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Laudenklos: "Wir wollen die Spieler emotional an den Club binden"

Der neue NLZ-Leiter des FCN im Interview

Seit dem 1. September ist eine der wichtigsten Positionen beim 1. FC Nürnberg neu besetzt. Peter Laudenklos leitet seitdem das Nachwuchsleistungszentrum. Der 46-Jährige kommt vom Oberligisten TSG Weinheim, wo er in einer ähnlichen Funktion tätig war. Laudenklos wird Nachfolger von Michael Köllner, den er seit gemeinsamen Begegnungen im Rahmen der DFB-Talentförderung kennt. Selbst hat Laudenklos nie Profi-Fußball gespielt, während seines Sportstudiums in Köln aber den Entschluss gefasst, Trainer zu werden. Laudenklos, der verheiratet ist, hat den A-Schein.

Der neue starke Mann beim Club-Nachwuchs: Peter Laudenklos hat sein Amt als NLZ-Leiter am 1. September angetreten.

 / © Fadi Keblawi

Herr Laudenklos, Ihr Vorgänger als Leiter des Nachwuchsleistungszen­trums ist recht schnell zum Trainer der Profis befördert worden. Deshalb, nur zur Sicherheit: Trauen Sie sich auch die 1. Bundesliga zu?

Peter Laudenklos: Das scheitert bei mir ja schon alleine daran, dass ich die formalen Voraussetzungen nicht erfülle, weil ich die Fußballlehrer-Lizenz nicht habe. Grundsätzlich glau­be ich, und das soll nicht großspurig klingen, dass auch dort nur mit Was­ser gekocht wird. Ich glaube, ich könn­te da mitmischen, aber das ist nicht mein Ansporn.

"Es gibt die Verschleißer, die Verwalter und die Entwickler"

Es gibt da andere Beispiele. In der Diskussion um den deutschen Fußball und seinen Nachwuchs werden in letz­ter Zeit immer auch wieder Trainer kritisiert, die im Nachwuchs arbeiten, diesen Bereich aber angeblich nur als Sprungbrett sehen, umso schnell wie möglich in die Bundesliga zu kom­men. Stimmt das, ist das ein Problem, dass sich die Nachwuchs-Trainer ihrer Aufgabe zu wenig verschreiben?

Laudenklos: Eine spannende Frage. Ich teile Trainer in drei Gruppen ein. Das eine sind die Verschleißer. Die haben ihre Mannschaft und lassen die nach den üblichen Parolen Gras fres­sen und so weiter. Die zweite Gruppe sind die Verwalter. Die haben ihre Mannschaft und machen das sauber, erfüllen Erwartungen. Und dann gibt es noch die Entwickler. Die holen einen Spieler an einem bestimmten Punkt ab und machen ihn einfach bes­ser. Ich glaube, dass noch zu wenige Trainer Entwickler sind. Ein Trainer im Nachwuchsbereich muss zwingend ein Entwickler sein. Wenn einer ein Entwickler ist, wird er das auch im Profibereich gut hinbekommen, dann spricht nichts gegen einen schnellen Aufstieg. Dann arbeitet man einfach nur auf einem anderen Level.

Also ist das okay, dass einer wie Domenico Tedesco jetzt schon in der Bundesliga arbeitet?

Laudenklos: Ja, das ist ein Entwick­ler. Es gab aber tatsächlich mal eine Zeit, da hat überall irgendein Ex-Pro­fi pro forma mal eine U17 übernom­men, aber eigentlich wollte er nur in den Profi-Bereich. Das finde ich ein bisschen schade, weil sie der Sache nicht gerecht geworden sind. Die haben im Grunde Nachwuchsmann­schaften für ihre eigenen Zwecke miss­braucht. Für die Tedecos, Nagels­manns oder Baums war das ein ganz normaler Prozess, übrigens auch für Michael Köllner. Die wollten einfach ihren Job gut machen und wurden nach oben gespült. Das finde ich in Ordnung.

Muss man dann eigene Nachwuchs­trainer ausbilden? Oder sollte die Trai­nerausbildung eigentlich immer am Ende einen Entwickler produzieren?

Laudenklos: Im besten Fall: Ja. Aber wir wissen alle, Fußball ist ein Ergebnissport. Ein Entwickler stellt zwingend die Qualität des Spiels in den Mittelpunkt. Das wird oft missverstanden als Mangel an Ehrgeiz, wenn man sagt, wir wollen Spieler entwi­ckeln und ausbilden. Aber eigentlich ist das sehr mutig, diese Spieler ausbil­den hat etwas mit Risiko zu tun. Du musst an die Grenze gehen, um dich zu entwickeln. Wenn du dich immer nur da bewegst, wo du sicher bist, ent­wickelst du dich nicht. Aber wenn du dich an der Grenze bewegst, dann machst du Fehler - und die können zu schlechten Ergebnissen führen. Des­halb wird es immer Trainer geben, bei denen die Null stehen muss. Nicht falsch verstehen, Defensive ist schon wichtig, aber mich interessiert es, ob ein Trainer darauf aus ist, Fehler zu vermeiden oder ob er den Gegner zu Fehlern zwingen will? Ich will nicht, dass bei uns nur verwaltet wird.

Sie haben gesagt, dass es ein Risiko ist, Spieler zu entwickeln. Wenn aber der Abstieg droht, wird darauf oft kei­ne Rücksicht mehr genommen. Beim Club wurde letztes Jahr die U 17 mehr oder weniger durch eine neue ersetzt, weil man der alten die Bundesliga nicht zugetraut hat. Heißt das, dass in der Entwicklung dieses Jahrgangs etwas komplett schiefgegangen ist?

Laudenklos: Ich will da nicht auf die Vergangenheit hier im Verein ein­gehen. Vom Grundsatz her ist es so, dass wir natürlich Entwicklungen nicht zu hundert Prozent vorhersagen können. Man kann viel richtig machen und trotzdem in eine solche Situation kommen. Dann hat man zwei Möglichkeiten: Wenn man sagt, man will die oberste Spielklasse hal­ten, muss man Spieler dazu holen. Oder man arbeitet eben mit denen, die da sind und nimmt einen Abstieg in Kauf. Das ist eine Philosophie-Frage.

Sie würden Spieler dazu holen?

Laudenklos: Das sollte eigentlich nicht passieren, aber wenn es notwen­dig wäre, würde auch ich sagen, wir holen jemanden dazu.

Es würde Ihnen aber nicht viel Freu­de bereiten, wenn ich das richtig ver­standen habe. Warum sind Sie als Trai­ner Entwickler geworden und vor allem: Warum sind Sie es geblieben?

Laudenklos: Weil es das ist, was mich antreibt. Zu sehen, wo kann ich etwas tun, etwas verändern? Welchen Effekt hat es? Ich war vorher bei einem Amateurverein und bin da irgendwann an Grenzen gestoßen. Hier habe ich jetzt hauptamtliche Mit­streiter und hoffe, dass ich mich da noch besser ausleben kann.

Die Frage ist natürlich, ob man sich bei einem Profiverein, der finanziell eher schwächlich daherkommt, wirk­lich ausleben kann. Selbst im Nach­wuchsbereich geht es inzwischen ja um sehr viel Geld. Da dürfte die Kon­kurrenz aus Leipzig, Hoffenheim, München oder Ingolstadt und Augs­burg das Arbeiten schwierig machen.

Laudenklos: Das glaube ich nicht, weil wir diesen innovativen Ansatz pflegen. Wir sagen, dass wir in bestimmten Bereichen einfach besser sein wollen als die Vereine, die eben finanziell besser aufgestellt sind.

Welche Bereiche sollen das sein? 

Laudenklos: Ich will da nicht jedes Geheimnis verraten.

"Wir müssen die entdecken, die andere nicht sehen"

Das habe ich befürchtet. Das will immer keiner.

Laudenklos: Nein, ich habe ja auch nicht das goldene Lösungsbuch in der Schublade, das uns erlaubt, alles bes­ser zu machen. Im Grunde geht es da­rum, Spieler zu entdecken, die andere vielleicht nicht sehen. Oder Spieler frühzeitig zu entdecken und sie so emotional an den Club zu binden, dass sie auch dann bleiben, wenn sie mit Geld gelockt werden. Wir werden bestimmt nicht jeden Spieler halten können, aber die, die wir halten, das sind dann auch die richtigen. Uns interessiert der Mensch hinter dem Spieler und wir garantieren Durchläs­sigkeit - das sieht man jeden Samstag auf dem Aufstellungsbogen der Pro­fis. Das sind doch gute Argumente dafür, beim Club Karriere zu machen.

Diese Argumente werden nicht viel helfen, wenn der Spieler an einem anderen Standort ein Vielfaches ver­dienen kann.

Laudenklos: Erst einmal schmei­chelt uns das, wenn unsere Spieler für andere interessant sind. Wir sind da derzeit auch mit einigen im Aus­tausch, zu denen sagen wir: Ihr seid jetzt schon einige Zeit bei uns. Das liegt daran, dass ihr gut seid, aber auch, dass wir gut mit euch arbeiten. Warum sollte ein Spieler die Gefahr auf sich nehmen, diese Entwicklung vielleicht zu stoppen, wenn es sein Ziel ist, Profi zu werden. Die sollen uns vertrauen. Bei uns verdienen sie vielleicht weniger, bei uns werden sie aber vielleicht auch zum Profi.

Da gab es zuletzt den ein oder ande­ren, bei dem das funktioniert hat. Ihr Eindruck von der Nachwuchsarbeit beim Club in der Vergangenheit?

Laudenklos: Es wäre anmaßend, wenn ich fundiert etwas dazu sagen würde. Fakt ist: Wir spielen überall in den höchsten Klassen. Klar kann man immer Dinge optimieren, aber verste­cken muss sich der Club nicht.

Wenn man die Diskussionen über den deutschen Fußball in den letzten Wochen verfolgt hat, ist das auch nicht sonderlich schwer, einigerma­ßen aufzufallen im deutschen Jugend-Fußball. Die Weltmeister haben sich gerade ein wenig in Russland blamiert und danach kommt noch weniger aus der Jugend. Es steht schlimm um die Zukunft des deutschen Fußballs, hört man. Richtig? Ist das Ende so nah?

Laudenklos: Sagen wir mal so: Für mich ist Fußballtraining immer Ent­scheidungstraining. Ein Spieler muss den Mut haben, Entscheidungen zu treffen. Wenn ich höre, dass bemän­gelt wird, dass wir keine Typen mehr haben, keine Führungspersönlichkei­ten - dann muss man sich fragen, warum das so ist? Vielleicht wäre eine Antwort, dass man den Spielern viel zu sehr vorschreibt, was sie zu tun haben. Und dass - da kommen wir wieder zum Ausbildungsaspekt - die­se Fehlervermeidungsstrategie viel zu wichtig ist. Wenn einer einen Fehler macht, wird er offenbar viel zu häufig sanktioniert.

Aber die Nachwuchsleistungszen­tren wurden jahrelang gelobt. Ist dort dann doch nicht alles gut gelaufen?

Laudenklos: Vielleicht nicht alles, aber vieles war gut. Wichtig ist, dass man konkurrenzfähig bleibt. Die Fuß­ball-Welt hat nach den deutschen Erfolgen auf das Nachwuchs-System geschaut, das analysiert und nachgezo­gen - so wie wir es um die Jahrtau­sendwende mit dem System in Frank­reich gemacht haben. In Frankreich und England ist man dann offensicht­lich einen Schritt weiter gegangen. Man darf jetzt nicht alles infrage stel­len, aber wir sollten uns schon überle­gen, was wir verbessern können?

Wie fängt man das an?

Laudenklos: Es fängt zum Beispiel damit an, dass die Bewertung von Trai­nern und Mannschaften tiefer geht als mit Blick auf ein 1:0 oder 0:1. Man muss andere Parameter finden, um Leistung zu bewerten.

"Es ist nicht so schlimm wie vor 18 Jahren."

Man darf aber auch dann nicht absteigen, wenn die Parameter zeigen, dass man eine sehr mutige, dribbel­starke Mannschaft hat?

Laudenklos: Genau, denn dann stimmt wieder etwas anderes nicht. Es bringt mir ja nichts, einen mutigen Spieler zu haben, der immer wieder in den Gegner reinrennt.

Muss der deutsche Fußball sich neu erfinden oder muss er sich nur korri­gieren?

Laudenklos: Ich glaube nicht, dass wir in einer ähnlich schlimmen Situa­tion sind wie vor 18 Jahren. Die Struk­turen sind da. Aber: Der Fußball hat sich global enorm entwickelt. Wir müssen schauen, dass wir uns unseren Vorteil zurückholen.

Und das passiert wie?

Laudenklos: Unter anderem müssen wir die Entscheidungskompetenz der Spieler erhöhen. Gleichzeitig müssen die Trainer das Vertrauen spüren, dass auch sie nach Leistung bewertet werden. Nach der Entwicklung ihrer Spieler und nicht danach, ob ihr Team Dritter ist oder Sechster.

Wenn Sie in einem Jahr immer noch nicht Trainer der Profis sind: Woran erkennt man dann, dass Sie ein Jahr für das NLZ verantwortlich waren?

Laudenklos: Ich glaube, dass man das daran sehen wird, dass wir nach wie vor sehr guten Fußball spielen. Dass wir Spieler entwickeln, die mutig sind. Dass wir Trainer haben, die mutig aufstellen. Man soll einfach über den 1. FCN sagen: Wow, der spielt guten und intelligenten Fuß­ball.

Glauben Sie, dass Sie mutig sein können in Ihrer Funktion? Oder dass Sie doch auf Resultate setzen müssen?

Laudenklos: Ich bin zuversichtlich, dass wir nicht so schnell in die Fehler-Vermeidungsstrategie verfallen wer­den.

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