Montag, 17.12.2018

|

Bronzetafeln für die Ewigkeit

Georg Schweiggers Epitaphien auf dem Johannisfriedhof - 05.01.2011 14:55 Uhr

Friedhof von kunsthistorischem Weltrang: Die zahlreichen Epitaphien laden auf dem Johannisfriedhof ein zu einer Spurensuche. Auch von Georg Schweigger, dem Schöpfer des Neptunbrunnens, stammen einige sehenswerte Grabtafeln. © Harald Sippel


In der langen Geschichte des berühmten Begräbnisplatzes verewigten sich viele Nürnberger Künstler und Erzgießer durch die Fertigung einzigartiger Bronze- und Messingtafeln. Hervorragende Arbeiten schufen Peter Vischer und dessen Söhne sowie Pangratz und Georg Labenwolf, Sebastian Denner und Benedikt Wurzelbauer – und eben auch Georg Schweigger.

Georg Schweigger wurde 1613 in Nürnberg geboren und erlernte das Bildhauerhandwerk bei seinem Vater Emanuel, zugleich war er als Holzschnitzer tätig. Nach dem Dreißigjährigen Krieg erlangte Schweigger überregionale Bekanntheit, seine Kunstwerke beeindruckten vor allem durch ihre vollendete Komposition und die feine Ausarbeitung der Details. Schweigger starb unverheiratet 1690 im hohen Alter von 77 Jahren. Insgesamt fünf Epitaphien auf dem Johannisfriedhof werden ihm zugeschrieben, hinzu kommt eine Büste am Grabmal des Johann Schlütter.

Das erste Epitaph, das eine nähere Betrachtung verdient, ist die Grabtafel für Georg Schwanhardt (1601–67) aus dem Jahre 1654 (Grab 1484, Nordostecke der Holzschuherkapelle). Schwanhardt erlernte das Glasschneiderhandwerk in Prag und erbte 1622 von seinem Lehrmeister das Privileg, für den Kaiser arbeiten zu dürfen. Zu seinen Kunden zählten neben dem Kaiser auch Kurfürsten und Bischöfe. Seine Arbeiten zeichneten sich durch eine außerordentliche Virtuosität aus. Bereits zu Lebzeiten ließ Schwanhardt das Familien-Epitaph für sich und seine Frau Susanna anfertigen. Es besticht durch seine elegante Komposition. Der Schwan am unteren Ende ist naturnah herausgebildet und fein ziseliert, eine wahrlich meisterhafte Arbeit Schweiggers. Der bekrönende, von einer Schlange durchwundene, Totenkopf ist ein Symbol für die Vergänglichkeit. Der beigefügte Apfel verweist auf die Vertreibung aus dem Paradies, die drei Ähren stehen für die Heilige Dreieinigkeit.

Nördlich des Osteingangs des Friedhofs befindet sich die Familiengruft der Patrizierfamilie Nützel (Gruft 2134/36). Die Familie gehörte zu den ältesten Geschlechtern der Reichsstadt. Sie erwarb ihr Vermögen durch die Ausbeutung von Silber-, Kupfer- und Zinnminen in Böhmen und den Handel mit diesen Metallen. Ab 1319 war die Familie im Inneren Rat Nürnbergs vertreten, 1747 starb das edle Geschlecht aus. Wolff Jacob Nützel (1660–1725) hatte 1688 seine junge Frau Anna Maria, eine geborene Haller, im Kindbett verloren. Er beauftragte Schweigger, ein Epitaph für die neue Familiengruft zu fertigen. Die Bronzetafel zeigt das gemehrte Wappen der Nützel, das diese seit Mitte des 16. Jahrhunderts führen durften. Das Wappenschild und insbesondere die Helmzier in Form eines Adlers beeindrucken durch die plastische und detailreiche Ausführung.

Das wohl berühmteste Epitaph des Johannisfriedhofs wurde von Georg Schweigger entworfen (Grab B1a, genau östlich der Johanniskirche). Die Auftragsarbeit für den Zweiten Losunger Andreas Georg Paumgartner (1613–1686) stellt einen Höhepunkt der Epitaphienkunst der Barockzeit dar. Die Relieftafel zeigt den Stammbaum Paumgartners mit den Familienwappen seiner Vorfahren: Haller, Tucher, Zingel, Geuder, Löffelholz, Scheuerl.

Im Zentrum befindet sich das feingegliederte Wappen der Familie Paumgartner mit prächtiger Helmzier. Die kleinen Wappenschilde am unteren Ende gehören zu seinen drei Ehefrauen aus den Familien Paumgartner, Peller und Harsdörffer. Darunter ist folgende Inschrift zu lesen: „Das Leben ist eine Vorbereitung auf den Tod. Andreas Georg Paumgartner von Holnstein und Lonnerstadt, Zweiter Losunger der berühmten Republik Nürnberg und gewesener Kriegsoberst, des hochlöblichen Fränkischen Kreises Kriegsrat, des Durchlauchtigsten Fürsten, Pfalzgrafen Christian August von Sulzbach Geheimer Rat, überdrüssig der weltlichen Würden und der Geschäfte des Lebens, vertraut in Geduld und Hoffnung seine Seele Gott, seinen Leib aber diesem Plätzchen an, von dem er wünscht, dass es ihm und den Seinen heilig sei. Im Jahre der Erlösung 1679.“.

Besonders charakteristisch für Barockepitaphien sind die kleinen Putten, die Symbole der Vergänglichkeit zeigen: die Sanduhr für das unaufhaltsame Verrinnen der Zeit, der Totenkopf für die Endlichkeit allen Seins, die Seifenblasen für das plötzliche Ende des Lebens. Einer der bekrönenden, fliegenden Putten bläst eine Posaune als Sinnbild für die Nichtigkeit irdischer Vergnügungen. Die beiden Frauenfiguren sind Allegorien für den Glauben (Fides, mit Kreuz) und die Hoffnung (Spes, mit Fisch). Die lateinischen Texte sind eine Mahnung für die Lebenden, sich auf den Tod vorzubereiten: „DISCE MORI“ – „Lerne zu sterben!“ – und MEMENTO NOVISSIMA – „Bedenke das Letzte!“. Auf den beiden Schriftbändern steht: „TANDEM PATIENTIA VICTRIX“ – „Schließlich siegt die Geduld“ – und „SPES CONFISA DEO“ – „Die Hoffnung, die auf Gott vertraut.“. Bekannt ist das Grab wegen des fast lebensgroßen Totenkopfs mit beweglichem Unterkiefer am Fußende.

Das Grabmal (D 22a) für Johann Schlütter stellt eine Besonderheit in dem durch liegende Steine geprägten sogenannten „Predigerkirchhof“ nördlich der Johanniskirche dar. Es wurde in die Friedhofsmauer integriert. Die Bronzebüste, die große Texttafel und das Wappen Schlütters wurden von Georg Schweigger entworfen. Der dort bestattete Kaufmannssohn aus Lübeck fiel 1646 einem Verbrechen zum Opfer. Bei einem Überfall auf einen Kaufmannszug in der Nähe von Weinsfeld bei Hilpoltstein traf ein Schuss den 23-Jährigen. Er erlag seiner Verwundung und wurde in der Gruft von Johann Doppelmayr beigesetzt. Schlütter war bei dem wohlhabenden Nürnberger Lederhändler in Ausbildung, und dieser behandelte ihn wie einen Sohn.

1647 stiftete die Familie Schlütter das Wandgrabmal, Doppelmayr beauftragte Georg Schweigger mit dessen Entwurf und Ausführung. Die Büste und die Lettern der Schrifttafel waren sogar ursprünglich vergoldet. Bei diesem Grabmal wurde das Verbot stehender Grabmäler durchbrochen. Die Ausnahme begründete der Rat damit, dass es sich um keinen Nürnberger Bürger handelte. Da es wegen der prunkvollen Ausführung offenbar Proteste aus der Bürgerschaft gab, ließ die Familie eigens eine (heute allerdings nicht mehr vorhandene) Tafel anbringen, auf der sie um Verständnis warb, da die Trauer um ihren Sohn so groß sei. Die Büste war der erste Auftrag, bei dem Schweigger mit Christoph Ritter zusammenarbeitete. 20 Jahre später waren beide dann an der Entstehung des berühmten Neptunbrunnens beteiligt.

Georg Schweigger selbst liegt auch auf dem Johannisfriedhof begraben (Grab 540, nördlich des Hauptweges). Das Epitaph stammt von seinem Schüler Jeremias Eißler, der nach seinem Tod die Werkstatt übernommen hatte und ebenfalls hier bestattet wurde.

Im Gegensatz zu den beschriebenen Auftragsarbeiten Schweiggers fiel diese Arbeit wesentlich bescheidener aus. Auf dem Spruchband steht zu lesen: „Georg Schweiggers und Jeremias Eißlers beeder Bildhaueres. Dann auch Margaretha Regenfüßin erstgedachten Eißlers Ehewirtin und derer Leibs Erben Begräbnüs. 1702“

Zwei weitere, weniger bekannte, aber sehenswerte Epitaphien stammen von Georg Schweigger: das zweiteilige Epitaph für Hieronymus Gutthäter (Gruft B5b/6a, am Steinschreiberhaus) aus dem Jahre 1679 und die Grabtafel für den Münzmeister Georg Friedrich Nürnberger und dessen Frau von 1688 (Grab E119, südlich der Johanniskirche).

In Kürze erscheint über den berühmtesten Nürnberger Friedhof ein reich bebilderter Band in der Reihe „Historische Spaziergänge“ im Sandberg Verlag.

  

Uwe Werk E-Mail

Seite drucken

Seite versenden


weitere Meldungen aus dem Ressort: nordbayern.de