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Auf Terroristen wartet nicht der Himmel

NZ-Gesprächsrunde über den christlich-islamischen Dialog - 27.09.2006

Nalan Gelengec

Nalan Gelengec


NZ: Erlauben Sie die Frage zu Beginn, Frau Gelengec: das Kopftuch, das Sie tragen - ist es ein religiöses oder ein kulturelles Symbol?

Gelengec: Ich praktiziere meinen Glauben auch damit, dass ich mich entsprechend kleide. Gebete gehören dazu wie das Tragen des Kopftuches, die rituelle Waschung und das Schächten. Das Kopftuch ist weder da, um die Menschen zu provozieren, noch, um ein Symbol zu setzen. Das Kopftuch darf kein Zeichen im positiven und im negativen Sinn sein.

NZ: Unser Gespräch liegt zwischen dem Diplomatentreffen mit dem Papst in Castel Gandolfo und dem Islamgipfel in Berlin. Die Regensburger Rede des Papstes hat in der muslimischen Welt Reaktionen entfacht, die hier zu Lande die Vorbehalte gegen den Islam noch wachsen ließen. Kann man vor einer wachsenden Islamophobie sprechen?

Gelengec: Diese Angst gibt es. Sie hat historische Gründe, aber auch die Medien tragen ihren Teil dazu bei. Wobei natürlich das Datum 11. September 2001 eine Rolle spielt.

NZ: Welchen Einfluss hat der islamistische Terror auf den christlich-muslimischen Dialog?

Klausnitzer: Ich halte den Einfluss nicht für so groß, denn diesen Dialog gibt es ja gar noch nicht so lange. Der Papst hat mit seinem Zitat etwas ausgelöst, was es bis dato lange nicht mehr gegeben hat. Wenn man bedenkt, dass es im 11., 12. und 13. Jahrhundert durchaus schon einen solchen Dialog gegeben hat, als die arabische Kultur die christliche beeinflusst hat.

Gelengec: Der Dialog hat bisher eher auf Seiten der Politik stattgefunden oder auf Basis der Vereine. Leider aber nicht ganz oben, wo er hingehört.

Gloël: Bei uns in Nürnberg sind die Dialogstrukturen doch da. Auch eine Papstäußerung kann das gegenseitige Vertrauen nicht stören. Leider wird aber sehr viel über Religion gesprochen, wo sie nicht hingehört. Der Terror hat doch eher psychologische und politische Ursachen. Die Religion ist nur eine Chiffre, um die eigentlichen Ursachen zuzudecken - hier bei uns, aber auch bei den Radikalen in den islamisch geprägten Ländern.

Kaufmann: Von Seiten der katholischen Kirche ist die Notwendigkeit des Dialogs erkannt worden. Das zeigt die Schaffung diverser Stellen. Zumal eine Angst vor dem Islam in den Gemeinden nicht zu übersehen ist. Diesen Ängsten muss man begegnen, und das möchte auch der Papst, der Glauben und Vernunft zusammenbringen will.

NZ: Die Muslime sind eine Minderheit im Lande und dennoch gefürchtet - warum eigentlich?

Gloël: Ein Türke hat mir einmal gesagt: «Früher waren wir Gastarbeiter, dann Türken, dann Muslime, jetzt sind wir Terroristen.“ Das ist schon eine schwierige Karriere. Die Leute werden zwar noch nicht in eine Ecke gestellt, aber es ist eine Dämonisierung im Gange, das kann man nicht bestreiten.

NZ: Was stört den Dialog?

Kaufmann: Wir haben leider nicht die gleichen Strukturen. Mit wem soll ich auf muslimischer Seite einen theologischen Disput führen? Ein Lehrstuhl wie in Erlangen ist zu wenig. Es gibt zwar Islamwissenschaftler, aber sie denken nicht als Glaubende. Wo sind die Theologen, die eine Ahnung von der Exegese des Korans und dessen Auslegung haben?

Gloël: Deshalb war es ja auch im Zusammenhang mit der Papstäußerung so schwierig für Muslime, Stellung zu nehmen. Das war das Problem, dass man Muslime so herausgefordert hat zu antworten.

Kaufmann: Wobei durchaus zu sehen ist, dass diese Papstäußerung eine positive Provokation sein kann.

Gloël: Ein Signal der Diplomatie zwischen Christen und Muslimen war das Papstwort jedenfalls nicht. Dass man einen kritischen Dialog auslösen muss, darüber sind wir uns mit dem Papst jedoch einig. Jetzt, wo so viele Wunden zwischen Ost und West offen sind, wäre mehr Fingerspitzengefühl notwendig gewesen. Das war ein fragwürdiges Signal.

Klausnitzer: Aber dass der Islam eine «Religion des Schwertes“ ist, wie der Papst zitiert hat, war doch seit jeher ein Standardvorwurf der Christen, die sich vom Islam bedroht fühlten. Irgendwann muss man dahin kommen zu sagen: Gewalt ist kein Mittel der Religion . . .

Gloël: . . . aber das ist doch so eine Binsenweisheit, da sind wir uns im Dialog doch einig. Die Leute, die Krieg machen wollen, wären doch dumm, wenn sie nicht die Religion als Mittel zum Zweck benutzen würden.

Klausnitzer: Von der Politik wird doch immer gefordert, die Religion müsse die Probleme lösen. Das können die Religionen nicht. Im Gegenteil: In den verschiedenen Religionen, auch im Christentum, wurde Gewalt theologisch begründet. Das ist leider keine Binsenweisheit. Religion muss sagen: «Was auch immer für eine Absicht dahinter steht, wenn einer mit einer Bombe Kinder umbringt: Im Himmel landet der nicht.“

NZ: Wohin muss der Dialog zielen?

Klausnitzer: Wir erhoffen uns einen europäischen Islam, der durch die Schule der Aufklärung gegangen ist und den Dialog mit den Christen kennt, um einen Dialog mit dem Weltislam führen zu können.

Gloël: Der Dialog ist nicht allein die Lösung. Politische Strukturen und Basiselemente müssen sich ergänzen. Denken Sie an Jugoslawien, wo man Jahrzehnte lang friedlich nebeneinander gelebt hat, um sich plötzlich wieder tot zu schlagen. Wenn die Politik nicht mitmacht, dann können wir herumhampeln, wie wir wollen, es nützt nichts.

NZ: Welche Vision begleitet Sie?

Gloël: Dass die Stärkung der Basis weiter voranschreitet. Wo Vertrauen besteht unter Menschen verschiedenen Glaubens, wo Kontakte gefördert werden, sind Menschen für religiöse Störungen weniger anfällig. Wir sind da in Nürnberg schon sehr weit. Es liegt jedoch an den Medien darzustellen, dass es möglich ist, zusammenleben zu können. Es gibt Ansätze, aber sie müssen noch mehr vernetzt arbeiten.

Gelengec: Ich als Pädagogin beziehe immer gern Kinder mit ein. Ich möchte nicht, dass sie in eine Zukunft hineingeboren werden, mit der sie nicht zurecht kommen. Es liegt an uns, dass sie nicht mit Problemen konfrontiert werden, die sie überfordern. Muslimische Eltern sollen christliche Freunde haben und umgekehrt. Das schon wird den Kindern Kraft geben.

Kaufmann: Dass Vorurteile abgebaut, Begegnungen gerade auch in christlichen Gemeinden gefördert, Lösungen bei Alltagsproblemen angeboten werden. In Fragen der Ethik und Umweltzerstörung stehen wir erst am Anfang und haben noch einen langen Weg vor uns.

Klausnitzer: Ich bin einem gläubigen Muslim oft näher als einem säkularisierten Menschen hier in Deutschland, der mit Religion überhaupt nichts am Hut hat. Menschen, die versuchen, religiös zu leben und an einen Gott glauben, sollten aber nicht nur miteinander streiten, sondern zusammen auftreten und gemeinsam ein Zeugnis nach außen geben. Es ist paradox, wenn wir sagen, an einen Gott der Liebe zu glauben, und uns unter vorgeschobenen Gründen bekämpfen.

Moderation: Raimund Kirch 

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