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Immer seltener kommt die Braugerste aus Franken

Maisanbau ist deutlich lukrativer - Traditionelles Getreide in der Region hat es schwer - 31.03.2012

Lehrling Andreas Stenglein (li.) mit Juniorchef Bernd Friedrich auf dem Feld beim Säen der Braugerste. © Petra Malbrich


Andreas Stenglein füllt einen Sack Saatgut in den dafür vorgesehenen Behälter der Sämaschine am Traktor. Stenglein ist Lehrling im landwirtschaftlichen Betrieb Heinrich Friedrich in Lilling. Von seinem Seniorchef erhält er noch schnell Anweisungen, wie er die 3,51 Hektar große Ackerfläche bestellen soll. Juniorchef Bernd Friedrich wartet darauf, die frisch angesäte Fläche düngen zu können. In wenigen Wochen wird hier Gerste wachsen – der Rohstoff, der von Brauereien und Agrarhändlern dringend gebraucht wird. Insgesamt 70 Hektar Land bestellt der Familienbetrieb. Neben Wiesen und Obstbäumen wird auf 15 Hektar hauptsächlich Getreide angebaut.

Probleme sind bekannt

Das Verhältnis Sommergerste zu Mais steht bei 50 Prozent zu 50 Prozent. Wo im vergangenen Jahr Mais auch als Futter für die eigenen Kühe wuchs, wird heuer Gerste angebaut und umgekehrt. „Wir versuchen, uns an die Fruchtfolge zu halten“, erläutert Bernd Friedrich. Damit ist ein jährlicher Wechsel im Anbau gemeint, um den Boden fruchtbar und ertragreich zu halten. „Aber“, so fügt er hinzu, „wir müssen auch wirtschaftlich arbeiten.“ Und wirtschaftliches Arbeiten ist mit dem Anbau der Sommergerste nicht mehr gegeben. Vielmehr birgt es ein großes Risiko für die Landwirte, alleine schon aufgrund des Wetters.

Dieses Risiko kennt auch Hans Martin Merkel. Ihm gehören der Agrargroßhandel Merkel plus Spedition. Er kennt die Probleme gut, denn er beliefert nicht nur Brauereien und Mälzereien, seiner Ehefrau Sieglinde gehört die Brauerei Friedmann in Gräfenberg. Wenn es vier bis sechs Wochen am Stück zu trocken ist, haben die Landwirte Probleme mit der Gerstenernte.

Maisanbau wirtschaftlich ertragreicher

Viel Gerste wird in den kleinen Brauereien der Region nicht benötigt. Etwa 130 Kilogramm Malz braucht man für 500 Liter Bier. So achtet Merkel darauf, Qualitätsware aus der Region zu bekommen. Er sucht Landwirte im Umkreis, die sich bereit erklären, für ihn Sommergerste anzubauen. Einer dieser Landwirte ist der Lillinger Friedrich.

Während viele Menschen über die Bauern und deren bevorzugten Maisanbau schimpfen, nimmt Merkel sie in Schutz. Für ihn ist es verständlich, dass sie wirtschaftlich arbeiten müssen. Wenn jemand zehn Euro Stundenlohn und von einem anderen 20 Euro Stundenlohn geboten bekomme, würde sich niemand für das niedrigere Angebot entscheiden. „Einerseits werden wir durch die Wirtschaftsnachfrage gezwungen vom Getreideanbau wegzugehen“, so Friedrich. Andererseits führe dies zum Gerstemangel und hin zum vermehrten Maisanbau für die Gewinnung erneuerbarer Energie in den Biogasanlagen.

Viele der Bauern nutzen daher den Maisanbau, um weiterhin wirtschaftlich zu arbeiten. Nach der Maisernte bauen sie oft Wintergerste an. Die Wintergerste wird neben dem Mais als Kraftfutter für ihre Kühe gefüttert und deren Gülle wiederum als Dünger. Mais ist auch pflegeleichter, weil er das warme Wetter und den stickstoffreichen Boden liebt, anders als die Gerste.

Preise schwanken heftig

„Früher war der Markt regional und überschaubar“, erinnert Merkel. Stand der Anbau von Sommergerste im Verhältnis zu Wintergerste vor 20 Jahren noch bei 70 zu 30 Prozent, so ist es heute umgekehrt. Vergrößert wird das Problem durch den internationalen Handel, der Brauereien und Großhandel zwingt, größere Preisschwankungen hinzunehmen und mehr Ware zu importieren.

Andere EU-Länder können aufgrund anderer Flächenstrukturen und weniger Vorschriften, was beispielsweise die Düngung betrifft, leichter Gerste produzieren. Der Mangel hier kann durch den Überschuss an Gerste in anderen Ländern mühelos ausgeglichen werden, sagt Friedrich. So hat sich der Gersteanbau in den vergangenen Jahren etwa halbiert. Die fehlende Gerste wird aus Tschechien, Polen oder Frankreich importiert.

Auch die anderen örtlichen Brauereien wie die Klosterbrauerei Weißenohe oder Hofmann in Hohenschwärz kennen die schwankenden Gerstepreise. Georg Kugler, Chef des Elch-Bräu in Thuisbrunn, erwähnt die letzte Preiserhöhung im September. Dass die Braugerste knapp wird, wurde auch bei der vergangenen Verbandsversammlung angesprochen. Er selbst benötigt nur Kleinmengen.

Brauereien und Bauern bieten faire Gerstenpreise an

Noch haben auch die anderen Brauereien keine Probleme, an den kostbaren Rohstoff zu gelangen. Die Warenlieferung ist meist durch Jahreskontrakte mit den Mälzereien oder den Landwirten gesichert. Allerdings steigen die Gerstepreise, und stabile Preise seien gerade in der Getränkeindustrie unbedingt notwendig. Auf den Bierpreis können Preiserhöhungen nicht gleich umgelegt werden, der höhere Preis für die „Halbe“ würde die Touristen verschrecken, meint Juniorchef Martin Hofmann in Hohenschwärz. Man habe entweder Glück oder Pech.

Ralf Stockum, Chef vom Lindenbräu in Gräfenberg, sind die Probleme und die Preisschwankungen, durch börsennotierte Spekulationen nicht unbekannt. Um diese Marktschwankungen zu durchbrechen, nimmt die Brauerei heuer an der Aktion „Gerste aus der Region“ teil. Verschiedene Brauereien und Bauern haben sich zusammengetan und bieten mit ihrem Abkommen faire Gerstenpreise an, um so Qualitätsgerste aus der Region zu erhalten.

Bernd Friedrich und sein Lehrling haben ihre erste Arbeit auf dem Feld inzwischen erledigt. Nun können sie nur hoffen, dass ihnen das Wetter keinen Strich durch die Rechnung macht, denn auch sie möchten ihren Teil der Abmachung halten und gute Gerste für gutes Bier liefern.

  

VON PETRA MALBRICH

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