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Schnaps, Beckstein und zwei Ehen

Der Christkindlesmarkt lebt von seinen Standbetreibern - 12.12.2012 11:25 Uhr

Nürnberg  - Wie ein Fürst sitzt Ljubo Dabovic in seinem engen Stand auf dem Markt der Partnerstädte. Vor sich hat er verschiedene Schnäpse fein säuberlich in einer Reihe aufgestellt. Für den Verkäufer sind sie ein Katalysator für die Völkerverständigung.

"Nastravje": Ljubo Dabovic schenkt auf dem Partnerstädtemarkt für die interkulturelle Kommunikation aus.
"Nastravje": Ljubo Dabovic schenkt auf dem Partnerstädtemarkt für die interkulturelle Kommunikation aus.
Foto: Tobias Lang
"Nastravje": Ljubo Dabovic schenkt auf dem Partnerstädtemarkt für die interkulturelle Kommunikation aus.
"Nastravje": Ljubo Dabovic schenkt auf dem Partnerstädtemarkt für die interkulturelle Kommunikation aus.
Foto: Tobias Lang

Mit einem herzlichen „Nastravje“ stößt Ljubo Dabovic sein Schnapsglas an das eines Gastes. Mitte zwanzig, männlich, trinkfreudig: „Das ist genau mein Klientel“, meint der 69-Jährige. Schon seit sechs Jahren wärmt sein „Sljivac“, ein typisch montenegrinischer Pflaumenlikör, die Kehlen durchgefrorener Christkindlesmarktbesucher. „Mal etwas anderes als Glühwein“, sagt der Gast und reicht Dabovic das Glas zurück.

Birnenschnaps, Kräuterliköre und montenegrinische Weine – fast könnte man meinen, am Stand von Dabovic drehe sich alles nur um Alkohol. Dabei geht es ihm um so viel mehr.


Die deutsch-montenegrische Freundschaft etwa. Und die Förderung karitativer Projekte. Sein Stand am Markt der Partnerstädte soll dabei für das finanzielle Fundament sorgen. „Grob überschlagen bleiben so fünf- bis sechshundert Euro am Tag“, erklärt er.

Dabovics Liebe zu Montenegro schwingt in jedem seiner Worte mit und spiegelt sich auch in der Einrichtung seines Standes wider. Poster mit Naturaufnahmen seiner Heimat sind provisorisch mit Reißzwecken an die Innentür geheftet. Drinnen stehen Schnapsflaschen zwischen Seifen, handgemachten Kerzen und bunten Puppen.

Die Bilder der Besucher auf dem Christkindlesmarkt 2012!

Was auf den ersten Blick wirkt wie wahllos zusammengewürfelt, strahlt bei näherer Betrachtung einen altsozialistischen Charme aus. Gegenüber der Tür hängt ein Foto seiner Tochter Anita, schwarz-weiß und in traditioneller Tracht. Fast wie aus einer anderen Zeit.



Dabovic ist stolz. Im November hat er von Markus Söder das Bundesverdienstkreuz am Bande überreicht bekommen. Für sein Engagement für die Integration von Migranten und dafür, dass er den ersten jugoslawischen Verein in Nürnberg gegründet hat. Er selbst lebt seit sechsundvierzig Jahren in Nürnberg. Auch heute, mit fast siebzig, lässt er nicht locker. Auf dem Christkindlesmarkt vertritt er seine Heimatstadt Bar. Hier wirbt er für Entdeckungsreisen durch Montenegro, die er jedes Frühjahr veranstaltet. Aus einer Gruppe zwanzig Fremder entstehen dort Freundschaften. „Sogar zwei Ehepaare haben sich auf diesen Fahrten gefunden“, freut sich der Rentner.

Vor einigen Jahren, erzählt Dabovic, hat er an seinem Stand einen heißen „Sljivac“ mit dem ehemaligen Ministerpräsidenten Günther Beckstein getrunken. „Sogar meine Tracht hat er sich angezogen und dann Schnaps ausgeschenkt.“ Der politisch links orientierte Montegriner und der konservative Franke – Dabovics Schnaps scheint wirklich jede Barriere zu überwinden.

"Immer auf Tour"


An Christa Brauns Stand werden fast alle Süßigkeiten selbst hergestellt.
An Christa Brauns Stand werden fast alle Süßigkeiten selbst hergestellt.
An Christa Brauns Stand werden fast alle Süßigkeiten selbst hergestellt.
An Christa Brauns Stand werden fast alle Süßigkeiten selbst hergestellt.

Aufregung herrscht an der Bude von Christa Braun. Sat.1 war gerade da, hat die verschiedenen Lebkuchen getestet. „Natürlich waren sie begeistert“, freut sich die Standbesitzerin. Ihre Produkte hat sie in 40 Jahren Schaustellerleben perfektioniert.

Der Tag, an dem Christa Braun ihre Schießbude kaufte, war einer der schönsten in ihrem Leben. Voller Hoffnung, gleichzeitig aber auch ein bisschen mulmig fühlte sich die heute 70-Jährige an jenem Tag im Jahr 1980. Immerhin hatten sie und ihr Mann sich damit verpflichtet, 64000 Mark auf Raten abzuzahlen. „Da wird einem schon ein bisschen flau um die Magengegend, ob das alles so hinhaut“, gesteht Frau Braun. Für ihren Mut wurde die gebürtige Schlesierin belohnt. Gemeinsam mit ihren drei Söhnen betreibt sie heute mehrere Fahrgeschäfte und Marktbuden auf Volksfesten in ganz Bayern.

Ihre drei Kinder hat Frau Braun unter der Jahrmarktskasse in den Schlaf geschaukelt, als Jugendliche verteilten diese Marken für den Autoscooter. Von April bis Oktober wohnt die vierköpfige Familie in einem Wohnwagen. „Immer auf Tour“, wie Sohn Gottlob erklärt. Diese Umstände nehmen die Brauns gerne in Kauf, das Schaustellerdasein ist allen ins Blut übergegangen. Obwohl sich die Stände finanziell nicht immer lohnen, wollen sie kein anderes Leben führen.

Gerade kauft eine junge Dame eine kleine Tüte gebrannte Mandeln. „Die besten auf dem Christkindlesmarkt“, wie sie befindet. Ein kleines Schwätzchen, dann geht die Dame ihres Weges. „Diesen Kundenkontakt, den brauche ich einfach“, meint Frau Braun und es wird klar: Für die 70-Jährige gibt es nur das Leben als Marktverkäuferin.
 

  

Janina Lionello und Tobias Lang


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Zum Thema
Impressionen vom Christkindlesmarkt 2009
Seit:
1628 (erste Erwähnung)
Turnus:
jährlich

Termin:
29.11. bis 24.12.2013
Kurzbeschreibung:
Der berühmte Weihnachtsmarkt mit seinen charakteristischen Holzbuden zieht jedes Jahr aufs Neue zahlreiche Besucher aus dem In- und Ausland an. Alle zwei Jahre wird eine Nürnbergerin im Alter zwischen 16 und 19 Jahren zum Christkind gewählt. Aktuelles Christkind ist Franziska Handke.

Die Buden auf dem Christkindlesmarkt 2012

Budenplan
Besucher:
über zwei Millionen
Teilnehmer:
rund 180 Buden
Eintritt:
frei
Kontakt:
0911 / 23 36-0