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Zünftige Zoiglstuben

In der Oberpfalz lebt eine alte Bierkultur wieder auf - 01.05.2012

Neuhaus  - In der nördlichen Oberpfalz erlebt der Zoigl - ungefiltertes, unbehandeltes Bier aus dem Kommunbrauhaus - derzeit einen beispiellosen Aufschwung. Viele wollen von dem Trend profitieren. Doch nur in fünf Orten wird noch nach alter Tradition gebraut. In Neuhaus an der Waldnaab wird die ursprüngliche Zoigl-Kultur besonders hoch gehalten.

Wer einen echten Neuhauser erkennen will, sollte sich am besten dessen Geldbeutel zeigen lassen. „Direkt neben der EC-Karte steckt da der Zoigl-Kalender“, weiß Siegfried Wilhelm, der Führungen durch das örtliche Kommunbrauhaus macht. Auf dem Papier ist genau festgehalten, an welchem Wochenende welche der sechs Neuhauser Zoiglstuben geöffnet hat und wo man sein süffiges Bier und seine zünftige Brotzeit bekommt. Gleichzeitig sperren die Wirte nur am 3. Oktober auf, dem Tag der Kommunbrauer.

„Sonst verliert die Zoiglstube schnell an Exklusivität, artet in Kommerz aus und wird zum Wirtshaus“, erklärt Renate Zupfer-Vilas vom Tourismuszentrum in Neustadt a. d. Waldnaab. Gerade weil der Zoigl so rar sei, werde er immer beliebter.


Während die Stuben früher eine reine Männerdomäne waren, trifft man heute auch ganze Familien dort an. Das zieht viele Nachahmer an: „Der Zoigl wird immer öfter kopiert. Viele normale Brauereien produzieren schon Zoigl, jedes Sportheim und jeder Gasthof hat einen Zoigl-Abend“, klagt Reinhard Fütterer, Wirt des Neuhauser Schafferhofes. Mit der ursprünglichen Zoigl-Kultur habe das nicht mehr viel zu tun. Deshalb haben er und seine Mitstreiter das Markenzeichen „Echter Zoigl vom Kommunbrauer“ ins Leben gerufen. Mitglied kann man nur werden, wenn das eigene Schank- und Braurecht im Grundbuch eingetragen ist und das Bier direkt vom Erzeuger und im Kommunbrauhaus am Ort gebraut wird.

„Zoiglbier mit Herz gebraut, das Herz nicht vom Kommerz versaut, mit Herzblut und mit Muskelschmalz, das ist das Herz der Oberpfalz!“, fasst der Windischeschenbacher Norbert Neugirg den Kern der Tradition zusammen. Der Kommandant der Altneihauser Feierwehrkapell’n, die ihren Proberaum im ersten Stock des Schafferhofs hat, ist einer der vehementesten Botschafter des Zoigl.

Heute gibt es noch in fünf Orten echten Zoigl: In Eslarn, Falkenberg, Mitterteich, Windischeschenbach und in Neuhaus. Seit dem 13. Dezember 1415 hat die Neuhauser Bürgerschaft das Braurecht. Das derzeit aktive Brauhaus stammt aus dem Jahr 1876 und wird von einer Genossenschaft mit 20 Brauberechtigten betrieben.

Jeder muss sein Brennholz selbst mitbringen und die Hefe zu Hause zusetzen. Die meisten brauen nur für den Hausgebrauch und teilen sich zu dritt oder zu viert einen Sud von 22 Hektolitern. Als „guad, herb, hopfig, bernsteinfarben und ungefiltert“ beschreibt Brauereiführer Siegfried Wilhelm den im Dreimaischverfahren gewonnenen Gerstensaft. „Der Zoigl ist ein individuelles Getränk. Er schmeckt überall anders“, betont Schafferhof-Wirt Reinhard Fütterer.

Sechszackiger Stern

Wo man gerade einen Krug mit dem süffigen Gebräu bekommen kann, sieht man an dem sechszackigen Zoiglstern, den die Wirte dann hinaushängen. Das Zunftzeichen der Brauer, das aussieht wie der Davidstern, lockt immer mehr Gäste an: „Gerade in der modernen Zeit wollen die Menschen wieder gemütlich beieinander sitzen. Je enger, desto besser“, sagt Wilhelm.

Und eng kann man es haben „am Zoigl“, wie der Oberpfälzer liebevoll sagt. Denn dort fängt man keinen neuen Tisch an, sondern setzt sich einfach auf den nächsten freien Stuhl. Das „Du“ auch unter Fremden und über Standesgrenzen hinweg ist am Zoigltisch obligatorisch.

Diese Tradition wollte auch Reinhard Fütterer bewahren. Deshalb kaufte der Neuhauser Kaminkehrer 1999 den Schafferhof, ein verfallendes Gut, das einst als Wirtschaftshof der angrenzenden Burg der Landgrafen von Leuchtenberg diente und zuletzt eine Bäckerei beherbergte.

Der Hof entwickelte sich rasant: Heute hat er vier Zoiglstuben, einen Biergarten, einen wieder hergerichteten Felsenkeller, eine ausgebaute Scheune für bis zu 150 Gäste und natürlich die Tenne, in der neben privaten Feiern hochkarätige Kulturveranstaltungen stattfinden. Künstler wie Udo Wachtveitl, Axel Hacke, La Brass Banda oder Fonsi locken das einzigartige Flair — und natürlich der Zoigl — ins kleine Neuhaus.

„Ich kann nichts mitnehmen“

Trotz aller Investitionen sperrt Reinhard Fütterer seinen Schafferhof weiterhin nur an elf Wochenenden im Jahr auf und betreibt wie alle anderen echten Kommunbrauer die Stube nur im Nebenerwerb. „Auch ich lebe nur einmal und kann nichts ins Jenseits mitnehmen“, sagt er.

Trotzdem steckt er viel Herzblut in seinen Hof, das ganze Ensemble soll gut aussehen. An vielen Stellen prangen Sprüche von Norbert Neugirg. Sogar vom Bierdeckel grüßt zum Abschied der Feierwehrkommandant: „Wir danken Ihnen, dass Sie kamen und etwas Zoigl zu sich nahmen, denn der Wirt allein hätt’ Mühe mit dem Vernichten seiner Brühe.“

Weitere Informationen

Adressen und Informationen zu den schönsten Brauereien Frankens und der Oberpfalz finden Sie in unserem Brauerei-Guide.

Kontaktdaten und die aktuellen Ausschanktermine sind im Internet unter www.echte-kommunbrauer.de oder www.zoiglbier.de zu finden, das Programm des Schafferhofes steht unter www.schafferhof-zoigl.de. Plätze reservieren kann man in den Zoiglstuben grundsätzlich nicht, sehr große Gruppen sollten sich aber anmelden.

Nach der Windischeschenbach kann man bequem mit der Bahn anreisen (mit Umsteigen in Weiden). Nach Neuhaus gelangt man von dort mit einem 15-minütigen Fußmarsch. Ein Ausflug in die Zoigl-Region lässt sich wunderbar mit einer Wanderung im idyllischen Waldnaabtal verbinden, etwa vom Parkplatz bei Ödwalpersreuth aus. Auch Wanderungen auf dem Qualitätsweg "Goldsteig" sind möglich.

Geführte Wanderungen und Führungen durch das Kommunbrauhaus lassen sich bei der Stadt Windischeschenbach unter Telefon (09681) 401240 buchen.


  

Martin Müller


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