Mittwoch, 20.03.2019

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Bitte mit Schmiss!

Symphonikerkonzert - 01.10.2018 18:16 Uhr

"Mit Feuer", so lautete das Motto des zweiten Konzerts der Nürnberger Symphoniker, dazu der Titel der es eröffnenden Beethoven-Hommage von Jörg Widmann. Seine Konzertouvertüre hat der Münchner Komponist für die originale Orchesterbesetzung der siebten Sinfonie notiert: Mariss Jansons orderte sie 2008, um ein reines Beethoven-Konzert zu pimpen.

Ob sich das Werk außerhalb dieses Kontextes befriedigend erschließt, ist fraglich. Der Horizont der Avantgarde präsentiert sich hier jedenfalls in einer unschönen Wetterlage: Verheerende Niederschläge von Noten-Schloßen ziehen mit Böen aus Bläser-Luftklängen auf. Vereinzelt brechen Lichtblicke durchs atonale Gewölk; sie scheinen wie Beethoven-Zitate, sind aber keine. Beim nächsten Mal bitte mit Gewitterwarnung!

Abrechnung mit dem Regime

"Con moto" heißt es hingegen im letzten Satz von Dmitri Schostakowitschs erstem Cello-Konzert. Passt also nicht ganz ins Konzept, aber derzeit haben wir aus naheliegenden Gründen so viel Interesse an russischen Künstlern, deren Vitae fatal mit autoritären politischen Systemen kollidieren, dass das zu verschmerzen ist...

Denn dafür ist dieses Werk mit seinen selbstquälerischen Umformungen des Initialmotivs "D-Es-C-H" und der gut versteckten Parodie auf Stalins Lieblingslied "Suliko" ein Paradebeispiel. Julian Steckel findet für die musikalische Abrechnung mit dem Sowjet-Regime in den Rahmensätzen ebenso den richtigen Ton wie für das lyrisch-depressive Moderato.

Allerdings hätte sich Kahchun Wong ruhig von seinem extrovertierten Solisten inspirieren lassen und die Zerrissenheit, die grimmige Groteske der Partitur schärfer konturieren können. Die Begleitung bleibt blass, aber wen interessiert das schon, wenn die Solokadenz – sie nimmt den ganzen dritten Satz ein – so hingebungsvoll gespielt wird wie von Steckel?

Was da noch ein Wermutstropfen war, wird bei Brahms’ erster Sinfonie allerdings zu einem Pfuhl aus Problemen. Die Tempi starr, die Dynamik lasch, der Präzisionsbegriff weit gefasst, die Intonation schwankend (Herrgott, die Flöten!) – eine Interpretation "con brio" stellt man sich dann doch anders vor. Sogar das von den Streichern so schön ausgekostete Andante drohte zu zerfasern.

Bei seiner (weiblichen) Konkurrenz muss Wong jetzt aufpassen, dass er künstlerisch nicht abgehängt wird. 

Stefan Candid Depenheuer

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