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Neuaufbau in vier Stufen statt PECH

Über Physiotherapie im Amateurfußball

Ohne Physiotherapie geht im Amateurfußball gefühlt nichts mehr. Der Bedarf ist gerade im unterklassigen Bereich stark gestiegen.

Nico Radeck hält die Fußballer-Muskulatur beim SV Buckenhofen geschmeidig.

 / © Jonas Baier

Ein gestrecktes Bein im Zweikampf, ein Schrei, ein Pfiff: In gemächlichen Schritten trottet der Spielleiter auf den Rasen und behandelt die Blessur obligatorisch mit einem kühlenden Spray aus der Dose. Das war einmal Alltag im Amateurfußball. Heute werden die Kicker von Fachkräften betreut, die nur noch bei der Soforthilfe auf altbewährte Prozeduren zurückgreifen. Die sogenannte PECH-Regel steht für Pause, Eis, Kompression und Hochlagern. Damit wurde der Sportler sich selbst überlassen. „Erst mit Verzögerung hat sich ein Wandel vollzogen“, sagt Klaus Rascher, der über 30 Jahre Erfahrung verfügt.

Die Professionalisierung im Fußball veränderte auch das Spiel in den unteren Ligen. „Da ist mittlerweile so viel Dynamik drin. Die ständigen Richtungswechsel, auch im Basketball oder Handball, sind eine erhöhte Belastung für die unteren und oberen Extremitäten“, weiß Rascher. Die Zahl der Verletzungen sei nicht nur gefühlt gestiegen. „Der Körper ist nicht auf diese Belastung ausgelegt, wenn er nicht gezielt in Form gebracht wird. Das ist das Problem der Amateure. Dazu ignorieren viele noch erste Anzeichen und denken: Das wird schon wieder.“ Besonders häufig erwischt es Knie- und Sprunggelenke sowie die Muskulatur. Unter dem Eindruck dieses Gefährdungspotenzials wurde der Disziplin über die vergangenen zehn Jahre ein deutlich höherer Stellenwert beigemessen. Dabei dienten die Entwicklungen im Profibereich wie für die moderne Trainingsgestaltung als Orientierung für kleine Klubs. „Jürgen Klinsmann hat mit seinen innovativen Methoden bei der Prävention, zum Beispiel bei der WM 2006, viel bewirkt“, erklärt Rascher. Physiotherapie wird nun als Wissenschaft betrieben. „Du musst dich mit Fortbildungen auf dem Laufenden halten. Wer die technische Entwicklung nicht mit geht, hat verloren“, meint Rascher, der mit dem Zertifikat des Deutschen Olympischen Sportbundes schon einige Hochleistungsathleten behandelte. Aus dem Ein-Mann-Betrieb ist ein 17 Mitglieder starkes Team erwachsen, das pro Jahr etwa 200 bis 300 Sportler zum Kundenstamm zählt und Vereinen zwischen Bamberg und Erlangen einen festen Ansprechpartner anbietet.

Vom Bayernligisten SC Eltersdorf, der wie der FSV Erlangen-Bruck und Raschers Heimverein Jahn Forchheim seine Sorgenkinder schickt, ist kurz vor Saisonstart Mittelfeldspieler Maximilian Göbhardt in den Räumen des Wohnhauses in Heroldsbach zu Gast. Der 24-Jährige schleppte sich Anfang Juni im Dienste seiner bisherigen Mannschaftskollegen in Forchheim mit einem Ziehen im hinteren Oberschenkel durch die finalen 180 Minuten Relegation. „Im MRT-Bild hast du ein richtiges Loch erkannt“, berichtet Klaus Rascher. Die erste ärztliche Diagnose lautete: Muskelbündelriss, mindestens acht Wochen Pause. In Raschers Händen aber bekamen sie den Schaden, der doch nur die Muskelfaser betraf, mit ihrer Vorgehensweise wesentlich schneller in den Griff. Dabei interpretierten sie den gängig veranschlagten Zeitrahmen von etwa 21 Tagen bis zur leichten Belastung — bei Zerrungen etwa zehn Tage — flexibel. Schon nach 72 Stunden Entzündungsphase mit Kühlen und Kompression setzte die Therapie an. „Es geht darum, das Gewebe zur Selbstheilung anzureizen. Die Aktivität muss aber in jedem Fall schmerzfrei sein. Der Sportler kann über Ernährung und einen gesunden Lebenswandel viel zu seiner Genesung beitragen“, so Rascher. Göbhardt, der auf Alkohol verzichtet, kehrte über leichte Massagen und Radfahren nach nur vier Wochen ins Mannschaftstraining zurück.

„Return-to-Activity“

Wichtige Orientierung, um das Risiko einer neuerlichen Verletzung zu minimieren, geben sogenannte „Return-to-Activity“-Tests. Bei jeder Übungsform wird ein Messwert erzielt und zur Kontrolle ein zweiter Part qualitativ begutachtet, ob bestimmte Bewegungsabläufe schon wieder rund aussehen. Stufe 1 bedeutet zunächst, sich im Alltag, zum Beispiel beim Treppensteigen, nicht mehr schonen zu müssen. Stufe 2 erlaubt Joggen, Stufe 3 lässt seitliche Belastungen mit wenig Sprüngen und Drehungen (etwa Tennis) zu und Stufe 4 schließlich grünes Licht für die vollständige Rückkehr in den Sportbetrieb. Noch wichtiger als bei der Behandlung von Verletzungen ist die physiotherapeutische Hilfe bei der Prävention. Aktive Regeneration ist bei den höherklassigen Teams fester Bestandteil. „In der Vorbereitung absolvieren die Kicker selbst in der A-Klasse ein intensives Pensum. Die brauchen dann am meisten Unterstützung“, sagt Klaus Rascher.

Beim ambitionierten Kreisligisten SV Buckenhofen ließ Coach Helmut Wolff seine Spieler im Juli drei Mal pro Woche antreten. Umso gefragter waren die Hände von Nico Radeck, der jeweils zwei Einheiten begleitet. Während der Saison reicht bisweilen ein Besuch, den er hauptsächlich mit Massagen bestreitet. Nach zwei Spielzeiten Erfahrung sagt der 22-Jährige: „Aus einer Kleinigkeit kann immer auch etwas Größeres entstehen.“ Sorgenkinder bekommen mitunter einen kleinen Übungsplan zur Kräftigung der anfälligen Muskulatur mit nach Hause. Ab und zu bringt Radeck zudem ein Gerät zum Einsatz, das feine elektrische Impulse abgibt. Bevorzugte Anwendungsregion sind Knöchel beziehungsweise Sprunggelenk. Einst hätte man es hier bei einem fixierenden Verband belassen. Aber die Zeiten von PECH sind vorbei.

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