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Die SS errichtete Konzentrationslager ab 1940 gezielt in der Nähe von Steinbrüchen
Baustoff fürs Parteitagsgelände
Granit aus Natzweiler - Tausende Häftlinge schufteten sich zu Tode - Werkstätten eingerichtet
Eigentlich wollte der amerikanische Kunsthistoriker Paul Jaskot von der DePaul-University of Chicago sich in seiner Doktorarbeit mit der Ästhetik der Nazi-Architektur auseinandersetzen. Bei seinen Recherchen entdeckte er jedoch bislang unbekannte Dokumente, die für die NS-Geschichtsschreibung eine kleine Sensation bedeuten. Mehr oder weniger zufällig fand Jaskot heraus, dass die SS sich bei der Errichtung von Konzentrationslagern an den Bedürfnissen der Baumeister des Nürnberger Reichsparteitagsgeländes orientierte.

Class="MsoPlainText" Nach dem deutschen Überfall auf Frankreich unternahm Hitlers Architekt Albert Speer eine Besichtigungsreise durch die besetzten Gebiete.

Class="MsoPlainText" Dabei wurde er auf große Vorkommen besonders schönen roten Granits in den nördlichen Vogesen aufmerksam gemacht. Gestein, aus dem nach Ansicht des NS-Baumeisters die größte Sportarena der Welt entstehen sollte: Das Deutsche Stadion auf dem Reichsparteitagsgelände Nürnberg.

Class="MsoPlainText" Die Firma Deutsche Erd- und Steinwerke (DEST) nahm diesen Hinweis von Speer begierig auf und bereitete den Abbau des wertvollen Materials unverzüglich vor. Das Interesse der DEST an den Plänen des Nazi-Baumeisters war nicht uneigennützig. Das Unternehmen gehörte zum Firmenimperium des SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamtes. Mit den Deutschen Erd- und Steinwerken wollte sich die SS die lukrativen Aufträge sichern, die beim Bau des Reichtsparteitagsgeländes in Nürnberg vergeben wurden.

Class="MsoPlainText" Im Jahr 1940 beschloss SS-Reichsleiter Himmler, neue Konzentrationslager zu eröffnen. Er erkundigte sich daher bei Albert Speer, wo die besten Natursteinvorkommen lägen, die für die Bauvorhaben in Nürnberg und Berlin benötigt wurden. Der Architekt konnte weiterhelfen. Neben den roten Steinen aus Natzweiler richtete sich Speers Interesse besonders auf den blaugrauen Granit, der in der Region um Groß-Rosen abgebaut wurde.

Class="MsoPlainText" Schon bald ließ die DEST Proben aus den Steinbrüchen in Natzweiler und Groß-Rosen prüfen und schickte die Ergebnisse nach Nürnberg. Die Qualität wurde in allen Fällen für gut befunden. Am 2. August 1940 wurde das KZ Groß-Rosen eröffnet, im Frühjahr 1941 wurden die ersten Häftlinge in Natzweiler interniert.

Class="MsoPlainText" Die SS-Wirtschaftsverwaltung kontrollierte sechs Steinbrüche im Deutschen Reich. Dazu gehörten neben den genannten Lagern in Groß-Rosen und Natzweiler auch Mauthausen und Flossenbürg. Die Namen der vier Ortschaften gingen als Synonyme für berüchtigte Stätten des NS-Grauens in die Geschichte ein.

Class="MsoPlainText" Ab 1941 bestellte die Bauleitung des Reichtsparteitagsgeländes Granit aus Natzweiler. Nach einem Liefervertrag vom 4. September 1941 sollte der gesamte Ausstoß an rotem Granit aus Natzweiler beim Stadionbau in Nürnberg Verwendung finden. 1942 setzte die DEST monatlich 200 bis 300 Gefangene in den französischen Steinbrüchen ein. Die Häftlinge sollten jährlich mindestens 25 000 Kubikmeter Granit abbauen. Dieses Produktionsziel war nur durch besonders brutale Arbeitsbedingungen zu schaffen. Dabei wurden Tausende Gefangene nach dem Prinzip "Vernichtung durch Arbeit" zu Tode geschunden.

Class="MsoPlainText" Dass KZ-Häftlinge aus Mauthausen und Flossenbürg ebenfalls Steine für die Nazi-Bauten in Nürnberg brechen mussten, galt bislang als gesichert.

Class="MsoPlainText" Neu ist allerdings die Erkenntnis von Paul Jaskot, dass die SS ab Ende 1940 spezielle Steinmetzwerkstätten in Flossenbürg einrichten ließ und dieses ebenfalls für die Lager Natzweiler, Groß-Rosen und Mauthausen plante.

Class="MsoPlainText" Im Dezember 1942 arbeiteten in Flossenbürg 1200 Gefangene als Lehrlinge oder voll ausgebildete Steinmetze. Insgesamt wurden zu dieser Zeit 2238 Häftlinge innerhalb der SS-Unternehmen ausgebildet. Die größte Zahl von Steinmetzen, die jemals in einer deutschen Firma beschäftigt war.

Class="MsoPlainText" Bei den Ausstellungsmachern des "Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände" steht die Baugeschichte des Nürnberger NS-Geländes schon jetzt im Mittelpunkt ihrer Museumskonzeption. "Die Bahnbrechenden Forschungen des US-Kunsthistorikers unterstreichen diesen von uns gesetzten Schwerpunkt", sagt Eckart Dietzfelbinger, Mitarbeiter des Doku-Zentrums. Für den Historiker ist klar, dass Jaskot mit seinen Recherchen "historisches Neuland" betreten hat. Eines versteht Dietzfelbinger allerdings nicht:

Class="MsoPlainText" "Warum hat sich bislang noch kein hiesiger Historiker dieser Sache angenommen? Eigentlich ist das doch eine Aufgabe der deutschen Forschung." Das "Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände" sucht noch Zeitzeugen. Ehemalige KZ-Häftlinge, die in den genannten Lagern Steine brechen mussten, werden gebeten, sich mit den Museen der Stadt Nürnberg, 90317 Nürnberg, Telefon (09 11) 2 31-56 66 in Verbindung zu setzen. Das Buch von Paul Jaskot ist 1999 bei Routledge, London, unter dem Titel "The Architecture of Oppression" erschienen. Der Band kostet zirka 60 Mark.

JIM G. TOBIAS - Nürnberger Nachrichten
      
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