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23:40„Achtung, alle Hände hoch!“: Ab jetzt übernimmt Deichkind das Kommando über die Masse vor der Alternastage. „Befehl von ganz unten“ heißt der nächste Song, zugleich auch der programmatische Titel des aktuellen Albums. Hier treffen Trash auf Avantgarde, Sauf-Hymnen auf Gesellschaftskritik, plakative Parolen auf raffinierte Wortspiele. Eine spannende Mischung, auch optisch: Keine andere Band des Festivals bietet eine derart ausgeklügelte Show. Zum zynischen Kapitalismus-Song „Bück dich hoch“ gibt’s ein Bürostuhl-Ballett, die „Egolution“ der Yuppies wird vor einer strahlenden Sonnenbank inszeniert. In einem riesigen Bierfass rollt die bizarr kostümierte Truppe quer durch das Publikum, die ersten Reihen werden mit Wodka aus Schläuchen versorgt – aber auch mit Wasserpistolen abgeschossen. Keine Atempause gibt es in diesem absurden Theaterstück, das den Fans aber prächtig gefällt. Die knallige Musikmischung aus Hiphop und Elektro tut ihr übriges, um die Menge in Rausch zu versetzen.
14:50Dass Metal-Veteran Joey Belladonna von der Band Anthrax die müde Meute vor der Alternastage nachmittags kurz vor drei mit den Worten „Good Morning“ begrüßt, geht schon in Ordnung. Der dritte Tag des Festivals hinterlässt halt auch beim hartgesottensten Schwermetallfreund Spuren. Musikalisch gibts entsprechende Gitarrengewitter zum Frühstück, die großartig gellende Gesangsstimme von Belladonna ließe dazu wohl Kaffetassen zerspringen, wenn Porzellan nicht wie auch Glas auf dem Festivalgelände verboten wäre. Oben auf der Bühne rocken Anthrax über archaische Kriegstänze, während unten im Publikum reichlich müde Indianer chillen. Aber zumindest ist man jetzt wach.
15:50Ein Hoch auf die Baseballkappen-Fraktion: Die Hiphoper von Cypress Hill wuchten vom ersten Klopfer mit dem Live-Schlagzeug an einen Hit nach den anderen über die Bretter, dass es eine Freude ist. Es ist schwer was los an der Centerstage und noch größer ist das Hurra bei diesem ansonsten ja in jeder Hinsicht friedlichen Festival, als die hüpfenden Männer aus Los Angeles mal eben locker die Gesetzesbrecher raushängen lassen und tatsächlich auf der Bühne das Rauchverbot ignorieren.
16:30Verglichen mit Kollegen vom selben Fach sind Kasabian eine der ganz wenigen halbwegs aktuellen Indie-Bands bei Rock im Park in diesem Jahr. Gemäß ihrem zoologisch benannten aktuellen Albums „Velociraptor!“ lassen die fünf jungen Engländer nun auch in Deutschland den Saurier von der Leine: Sie spielen melodiösen Britpop, den sie zuweilen elektronisch veredeln. Die Klamotten der Musiker sind schwarz, der Himmel über ihrer Bühne ist schmutzgrau, doch das anwesende Publikum nimmt’s heiter – macht sich aber insgesamt an der Centerstage etwas rar.
19:00Aufgekratzt marschiert Beth Ditto von Gossip auf die große Bühne, plappert wie ein Wasserfall, stimmt dazwischen schon mal ein paar Lieder an. Puh! Als Bühnenklamotte hat sich die starke Frau heute ein Kleid voller Buchstaben ausgewählt. Wie eine wandelnde Zeitung sieht sie damit aus. Wobei jede Redaktion von so einem Zeitungsumfang natürlich nur träumen kann. Ditto stellt sich als Marilyn Manson vor (der später noch auftreten wird). Das Fräulein beliebt zu scherzen – denn für den Job als Schockrocker wäre sie viel zu vital. Es hat zu regnen begonnen, weshalb Ditto einen Fan auf die Bühne rettet, der sich von ihr mütterlich abtrocknen lässt. Selbst ist sie barfuß, so kann sie am besten tanzen, weiterhin redet sie viel. Nicht nur, wenn diese Dame sich bewegt steht sie als der leibhaftige Beweis dafür vor den Massen, dass auf den Bodymassindex gepfiffen ist, weil Selbstbewusstsein und Ausstrahlung letztlich zählen. Schwups hat sie sich auch schon ihres Buchstabenkleides entledigt, worunter sie einen unfassbar engen Body trägt. Was sie bei all dem Gebaren musikalisch präsentiert, soll wohl ein bisschen punkig sein, speziell die neuen Stücke sind jedoch eindeutig Pop. Und zwar solcher, der in ruhigeren Momenten leider auch mal lahmt. Ditto bittet ihr Publikum dann um Applaus für Cypress Hill (die ja schon dran waren) und sicherheitshalber auch für Soundgarden (die nach ihr spielen). Außerdem schüttelt sie ausgiebig die Hände von Fans vor der Bühne, gibt ihren Hit „Heavy Cross“ zum Besten, mit dem es ihr bekanntlich gelungen ist, Whams Verkaufsrekord „Last Christmas“ zu knacken. Dazu passt, dass ein Fan als Weihnachtsmann verkleidet auf den Schultern seines Kumpels im Publikum hockt. Der Auftritt ist längst rum und es kommen bereits die ersten Techniker auf die Bühne, da plaudert Madame immer noch. Was für ein Weib.
20:35Soundgarden bringen den Grungerock der 90er-Jahre zurück. Nur, was damals frisch und kraftvoll klang, kommt heute etwas schwerfälliger daher. Dennoch kann sich die wiedervereinte Band um Chris Cornell, der an Attraktivität nichts eingebüßt hat, hören und sehen lassen. Vorausgesetzt, man kommt mit dem Hang des Sängers zum Kreischen klar, denn auch das hat er beibehalten. Ditto, die sich vorhin angeblich als Gast-Sängerin empfohlen haben soll, war den Rockmännern aus Seattle da wohl doch nicht ganz geheuer, jedenfalls ist von der Dame beim Soundgarden-Auftritt auf der Centerstage nichts mehr zu hören und zu sehen. Dass Cornell den größten Hit der Band, „Black Hole Sun“, dem Publikum widmet, das beim Rock im neuerlichen Regen bis jetzt durchgehalten hat, wird mit großem Applaus goutiert.
22:05Linkin Parkläuten auf der Hauptbühne das Finale des Festivals ein, während Marilyn Manson später in der Geisterstunde auf der Alterna-stage noch etwas länger lärmen soll. Park-Sänger Chester Bennington gibt alles, um die Zigtausend, die sich wieder eingefunden haben, mitzureißen. Ja, die Band spielt genau die richtige Musik, um die Leute wach zu halten, harte Riffs und schnelle Raps sind das Nu-Metal-Rezept. Wobei der Nu-Metal so neu ja nun auch nicht mehr ist, womit sich aber ein Kreis im diesjährigen Programm schließt: Während bewährte Gitarrenrocker erfolgreich als Publikumsmagnete fungieren, wurde in den Bereichen Hiphop und Electronic weitaus aktuellere Namen gebucht. Eine Geste von Linkin Park beim Gastspiel in Germany kommt überdies gut an: Ihre Bühnendekoration ist die Deutschlandfahne.
Di. 05.06.12
Mo. 04.06.12
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Mo. 04.06.12
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