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FC und ASV Herzogenaurach: Spielbälle zweier Weltkonzerne

„Das war damals immer so: oben Blau, unten Rot“

3000 Zuschauer in den Jugendderbys, groteske Rivalität: FC gegen ASV Herzogenaurach war lange Zeit auch Adidas gegen Puma. Eine Spurensuche.

Kind des FC: Lothar Matthäus im Trikot des FC Herzogenaurach (re.) im März 1979.

 / © Geert Garlt

Sie nennen es die Wall of Fame. Weiß auf Blau stehen hier Jahreszahlen, versehen mit nachgebauten Pokalen, Mannschaftsbildern und Erfolgsmeldungen. Aufstieg Landesliga. Aufstieg Bayernliga. Inmitten dieser Wand prangt einem das Vereinslogo mit gekrümmten Buchstaben entgegen: 1. FCH. Es ist eine Wand der Erinnerung, an erfolgreichere Zeiten eines Vereins, der im Amateurfußball mal ganz weit oben stand. Doch manchmal, da fügt sich aus Erinnerungen eine neue Realität zusammen.

An einem heißen Julitag sitzt Rudi Litz vor der Wall of Fame und betrachtet eines der Fotos. An der Karriere von Litz lässt sich auch die Geschichte seines Vereins spiegeln. Als er FC-Spieler wurde, kickte dieser gerade in der Bayernliga. Als er FC-Trainer wurde, musste der Verein den bitteren Gang in die Kreisklasse antreten. Jetzt ist er FC-Abteilungsleiter und der Verein feiert den erneuten Aufschwung. Die Geschichte des FC Herzogenaurach ist vor allem eine der Hoch und Tiefs.

Litz zeigt auf das Foto. „Mindestens die Hälfte der Spieler kamen damals aus Nürnberg.“ Der Konkurrenzkampf? „Brutal.“ Es war eine Zeit, in der die beiden Herzogenauracher Vereine noch als Theaterbühne einer alten Fehde dienten. Die Regisseure dieses Schauspiels waren zwei Sportartikelhersteller, die fleißig Geld in die Vereine pumpten. Die Rivalität zweier Firmen, die Rivalität zwischen Adidas und Puma, zwischen Puma und Adidas.

Es dürfte nicht viele geben, die beide Perspektiven kennenlernten. In seinem letzten Jugendjahr ließ sich Litz vom ASV abwerben. Selbst die A-Jugend-Derbys wurden von der Stadtbevölkerung regelrecht zelebriert. Ein Sonntagmorgen. Derby beim ASV. 3000 Zuschauer. Und etliche A-Jugendspieler, die später mal einen Profivertrag unterschreiben würden. „Unvorstellbar“, erzählt Litz heute. Die FC-Spieler hätten sich damals in ihren eigenen Kabinen umgezogen und seien erst zum Anpfiff zum ASV hinuntergelaufen. „Das war damals immer so: oben Blau, unten Rot.“

Um von Blau nach Rot zu kommen, dauert es dreißig Sekunden. Man läuft eine steile Treppe hinab. Nach links auf einen großen Parkplatz. Vorbei an einem Kinderspielplatz. Dreißig Sekunden, dann sitzt man nicht mehr vor der Wall of Fame des FC, sondern steht am Sportlatz des ASV. Während gerade die Umkleidekabinen renoviert werden, lassen Elke Sowa und Wolfgang Schroff ihre Blicke über den Rasen schweifen. Heute ist Sowa Vorsitzende, damals stand sie als Fan unter den Zuschauern und feierte den vorläufigen Höhepunkt der Vereinsgeschichte. Das Jahr: 1974.

Der Gegner: ESV Ingolstadt. Einen 0:2-Rückstand drehte der ASV in einen 4:3-Sieg. Die Bayernliga-Meisterschaft war perfekt. Doch der Erfolg hatte einen Beigeschmack. „Weil gleichzeitig die 2. Bundesliga gegründet wurde, hatten wir kein Aufstiegsrecht“, sagt Sowa. Ein paar Jahre später passierte es: Adidas und Puma wurden verkauft. Den neuen Firmenchefs war das Theaterstück zu langweilig. Die Regisseure verließen ihre Projekte. Die Bühne leerte sich. Ohne das Geld, ohne die höherklassigen Spieler, rasselten die Vereine rasant bergab, bis in die untersten Amateurligen. Auch, weil die frühere Blüte plötzlich zur Last wurde. „Wir versuchten, frühere Jugendspieler zu einer Rückkehr zu überreden“, erinnert sich der heutige Kassier Schroff, der damals Spielleiter war. „Aber die sagten alle: Früher habt ihr uns nicht gewollt, jetzt wollen wir nicht.“

Der Aufschwung soll kein Strohfeuer bleiben

Lange Zeit verliefen die Wege von FCH und ASV erschreckend parallel. Doch wer genau hinsieht, merkt schnell: Bei Blau hat sich etwas getan. Bahnt sich da ein zweiter Frühling an? Der FCH hat sich innerhalb weniger Jahre professionalisiert. Eine Anzeigetafel. Ein Kunstrasenplatz. Eine Heim-Lounge. Selbstständig haben die Verantwortlichen ihr Bühnenwerk modernisiert. Sowas bleibt nicht unbemerkt. Puma bringt aus dem Nichts eine FCH-Kollektion auf den Markt. Lothar Matthäus erinnert sich an seine Wurzeln und sagt sich: Da helfe ich gerne mit! Der Rekordnationalspieler will die Nachwuchsarbeit noch nachhaltiger gestalten. In Zukunft wird er deshalb höchstpersönlich an den Weihersbach kommen, um den Verein mit Jugendcamps zu unterstützen. All das sind Signale, wie sie Litz gerne sieht. Der Aufschwung der letzten Jahre soll kein Strohfeuer bleiben. Aus dem Frühling soll ein Sommer werden. „Wir arbeiten massiv daran, junge Spieler auszubilden, die zum Gesicht des Vereins werden.“ Der FC Herzogenaurach soll wieder ein Aushängeschild werden. Eine Marke.

Manchmal aber geht der Fortschritt des einen zulasten des anderen. Dem ASV Herzogenaurach wird die Dominanz des Nachbarn zum Verhängnis. „Man muss auf Jugendarbeit setzen, aber es wird immer schwieriger, Mannschaften zu stellen“, sagt Sowa. Für den ASV ein nicht enden wollender Teufelskreis: Je erfolgreicher der FC spielt, desto mehr Jugendspieler ziehen ihn dem ASV vor. Je mehr Jugendspieler zum FC wechseln, desto wahrscheinlicher wird dessen Erfolg. Die fehlende Vereinstreue, das fehlende Ehrenamt, daran stört sich auch Schroff. „Viele sehen einen Verein als Dienstleister, wir eher als einen Zusammenschluss von Gleichgesinnten, die etwas erreichen wollen.“ Vielleicht, sagt er nachdenklich, sei diese Philosophie inzwischen überholt. Doch auch bei Rot gibt es diese Signale, die man gerne sieht. Wie der Aufstieg aus der B-Klasse, dieser Liga, in der niemand spielen will. „Auch hier bewegt sich was“, findet Sowa.

Wo sehen Sie den FC in zehn Jahren, Herr Litz? „Wir müssen die Infrastruktur verbessern, um weiter wachsen zu können“, antwortet der Abteilungsleiter. Und sportlich? „Ich kann mir vorstellen, dass wir uns in ein paar Jahren in der Landesliga etablieren.“ Wo sehen Sie den ASV in zehn Jahren, Herr Schroff? „Wir müssen junge Menschen nochmal neu für unsere Philosophie begeistern“, antwortet der Kassier. Und sportlich, Frau Sowa? „Wir wollen irgendwann zurück auf Kreisebene.“ Und für einen Moment sind es dann doch wieder nur dreißig Sekunden, die diese einstigen Rivalen voneinander trennen.

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