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Türkspor ist endlich nicht mehr heimatlos

Der Nürnberger Bezirksligist hat sich in seinem neuen Umfeld gut eingerichtet

Der Fußballverein Dergahspor ist nie wirklich angekommen. Nicht in der richtigen Liga, nicht bei seiner Ausrichtung, nicht einmal an einem eigenen Fußballplatz. Mit Türkspor soll nun alles anders werden.

Neuanfang an einem neuen Platz: Türkspor hat zunächst für ein Jahr die Anlage des ATV 73 Frankonia gepachtet.

 / © Günter Distler

Bei Dergahspor hätte es das früher nicht gegeben; dass sich Menschen auf der Anlage verlaufen, die sich eigentlich gar nicht für Fußball interessieren. An diesem Nachmittag ist das aber tatsächlich so. Auf der einen Seite des Zauns findet ein bemerkenswertes Fußballspiel statt, auf der anderen Seite des Zauns spielen sie: Minigolf.

Ob er dort auch schon einmal einen Schläger in die Hand genommen hat? Nein, sagt Muarrem Demir, "aber vielleicht mache ich das ja irgendwann mal mit der Familie".

Dass nicht alle, die an diesem Tag zum Wacholderweg gekommen sind, Augen für das Spiel haben, damit kann Demir leben, wie überhaupt der ganze Verein, der nun nicht mehr Dergahspor heißt, sehr gut in seiner neuen Heimat leben kann. Heimat – so etwas hatten sie ja vorher nie.

Viele, die sich in dem Verein mit türkischen Wurzeln engagieren, stehen zwischen zwei Kulturen, man kann das wunderbar heraushören, wenn sie innerhalb eines Satzes zwischen Deutsch und Türkisch wechseln. Diese Zerrissenheit schien sich auch auf das gemeinsame Fußballprojekt zu übertragen.

Mal konnten sie ihr Glück kaum fassen, in der Landesliga anzutreten, mal schien ihnen selbst diese Spielklasse zu klein zu werden. Mal setzten sie auf ihre kleinen Sponsoren, mal auf den Funktionär Dieter Rebel. Ihre Heimspiele trugen sie mal auf dem Sportplatz der Bertolt-Brecht-Schule aus und mal auf einem der Nebenplätze rund um das Frankenstadion – immer in dem Wissen, dass sie dort eigentlich nur zu Gast sind. "Wir wollen aber keine Pendler mehr sein", sagt Demir an diesem sonnigen Herbsttag und blickt über die Anlage, auf der früher einmal der SV 73 Süd seine Heimspiele ausgetragen hat. Und wo man zeitweise ebenfalls auf den Funktionär Dieter Rebel gesetzt hat.

Damit aus den Dauerpendlern von Dergahspor ein Verein werden konnte, der sich um eine feste Heimat bemüht, mussten sie ihr schönes Projekt aber erst einmal an die Wand fahren. Über Jahre hatten sie ihren Fußballern viel Geld bezahlt, Geld, das sie in diesem Umfang eigentlich gar nicht hatten. Irgendwann fingen sie an zu sparen, sie mussten den inoffiziellen Titel "zweitbeste Fußballmannschaft in Nürnberg" abgeben, am Ende der vergangenen Saison mussten sie sich dann sogar von der Landesliga verabschieden. Gesund gespart hatten sie sich deshalb aber noch lange nicht, unter den Namen Türkspor versuchen sie nun einen Neuanfang.

Bislang scheint ihnen der Umbruch ganz gut gelungen zu sein. Den ASV Pegnitz, der mit ihnen in die Bezirksliga abgestiegen ist, fertigen sie an diesem Tag mit 5:1 ab, wenige Tage später wandeln sie einen 0:1-Rückstand gegen die SG 83 noch in einen 2:1-Sieg um, nach 13 Spieltagen stehen sie auf Platz vier und haben noch Anschluss an die Aufstiegsränge.

Bloß nicht die gleichen Fehler

Die Rückkehr in die Landesliga muss es aber gar nicht sofort wieder sein, bei Türkspor verfolgen sie vorerst andere Pläne. Zunächst einmal haben sie für ein Jahr die Anlage vom Fusionsverein ATV 73 Frankonia gepachtet. Sind beide Seiten zufrieden, wollen sie dort, wo regelmäßig die langen Güterzüge vorbeidonnern, heimisch werden. "Nur so", sagt Demir, der nach dem Abstieg den Trainerposten aufgegeben hat und nun Vorstand ist, "kannst du dich wirklich mit einem Verein identifizieren". Danach möchten sie eine Jugend aufbauen, die Zeiten, in denen sie sich Qualität ausschließlich eingekauft haben, sollen vorbei sein. "Wozu hätten wir sonst einen neuen Verein gründen sollen", überlegt Demir, "wenn wir dann die gleichen Fehler wieder machen?" Mit Serdar Kuygun haben sie einen Trainer gefunden, der dieses Konzept gerne mitträgt. "Ich will etwas für die nächsten Jahre aufbauen", sagt er, mit einer möglichst jungen Mannschaft, vor allem will er aber nicht nach jeder Saison acht Fußballer austauschen. Die Basis sieht auch er darin, dass der Verein zunächst einmal Wurzeln schlägt. "Man braucht einen eigenen Platz", sagt Kuygun, "sonst ist jedes Spiel ein Auswärtsspiel".

Emirhan Karaaslan, der Innenverteidiger, hat sich leichtgetan, am Wacholderweg heimisch zu werden. "Ich war fast mein ganzes Leben lang dreimal die Woche hier", erzählt er, der im Alter von fünf Jahren beim SV 73 mit dem Fußballspielen angefangen hat. Die Grillabende, die Turniere, die Übernachtungen – "da kommen alte Gefühle hoch", sagt er. Jetzt, wieder hier zu sein, findet er großartig, und: "Es ist ein erster Schritt."

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