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"China wird künftig mehr in der Weltpolitik mitreden"

Ein Orchideenfach blüht auf: Interview mit dem Erlanger Sinologen Michael Lackner, der einen hochdotierten Wissenschaftspreis erhält - 03.03.2017 19:01 Uhr

Die Partnerschaft zwischen der Metropolregion Nürnberg und der chinesischen Millionenmetropole Shenzhen besteht seit 20 Jahren. Aus diesem Anlass zeigt das Stadtmuseum Schwabach derzeit die Fotoausstellung „Im Zeichen des Hahns“. Darunter ist auch dieses Shenzhen-Foto des Nürnberger Fotografen Christian Höhn © Christian Höhn


Herr Professor Lackner, herzlichen Glückwunsch zum Tsungming TuPreis. Sie sind der erste Geisteswissenschaftler, der diese hochdotierte Auszeichnung in Taiwan erhält. Wie kommen Sie zu dieser Ehre?

Michael Lackner: Vermutlich weil ich seit über zwölf Jahren mit Wissenschaftlern aus Taiwan zusammenarbeite, bei Tagungen, Konferenzen und Veröffentlichungen. Daraus sind viele gemeinsame Projekte von Sinologen und Historikern entstanden. Ich bin immer wieder überrascht von dem anderen Blick, den chinesische Wissenschaftler auf Europa haben. Das trifft natürlich auch umgekehrt auf den Blick europäischer Sinologen auf die chinesische Welt zu.

 

Der Preis wird von Taiwan verliehen. Gibt es da Eifersüchteleien von der Volksrepublik China?

Lackner: Das ist eine interessante Frage. Die meisten Glückwünsche zu dem Preis bekam ich von chinesischen Kollegen, die haben keine Berührungsängste. Ich muss sagen, unter Wissenschaftlern funktioniert der Dialog zwischen Taiwan und der Volksrepublik prächtig.

 

Die politischen Beziehungen sind ja bis heute mehr als kompliziert...

Lackner: Offiziell ist Taiwan für China noch immer eine abtrünnige Provinz. Die Volksrepublik hat einige Tausend Raketen auf Taiwan gerichtet. Aber seit einigen Jahren gibt es viele Flugverbindungen zwischen beiden Ländern, das war lange unvorstellbar. Man konnte früher nicht mal mit einem Pass von Taiwan nach China reisen. Es gibt inzwischen einen Annäherungsprozess, aber es bleibt problematisch.

 

Früher galt Sinologie als Orchideenfach, das nur ein paar Sonderlinge interessiert hat. Das hat sich ja inzwischen gründlich geändert. Was sind die Gründe für das neu erwachte Interesse an Sinologie?

Lackner: Die Sinologie galt lange als Altertumswissenschaft. Im Grunde waren die Chinesen für die Wissenschaft so tot wie die alten Ägypter. Heute sind viele Studenten an China als Wirtschaftsmacht interessiert. Ich erkläre aber den Erstsemestern immer wieder, dass wir nicht dazu da sind, ihnen beizubringen, wie man Staubsauger in China verkauft. Doch ich beobachte ein zunehmendes Interesse an der chinesischen Kultur.

Michael Lackner wurde 1953 in Bamberg geboren und studierte in Heidelberg und München Sinologie, Ethnologie und Politikwissenschaft. Nach verschiedenen Lehrtätigkeiten im Ausland, ist er seit dem Jahr 2000 Lehrstuhlinhaber der Sinologie (China-Kunde) an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Er ist verheiratet mit Yan Xu-Lackner, der Gründungsdirektorin des deutsch-chinesischen Konfuzius-Institutes Erlangen-Nürnberg. © Eduard Weigert


 

Können Sie das mit Beispielen verdeutlichen?

Lackner: Wir haben derzeit 180 Studenten, Tendenz steigend. Und wir haben ab Herbst zwei neue Studiengänge: Ich bin sehr stolz, dass wir nun Chinesisch fürs Lehramt an Schulen anbieten können. Chinesisch bleibt an bayerischen Schulen allerdings ein (freiwilliges) Ergänzungsfach. Das zweite ist ein Elitestudiengang, da wollen wir junge Leute, die später Entscheider etwa in der Politik oder der Wirtschaft werden, auf interkulturelle Unterschiede vorbereiten. Dafür bekommen wir zwei neue Professorenstellen, eine für Ethnologie und eine für soziale Anthropologie.

 

Inwiefern hat sich das Selbstverständnis der Sinologie in den letzten Jahren geändert?

Lackner: Eigentlich haben wir an der Erlanger Sinologie eine ganze Fakultät: Man kann die Sprache oder die Geschichte in den Vordergrund stellen, man kann als Soziologe in China Erhebungen machen, man kann sich religionswissenschaftlich oder ethnologisch mit China auseinandersetzen oder die Zeitgeschichte behandeln. Ich achte darauf, dass in Erlangen auch das alte China nicht zu kurz kommt. Ein Grund dafür ist, dass die Chinesen derzeit viel von ihrer kulturellen Renaissance reden.

 

Was ist also Ihrer Meinung nach die Aufgabe der Sinologie?

Lackner: Ich glaube, es gibt zwei Aufgaben. Das eine ist die Vermittlung der chinesischen Kultur in einer möglichst großen Bandbreite. Sprache gehört natürlich dazu. Die andere Aufgabe ist genau so wichtig, nämlich im chinesischen Kontext mitzuspielen. Den Preis habe ich ja auch deshalb bekommen, weil ich chinesischen Wissenschaftlern neue Fragestellungen offeriere. In der Volksrepublik heißt unsere Fachrichtung "Nationale Studien" und ist sehr beschränkt auf Grund ideologischer Grenzen.

Sehen Sie die Gefahr, dass Ihr Fach aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen instrumentalisiert wird?

Lackner: Bislang noch nicht. Wir arbeiten ja mit dem Konfuzius-Institut zusammen, das auch mit chinesischen Mitteln finanziert wird. Aber bisher hat es nicht ein einziges Mal den Versuch einer Einflussnahme gegeben. Das Konfuzius-Institut ist für uns eine ideale Ergänzung.

 

Sie haben das Internationale Kolleg für geisteswissenschaftliche Forschung ins Leben gerufen. Das Motto heißt reichlich nebulös "Schicksal, Freiheit und Prognose". Worum geht es da eigentlich?

Lackner: Es geht um den unterschiedlichen Umgang verschiedener Kulturen mit der Zukunft. Sie können alles dem lieben Gott überlassen und wie im Islam Fatalist sein. Sie können sagen, die Zukunft ist Gottes unerforschlicher Ratschluss. Sie können die Zukunft aber auch nach wissenschaftlichen Kriterien oder mit Hilfe der Astrologie erforschen. In China kommt dazu, dass man mit dem Schicksal verhandeln kann. Das ist ein spannendes Themenfeld.

 

Gerade in Krisenzeiten wie diesen. . .

Lackner: Exakt. Das boomt in China derzeit geradezu, das reicht von Wahrsagerei bis zu modernen Think Tanks. Da die Lebensentwürfe in China mittlerweile relativ frei sind, muss sich der Einzelne verstärkt um sein Schicksal kümmern. Wir wissen, dass sogar die jetzige politische Führung in China immer wieder auf Wahrsager zurückgreift. Das ist erstaunlich.

Aber für einen europäischen Wissenschaftler ist es doch etwas anrüchig, Zukunftsforschung zu betreiben. Das klingt ja nach Science Fiction.

Lackner: Das ist richtig, wir machen ja aber selbst keine Futurologie. Jeden Tag hören wir neue Klima-, Demographie- oder Wirtschaftsprognosen, die alle Nase lang wieder revidiert werden. Das ist doch Wahnsinn. Unser Impetus ist es, sich das Ganze kritisch anzuschauen: Wie geht der Mensch mit der Zukunft um? Offenbar braucht der Mensch Prognosen, um Entscheidungen zu treffen. Das kann eine Leberschau ebenso sein wie Kaffeesatzleserei oder die Statistik eines Wirtschaftsweisen.

 

Wie sehen Sie die zukünftige Rolle Chinas angesichts der weltpolitischen Wetterlage? Blüht uns ein chinesisches Zeitalter?

Lackner: Auf jeden Fall ein Zeitalter, in dem die Chinesen in der Weltpolitik mehr mitreden werden als bisher. Ein Anzeichen dafür ist das in den letzten 30 Jahren massiv aufgebaute chinesische Nationalgefühl, das ja angesichts der Größe Chinas auch eine gewisse Berechtigung hat. Ein anderes Anzeichen sind konkrete Projekte wie die neue Seidenstraße zwischen China und Europa oder gewaltige Investitionen im Ausland, etwa in Afrika. Die Sinologie kann dazu beitragen, Vorurteile und übertriebene Ängste vor der "Gelben Gefahr" abzubauen. Aber man darf dabei natürlich auch Chinas Defizite im Hinblick auf die Menschenrechte nicht übersehen. 

Interview: STEFFEN RADLMAIER

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