Das Amateurfußballportal für Mittelfranken
Partner im
Amateurfußballnetzwerk
Partner im Amateurfußballnetzwerk

Julian Gressel: Wenn die Gegner Schweinsteiger und Pirlo heißen

Der 23-Jährige reifte am College zu einem angesehenen Fußballer und spielt in der MLS

Julian Gressel ist einen ungewohnten Weg gegangen. In der Jugend wurde er bei der Spielvereinigung Greuther Fürth aussortiert, über Neustadt und Bamberg führte ihn sein Weg in die amerikanische Major League Soccer (MLS). Dort trifft er nun auf Schweinsteiger und Pirlo – es soll aber nicht das Ende seines Weges sein.

Erinnerungsfoto im Kabinengang: Das Trikot von Bastian Schweinsteiger (Mitte) hat einen Ehrenplatz in Julian Gressels Wohnung.

 / © privat

Die Filmemacher aus Hollywood haben sich noch nicht bei Julian Gressel gemeldet. In Atlan­ta, im Osten der Vereinigten Staaten, hat der junge Mann aus Neustadt/Aisch in den vergangenen Monaten allerdings etwas erlebt, das dem berühmten amerikanischen Traum ziemlich nahe kommt. Tellerwäscher war der 23-Jährige nie, aber ein ziem­lich talentierter Fußballer, dem in Deutschland allerdings der große Durchbruch verwehrt blieb. Ob er inzwischen Millionär ist, weiß nur er selbst, es ist als Fußballprofi, der Gres­sel seit einigen Monaten ist, allerdings auch keine ganz abwegige Vorstel­lung.

Das erste Kapitel der Geschichte von Julian Gressel erzählt von einem kleinen Jungen, der beim TSV Neu­stadt seine ersten fußballerischen Erfahrungen macht – und dabei den Verantwortlichen bei der Spielvereini­gung Greuther Fürth auffällt, die ihn in den eigenen Nachwuchs holen. Freude, große Ziele, vielleicht, so glaubt Gressel, wird er eines Tages Profi. Doch mit der Karriere wird es zunächst nichts, in der B-Jugend ver­lässt er das Kleeblatt wieder, wechselt in den Nachwuchs der SG Quelle Fürth und kommt dann zurück nach Neustadt. Landesliga Nordwest statt Bundesliga.

Er setzt sich durch, wechselt nach Bamberg in die Regionalliga, angeb­lich wollten ihn nach einer guten Sai­son sogar einige Drittligisten. Doch Julian Gressel sagt ihnen ab, er will sich nicht weiter von unten hocharbei­ten, er hat einen weitaus anspruchsvol­leren Traum. 2013 verlässt er Deutsch­land und geht in die USA. „Es war klar, dass ich auf dem College noch einmal probieren will, Profi zu wer­den“, sagt Julian Gressel am Telefon. „Ich wusste aber auch, dass ich mich dafür verbessern muss – und das habe ich getan.“ Am Providence College im Bundes­staat Rhode Island studiert er – und spielt nebenbei Fußball. Körperlich wird Gressel robuster, er arbeitet an seinem Spielverständnis und reift zu einem der besten College-Fußballer der Vereinigten Staaten. Die Trainer, erzählt er, hätten ihn enorm vorange­bracht, „ich hatte ja auch dreieinhalb Jahre Zeit“. In 83 Spielen gelingen ihm 30 Tore und 26 Vorlagen.

Vor 55.000 Zuschauern

All die Extraschichten, all die Schin­dereien, sie sollten sich lohnen. Denn wie schon damals in Neustadt werden Talentspäher auf Julian Gressel auf­merksam. Nicht aus Deutschland, son­dern aus der Major League Soccer, der amerikanischen Profiliga. Atlanta United FC, das in diesem Jahr erst­mals in der MLS spielt, schnappt sich das deutsche Talent, das am College so aufgetrumpft hatte. In der Vorberei­tung überzeugt er, „von einem gedraf­teten Spieler erwarten die Klubs eigentlich nicht viel, man muss nicht sofort einschlagen“, sagt Gressel. Doch er schlägt ein. Anfang März läuft Julian Gressel vor 55.000 Zuschauern in ein Fußballstadion ein, auch danach steht er in allen Partien auf dem Platz. „Es ist schon ein ande­res Niveau, aber man lernt stetig dazu und wird immer besser“, sagt er.

Im Gegensatz zu Profis in Deutsch­land trainiert seine Mannschaft nur einmal täglich, aber anders, sagt er, sei das viele Reisen auch gar nicht zu verkraften. Zu Auswärtsspielen wird geflogen, manchmal einen, bei weite­ren Strecken wie an die Westküste auch zwei Tage vorher, um sich vor Ort zu „akklimatisieren und an die Zeitumstellung zu gewöhnen“. Trainiert wird der Atlanta United FC von Gerardo Martino, der zuvor für den FC Barcelona und die argenti­nische Nationalmannschaft verant­wortlich war. „Er ist ein sehr, sehr coo­ler Typ, vermittelt viel Spaß, hat aber auch den unbedingten Willen, zu gewinnen“, sagt Gressel. Manchmal, erzählt er, wundern sie sich schon in der Mannschaft, wenn der Trainer mit einem neuen taktischen Kniff aufwar­tet – „aber dann klappt es doch jedesmal“.

Und der Erfolg gibt ihm recht. In der Eastern Conference ist Atlanta derzeit Vierter, besser sind nur Klubs wie die von Andrea Pirlo und Bastian Schweinsteiger. Von den großen Namen lässt sich Julian Gressel aber nicht einschüchtern, „ich versuche ein­fach, mein Ding zu machen, so wie ich es kann, dazuzulernen und konstant meine Leistung zu bringen“. Dann, hofft Gressel, wird er in den kommenden Jahren noch gegen einige große Namen spielen – ob nun in den USA oder in Deutschland. „Es war immer mein Traum, in einem deut­schen Bundesliga-Stadion aufzulau­fen“, sagt er. „Aber wenn ich noch zehn Jahre hier spielen kann, wäre ich auch froh, dass ich diesen Weg gegan­gen bin.“ Vielleicht meldet sich ja dann jemand aus Hollywood.

Mehr zum Thema