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Glosse: Auf der Suche nach der Besinnlichkeit

23.12.2016 17:40 Uhr

Christkindlesmarkt © Sibylle Neumeier


"Und dann träumt er vom Nürnberger Christkindlesmarkt, von leuchtenden Kinderaugen..."

Der Christkindlesmarkt. Ein Ort der Besinnlichkeit. Glitzernde Dekoration, eine duftende Tasse Glühwein und glänzende Kinderaugen. Ja, wenn man ihn noch nie gesehen hat, dann stellt man ihn sich wohl so vor. Insbesondere wenn man sich in der Schlagerwelt auskennt und das Lied vom "Nürnberger Christkindlesmarkt" in den Ohren hat. Der Mythos, einer der schönsten und traditionellsten Weihnachtsmärkte zu sein, eilt ihm weit voraus und so ist es kein Wunder, dass Touristen Jahr für Jahr zu Land oder zu Wasser die Reise zum Städtlein aus Tuch und Holz antreten. Zu Wasser? Ja in der Tat, bis zu 136 Schiffe landen in der Vorweihnachtszeit am Hafen, um ihre konsumfreudige Fracht auszuspucken. Und auch die Busunternehmen lassen sich nicht lumpen und fahren Nürnberg 150 Mal pro Tag an.
Die Prognosen über die Besucherzahlen für 2016 sind noch nicht gemacht, ersten Einschätzungen nach sollen es aber ähnlich viele wie letztes Jahr sein. Und entsprechend voll ist es dann auch, wenn man sich durch die schmalen Gassen quält, einem Selfiestick ausweicht und versucht, sich am riesigen Rucksack eines als Rentier verkleideten Kölners vorbei zu schieben. Das scheint generell ein Trend zu sein. Ohne Verkleidung geht hier gar nix. Rentier-Geweihe, Glitzer Tannenbäume oder Heiligenscheine wippen auf den Köpfen der Menschen. You better suit up for Christkindlesmarkt!

"und als er dann ganz nah die Engelein sah, war’s leicht an Wunder zu glauben..."

Man wünscht sich zumindest, noch an Wunder zu glauben, wenn man im Jenga-Stil versucht, eine letzte Serviette auf den Abfallberg im Mülleimer zu balancieren. Könnte das nicht einfach ein Engelein wegzaubern? Die Mitarbeiter des Serviceamts fahren hier schon extra Schichten, um wirkliche Müllberge zu vermeiden. Dabei sind die gar nicht unbedingt die Schuld des Marktes. Hauptmüllquellen sind Verkaufsverpackungen von Fastfood-Ketten und Co, die in dieser Zeit von Touristen besonders besucht werden. Aufwärmen mit einem Coffee to go, schnell einen billigen Burger verdrücken. Schließlich muss die Basis geschaffen werden für den Hauptgrund des Christkindlesmarktbesuchs: Den Glühwein.
Und wenn man dann mit ein bis fünf Tassen intus bei der Feuerzangenbowle an der Pegnitz steht, hat man auch schon wieder vergessen, was Besinnlichkeit bedeutet und warum man sie sich ausgerechnet hier erhofft hat.

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Sibylle Neumeier

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