Mittwoch, 19.12.2018

|

EXTRA-Interview

11.08.2004

Beim Taubertal Open Air am nächsten Sonntag zu hören: Die Ärzte. Foto: oh © -


Farin Urlaub: „Es ist mir selbst ein Rätsel, warum die erste Reihe seit 1983 altersstabil ist. Wir werden selbst ja wirklich immer unansehnlicher, aber offensichtlich haben wir einen guten Lichtmann.“

Es sind die älteren Geschwister, die ihre „Ärzte“-Platten weiterreichen . . .

Farin Urlaub: „Oder schon die Eltern. Wir werden eine Konsensband, das ist echt bedenklich. Komisch, aber - na ja. Ich will mich nicht beschweren, denn wir sind reich.“ (lacht)

Auf der Liste der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften (BPS) sind „Die Ärzte“ mit ihren Frühwerken satt vertreten . . .

Farin Urlaub: „Das Lustige ist: Wenn man sich heute eine normale Talkshow anguckt - die Themen, wegen denen wir damals indiziert wurden, laufen jetzt im Vormittagsprogramm! ,Ich hatte Sex mit meiner eigenen Mutter!’ Da werden dann Mutter und Sohn eingeladen und erzählen fröhlich ,Ja, es war eigentlich ganz schön’. Man könnte wahrscheinlich hergehen und unheimlich viel Geld investieren in einen Medienanwalt, der versucht, diese Urteile jetzt rückgängig zu machen. Von wegen ,Hört Euch das noch mal an, heute im Jahr 2004!’“

Eine Textänderung bei den „Ärzten“ sorgte für Verwirrung. In dem Anti-Nazi-Song „Schrei nach Liebe“ heißt es im Original: „Zwischen Störkraft und den Onkelz steht ’ne Kuschelrock-LP“. Auf der Unplugged-Scheibe „Rock ’n’ Roll Realschule“ von 2002 werden die „Böhsen Onkelz“ jedoch plötzlich nicht mehr genannt . . .

Farin Urlaub: „Wir haben daraufhin tatsächlich begeisterte E-mails von „Onkelz“-Fans gekriegt, mit dem Tenor „Endlich habt Ihr’s verstanden!“. Was ich eigentlich meinte, war viel härter: „Störkraft und die anderen“ - das ist für mich noch viel deutlicher, dass die ,Onkelz’ ’ne Naziband sind. Wir singen jetzt auch wieder „Onkelz“ für die ganzen Stumpfen. Ich weiche da keinen Deut von ab. Ich mag die nicht, nach wie vor.“

Interessant ist, dass bei den „Böhsen Onkelz“, aber auch bei den „Toten Hosen“ die textliche Sichtweise fast immer „wir“ ist: „Wir ham’ noch lange nicht genug“, „Wir sind die Jungs von der Opelgang“. Bei den „Ärzten“ hingegen ist es „Du“: „Hey Du, bleib stehen“ . . .

Farin Urlaub (nickt): „Campino („Tote Hosen“-Sänger - Red.) hat über die „Onkelz“ mal ganz gut gesagt, die benutzen die Landsersprache. Es wird immer eine Gegenmasse heraufbeschworen, die natürlich nie wirklich ein Gesicht hat, aber sie ist immer scheiße. ,Wir’ sind die armen Unterdrückten, die aber doch aufrecht stehen bleiben. Erstens ist das furchbar billig, und zweitens finde ich es einfach ekelhaft.“

Die „Ärzte“-CDs kommen nach wie vor ohne Kopierschutz auf den Markt - auf ausdrücklichen Wunsch der Band.

Farin Urlaub: „Wir werden auch in Zukunft nie einen Kopierschutz drauf haben. Erstens will ich niemanden bestrafen, der unsere Platte kauft und ihm dann sagen ,Auf dem CD-Spieler läuft sie gerade nicht, kauf’ Dir doch ’nen anderen!’. Oder: ,Nein, Du darfst Dir keine Kopie machen!’. Ich kopiere mir alle CDs, die ich habe und gerne höre - alle, ohne Ausnahme. Man ist mir schon öfters ins Auto eingestiegen, und wenn da dann die Original-CDs weg sind, ärgere ich mich. Außerdem hoffe ich, daß die Endverbraucher merken, wie viel Mühe wir uns mit den Alben geben und dass es schöner ist, sich das Original zu kaufen, als sich die Lieder einfach nur aus dem Internet zu ziehen.

Aber verhindern kann das auch kein Kopierschutz - nur eher Leute verärgern. So ist unsere Sicht der Dinge. Und irgendwann wird es sowieso keine CDs mehr geben, wenn das so weitergeht.“

Interview: STEFAN GNAD 

Seite drucken

Seite versenden


weitere Meldungen aus dem Ressort: nordbayern.de