtschaftete das Unternehmen, eine hundertprozentige Tochter der Hofmann Betriebsgesellschaft aus Büchenbach (Roth), einen Umsatz von 110 Mio. Ã.

Spezialisiert und hochtechnisch

Die Branche, die laut Ascherl-Landauer 38 Mrd. Ã Umsatz pro Jahr erreicht, wird bundesweit vom Primus Remondis sowie den Unternehmen Alba und Veolia dominiert. Hier spielt aber nicht allein Altpapier eine Rolle sondern auch Müllverbrennung, Deponien oder Abwasser. "Die Unternehmen spezialisieren sich immer mehr und alles ist mittlerweile hochtechnisch", so der Rowe-Geschäftsführer. Daher gebe es auch kaum Neueinsteiger, sondern vielmehr einen Verdrängungswettbewerb, in dem kleine Unternehmen kaum eine Zukunft haben.

Hinzu komme auch die Gesetzeslage, die der Branche das Leben schwer mache. So sei die Gewerbeabfallverordnung (GewAbfVO) in ihrer jüngsten Novelle stark pro Kommune ausgerichtet worden. Diese sollten wieder stärker die Hoheit in der Entsorgung erhalten. Das bedeute Eingriffe der Städte und Kommunen in den gewerblichen Bereich. Mit der Stadt Nürnberg arbeite man aber partnerschaftlich zusammen, so Ascherl-Landauer. 

NICOLE FORSTNER

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