Mittwoch, 20.03.2019

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Auf zu den Mahler-Gipfeln!

Symphoniker-Chefdirigent Kahchun Wong stellte sich vor - 18.03.2018 21:41 Uhr

Hohe Körperspannung, klare Einsätze, die Musiker fest im Blick: Kahchun Wong, der im Sommer den Chefdirigentenposten bei den Nürnberger Symphonikern übernimmt, weiß was er will. Und wie er es dem Orchester vermitteln kann. © Michael Matejka


Kahchun Wong, der erst 31-jährige Singapurer, hat seit dem Gewinn des Gustav-Mahler-Dirigierwettbewerbs 2016 bei den Bamberger Symphonikern längst zum internationalen Karriere-Höhenflug angesetzt. Als jüngste Erfolgsmeldung verkündet er auf seiner Homepage, dass er am 5. Februar 2019 zum chinesischen Neujahrsfest die New Yorker Philharmoniker dirigieren wird. Auch mit seinem zukünftigen Stammorchester hat Wong viel vor. Er will den Erfolgskurs, den die Symphoniker unter Alexander Shelley in puncto musikalischer Vitalität, Klangattraktivität und Tourneeaktivität eingeschlagen haben, fortsetzen – letzten Herbst war man mit Wong schon sehr erfolgreich in China unterwegs.

Er strebt darüber hinaus auch zu den großen spätromantischen Werken. Das ist ein Repertoirebereich, der einem Orchester der Tarifstufe B mit 56 Planstellen naturgemäß meistens verschlossen bleibt, deshalb fordert Wong auch fünf zusätzliche Bläserstellen. Doch die müssen erst einmal finanziert werden. Immerhin: Es sei Bewegung in diese Angelegenheit gekommen, heißt es.

Natürlich waren die beiden Auftrittes des Wochenendes (die NZ besuchte das Konzert am Sonntag) eine programmatische Visitenkarte des jungen, sehr sympathisch und natürlich wirkenden Pultmotivators, der sich hemdsärmelig dem Publikum als "the new one on the block" vorstellte.

Wong will den Klangkosmos der Symphoniker auch in Richtung seiner asiatischen Heimat erweitern. Deshalb begann er mit "Phenomenon", geschaffen 2004 von seinem thailändischen Künstlerfreund Narong Prangcharoen (Jahrgang 1973). Das ist eine sich anfangs instrumental wild gebärdende, dann mit allerlei exotischen Schlagwerk den Kosmos asiatischer Klangfarben evozierende Orchesterfantasie über Lichtphänomene am Mekong-Fluss. Das hatte exotischen Reiz, das machte Lust auf mehr Werke dieser Art.

Bei Franz Schuberts "Unvollendeter" Sinfonie D 759 zeigte Wong, wie er beim Orchester den Willen zur Detailarbeit mit Spielfreude zu verknüpfen versteht. Geradezu magisch wirkte die Entstehung des Klangs aus den tiefen Streichern zum Auftakt; glänzend traten die Melodiebögen hervor, bevor das Orchester eine bedrohliche Atmosphäre entstehen ließ.

So zart kann romantische Sehnsucht sein

Aus diesem klug ausgestalteten Kontrast gewann Wong mit den Symphonikern zwar Dramatik, legte aber viel Wert auf die ruhigen, zarten Passagen, so dass eine sehr innige Interpretation entstand. Die hätte manchmal durchaus prägnanter formulierende Streicher vertragen. Im zweiten, noch ruhigeren Satz konnten die Symphoniker mit feinen lyrischen Holzbläserakzenten punkten, die Stimmungswechsel ereigneten sich sanft, so entstand ein sehr subjektiver, überzeugender Entwurf romantischer Sehnsucht. Dieser Schubert war ein deutliches Versprechen auf mehr.

Das versuchte Wong nach der Pause mit Gustav Mahlers groß dimensionierter 5. Sinfonie umzusetzen. Ein spannendes Vorhaben, denn obwohl Alexander Shelley sich letzten März die "Auferstehungssinfonie" aufs Pult legte, sind die Symphoniker natürlich kein genuines Mahler-Orchester, solche Qualitäten müssen über Jahre wachsen. Trotzdem gelang es Wong, die totale Ambivalenz dieser Musik gleich zum Auftakt zu vermitteln, wenn die Fanfaren rasch in einen Trauermarsch kippen. Die lyrischen Momente bieten keine wirkliche Geborgenheit, sondern sind stets von Verfinsterung bedroht. Das Toben der Jahrmarktsmusik ist nicht fröhlich, sondern fahl, das muss theatralisch wild sein und gleichzeitig muss hier der Tod lauern, die Entfärbung allen Lebens. Diesen speziellen Mahler-Tonfall hinzukriegen, ist sehr schwierig – Wong ist mit den Symphonikern auf diesem Weg schon weit vorangekommen. Doch auf Dauer wird es nicht reichen, das Orchester wie an diesem Wochenende mit vielen Aushilfen aufzustocken; für den treffenden Bläserklang zum Beispiel müssen die Musiker so gut aufeinander abgestimmt sein, als würden sie ein einziges Instrument spielen, nur so gelingen die Klangvaleurs, die Mahler so unwiderstehlich machen.

Deshalb ist es Wong zu gönnen, dass sein Wunsch nach zusätzlichen Musikern in Erfüllung geht. Mahlers zentrales Scherzo mit seinem Raumklangeffekten liefert dafür eindrucksvolle Argumente: viel Qualität ist im Orchester schon da, doch es bleibt noch Luft nach oben, etwa bei der Prägnanz der Streicher oder den delikaten Holzbläsern.

Denn für die Fin de Siècle-Nonchanlance der Fünften braucht es beides: plastisches Musizieren und manchmal doch die Weichzeichnung der Konturen – so als würden die Klänge hinter einem Vorhang aus Sehnsucht und Erschöpfung verschwinden. Dieser besondere Schwebezustand gelang den Symphonikern im berühmten Adagietto schon recht gut.

Im Schlusssatz räumte Wong mit aller Hinfälligkeit auf. Im optimistischsten aller Mahler-Finali triumphierte musikalische Vitalität, für die die Symphoniker die nötige Dynamik und Wucht lieferten. Der Jubel des Publikums war entsprechend groß. Wong zeigte offen seine Freude darüber, bald in Nürnberg anzukommen. Die Sympathien werden ihm zufliegen, der große Rest ist Arbeit – und Inspiration.  

Thomas Heinold

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