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Als Thomas Müller Philipp Viereckl traf

Micha Schneider hat den 27-Jährigen Brucker den großen Tag über begleitet

Bayernligist FSV Erlangen-Bruck spielte vor 4000 Zuschauern gegen den großen FC Bayern München. Ein Fest zum 100-jährigen Bestehen des Vereins, das auch FSV-Mittelfeldspieler Philipp Viereckl nie vergessen wird. Micha Schneider hat den 27-Jährigen den großen Tag über begleitet.

Schon mal ins Laufduell mit Kingsley Coman gegangen? Philipp Viereckl kann diese Frage mit einem ehrlichen „Ja“ beantworten.

 / © Zink

Es ist eigentlich nur ein langer, schmaler Kabinengang. Kahle Wände, dunkle Türen, dunkler Boden. Unspektakulär. Es gibt sicher tausende solcher Kabinengänge in Deutschland. Für Philipp Viereckl ist dieser Kabinengang in diesem Augenblick aber etwas ganz Besonderes. Ein Kabinengang, den er in seinem Leben wohl nie wieder vergessen wird. Es ist kurz nach 19 Uhr und Viereckl wuselt mit seinem dunkelblauen Trikot im Kabinengang des Herzogenauracher Adi-Dassler-Stadions umher. Aus der Kabinentür am hinteren Ende des Gangs kommen erst Mats Hummels und Javi Martinez, später schlurfen noch Thomas Müller, Juan Bernat und Kingsley Coman an Philipp Viereckl und den anderen Spielern des FSV Erlangen-Bruck vorbei. Viereckl zückt ein weißes Brucker Auswärtstrikot mit seiner Rückennummer 18, einen schwarzen Edding und lässt die Bayern-Stars unterschreiben. Es ist ein Andenken. An diese Gegenspieler, an dieses Spiel und an diesen ganz besonderen Tag.

Philipp Viereckl war nämlich ein Teil dieses Spiels gegen den FC Bayern München. Ein freundschaftlicher Vergleich mit der besten Fußballmannschaft Deutschlands, und wohl einer der besten auf der ganzen Welt. Bayernligist FSV Erlangen-Bruck verlor das Benefizspiel gegen den 27-maligen Deutschen Meister am Ende deutlich mit 1:9. Doch das Ergebnis spielte an jenem Tag nur eine untergeordnete Rolle, gerade für die Brucker. Geblieben sind ihnen vor allem Erinnerungen. Auch Philipp Viereckl wird von diesem Treffen noch gerne und oft erzählen. Kurz nach dem großen Erlebnis auf dem Platz sagt er: „Ich habe mir Thomas Müller gerade im Kabinengang geschnappt, er hat mir sein Trikot geschenkt." Dann verschwindet Viereckl nach draußen und lässt mit seinen Teamkollegen unter den aufgebauten weißen Zelten diesen unvergesslichen Tag Revue passieren.

Zwischen Vorfreude und Anspannung

Ein Tag, der geprägt war von Vorfreude, aber auch einer gewissen Anspannung. „So richtig ist es zwar noch nicht da, das kommt dann erst, wenn man die Spieler sieht und vor den Spielern steht. Die letzten Tage war ich eigentlich relativ entspannt, aber jetzt ist es schon ein etwas anderes Gefühl", sagt Philipp Viereckl sechs Stunden vor jener Szene im Kabinengang, eine Stunde, bevor er sich mit seiner Mannschaft trifft. Noch sitzt er gemütlich im Garten vor dem Haus seiner Eltern nur unweit des Brucker Sportplatzes. Auch Freundin Chiara ist dabei. Er plaudert über die Brucker Saison, die Anfang Juni mit dem Aufstieg in die Bayernliga ihren Höhepunkt fand: „Die Saison war überragend. Ein richtiger Kraftakt mit der Relegation am Ende. Wir haben uns da als Team gefunden, das war eine geile Sache", sagt Viereckl.

Ein Andenken an den großen Tag: Philipp Viereckl hat die Stars aus München auf seinem Trikot unterschreiben lassen.

 / © Schneider

Jetzt folgen, sozusagen als Verlängerung, noch die Bayern. Es ist das „I-Tüpfelchen", wie es Viereckl formuliert, der Anpfiff zum Spiel gegen den großen FCB ist nicht mehr weit entfernt: „Das wird ein ganz besonderes Ereignis", sagt Viereckl, der eigentlich überhaupt keine Affinität zu den Bayern hat. Stattdessen ist er Fan des Rivalen Borussia Dortmund. Ja, die großen Brüder. Zwei Dortmund-Fans. So wie das halt so ist. Heute ist das aber egal. Denn nicht nur Viereckl ist heiß auf die Bayern, auch die Familie seiner Freundin hat sich Karten für das Spiel gegen die Bayern gekauft. „Forza Bruck", sagt Antonio, der italienisch-stämmige Vater seiner Freundin Chiara, der sich vor allem auf seinen Landsmann Carlo Ancelotti freut. „Unser Philipp packt das schon", sagt die Schwiegermama in spe Martina und ergänzt siegessicher: „Der wird gewinnen und schießt auch noch ein Tor. Zu hundert Prozent."

Pessimismus ist vor so einem Spiel Fehl am Platz, der Humor kommt in diesem Haushalt definitiv nicht zu kurz. „Philipp hat schon fleißig französisch geübt", sagt Antonio in Anbetracht der Tatsache, dass auch ein gewisser Franck Ribéry für das Spiel in Herzogenaurach angekündigt war. Mit einem Grinsen fügt er hinzu: „Aber nur Schimpfwörter." Als Tipp wirft Antonio ein 8:1 für die Bayern in den Raum, was seine Frau Martina aber so nicht einfach auf sich sitzen lassen kann: „8:1 für Bruck", sagt sie.

Wer zu spät kommt, der spielt nicht

Freundin Chiara hat extra einen Kuchen für das Spiel gebacken – mit der Spielpaarung und dem Datum als Glasur: „Ich habe auch letzte Saison den Jungs vor den Spielen immer Kuchen gebacken und das hat auch Glück gebracht. Vielleicht hilft es heute ja auch“, sagt Chiara. Zum Essen gibt es anschließend noch Nudeln mit Tomatensauce, so verköstigen sich auch die Profis vor den Spielen. Eine Runde Fifa, Tasche packen und dann geht es auch schon los. Um 14.15 Uhr ist Treffpunkt mit dem Team, um 14.30 Uhr rollt der Mannschaftsbus los in Richtung Herzogenaurach. „Der Trainer hat gesagt, wer zu spät kommt, der spielt nicht“, sagt Viereckl.

Nein, zu spät kommt Viereckl nicht. Freundin Chiara liefert ihn pünktlich am Sportplatz ab. „Ich freue mich jetzt einfach. Das wird sicher ein cooles Erlebnis“, sagt Viereckl. Er spricht diese Sätze in einem vertrauten Umfeld. Am eigenen Sportplatz in der Tennenloher Straße. Beschaulich ist es dort, geordnet, ruhig. Die anschließende Viertelstunde im Bus wird die letzte stille Phase sein. In Herzogenaurach ist es mit der Ruhe vorbei. Ein rot-weißes Meer aus Menschen brandet gegen 15 Uhr am Sportgelände, es bilden sich Schlangen an den Kassen, man sieht Kinder, die sich am Spielertunnel die besten Plätze sichern, um den Stars möglichst nah zu kommen. Auch Philipp Viereckl wird keine zwei Stunden später durch diesen Tunnel einlaufen. Vorbei an kreischenden Kindern. Vor 4000 Zuschauern. Gegen Weltmeister.

Die Tribünen füllen sich. Die Freundin und die Schwiegereltern in spe haben einen Platz auf der obersten Treppenstufe ergattert. Chiara drückt ihrem Freund standesgemäß im weißen FSV-Trikot mit der Rückennummer 18 die Daumen. Die Uhr tickt. Um 15.30 Uhr folgte die Mannschaftspräsentation inklusive namentlicher Vorstellung aller Spieler via Mikrofon und Lautsprecher. Ein bisschen Profiatmosphäre schnuppern. Tausenden Zuschauern zuwinken. Keine Frage: Dieses Erlebnis, das bleibt.

„Auf dem Platz sind gerade schon Hummels, Müller, Martinez. Im Kabinengang sind Tom Starke, Juan Bernat und Kingsley Coman rumgelaufen. Es sind schon ein paar ordentliche Spieler dabei“, sagt Viereckl auf dem Weg zurück in die Kabine. Kurz vor 17 Uhr stehen Philipp Viereckl und seine Teamkollegen direkt neben den Spielern in schwarzen Trikots mit rotem Brustring — zum Einlaufen. Dann ist es schlagartig vorbei mit der Augenhöhe. Denn die folgenden 90 Minuten bestehen für die Brucker aus: staunen und lernen. Der Vier-Klassen-Unterschied ist natürlich in nahezu jeder Szene erkennbar. Bei Kingsley Coman wirken selbst Bundesliga-Gegenspieler oftmals nur wie lästige Fliegen. Man kann sich in etwa vorstellen, wie viel Spaß der Franzose mit Bayernliga-Spielern hatte. „Das Tempo, das die Bayern angeschlagen haben, war schon Wahnsinn. Wenn man es im Fernsehen sieht, denkt man sich, dass das schon irgendwie geht, aber auf dem Platz ist es einfach nochmal was ganz anders. Du rennst nur hinterher“, sagt Viereckl nach dem Spiel. Zur Pause machte er Platz für die Teamkameraden. Jeder durfte mal ran, nur nicht der Kapitän: Bastian Lunz hatte sich im Pokal eine Prellung zugezogen. „Klar ist das schade“, sagt er in Trainingsanzug und Turnschuhen, „aber ganz ehrlich: Für uns ist der Bayernligaauftakt entscheidend: Der SC Eltersdorf ist wichtiger als der FC Bayern.“ Viereckl sagt: „Die eine Halbzeit hat definitiv gereicht von der Luft her.“ Er grinst.

Ganz am Ende, 85 Minuten hatten sie da schon geackert, gesprintet und hinterhergehechelt, da durften die Brucker dann auch noch einmal jubeln: Ein Pass in den Lauf von Timur Zenginer, ein Antritt von Mario Foth und ein trockener Abschluss ins rechte Eck endete in einer blauen Jubeltraube. Philipp Viereckl beklatscht den Treffer von der Seitenlinie, dann ertönt der Pfiff des Schiedsrichters. Aus. Vorbei. Viereckl läuft langsam vom Feld. Zurück in den langen, dunklen, ein wenig kahlen Kabinengang. Philipp Viereckl wird aber selbst diesen Tunnel nie vergessen.

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