Mittwoch, 20.03.2019

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Ein Werk für die Opfer

Die Symphoniker und die "Revolution" - 06.11.2017 18:52 Uhr

Da sage noch einer, Klassik sei langweilig! In der Ouvertüre "1812" zertrümmert Tschaikowsky mit Kanonenschüssen die Melodie der Marseillaise, und in Schostakowitschs Sinfonie "Das Jahr 1917" wird gleich ein ganzer Panzerkreuzer vertont.

Dass bei solchem Getöse der künstlerische Wert erst an zweiter Stelle kommt, muss man billigend in Kauf nehmen: Schostakowitschs musikalisches Historiengemälde der Oktoberrevolution ist "beste Filmmusik", und Tschaikowsky selbst meinte, seine Auftragskomposition zur Erinnerung an den Sieg Russlands über Napoleon sei "recht lärmend und lieblos" geraten.

Das kann man allerdings nicht von Sergey Nellers Interpretation behaupten. Der junge russische Dirigent und Pianist, der als Gast-Maestro zum zweiten Sonntagskonzert der Nürnberger Symphoniker eingeladen war, beweist gleich zu Beginn ein Händchen fürs Detail: Die gut aufgelegten Solo-Celli zelebrieren den eröffnenden Troparion-Choral so zart und innig, wie man es selten hört.

Ansonsten vermeidet Neller tunlichst jedes Pathos, was sich auch in einem eher statischen Dirigat niederschlägt. Die Kanonenschüsse in der Battaglia grollen recht belanglos aus seitlichen Lautsprechern; vom triumphalen Glockenhall hört man in den Röhrenglocken ebenfalls wenig.

Hernach hat der 2. Preisträger des Gustav-Mahler-Dirigierwettbewerbs aus dem Jahr 2016 erst einmal Gelegenheit, seine Mehrfachbegabung zu demonstrieren. Mozarts 25. Klavierkonzert dirigiert er vom Flügel aus und liefert eine solide Lesart ab, die den großen Klang abermals scheut und in ihrer Dynamik manches Mal zu verhalten ist.

Ganz andere Töne erwarten den Hörer in der zweiten Hälfte des Konzerts. Revolution ante portas! Schostakowitschs 12. Sinfonie will die akustische rote Fahne in der Meistersingerhalle hissen und die Ketten des Proletariats im gutbürgerlichen Rahmen abwerfen.

Davor hält es Neller aber für nötig, das Publikum darüber aufzuklären, dass die Russische Revolution gar nicht so toll war, wie sie gleich klingen wird. Es sind ja damals auch viele Menschen gestorben. So was darf bei einer Revolution einfach nicht passieren.

Also widmet er das Werk – oder zumindest die Aufführung an diesem Abend – kurzerhand um: Nicht mehr für Lenin wird gespielt, sondern "für die Opfer der Revolution und des Kommunismus." Trotz der kritischen Grundhaltung zum Sujet verleiht er den martialischen Noten erstaunliche Durchschlagskraft. Über ein paar Koordinationsschwierigkeiten kann man dabei hinweghören – nicht aber über die intolerablen Intonationsschwächen des Blechs.

Das Publikum bedankt sich trotzdem mit starkem Beifall. Es hat schon was, dieses Revoluzzer-Feeling, das fast auf den Tag genau vor 100 Jahren die Welt zu verändern begann. 

Stefan Candid Depenheuer

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