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Der deutsche Filme nähert sich der Wirklichkeit: Andreas Dresens preisgekrönte Nachtgestalten
Es herrscht Ausnahmezustand. Der Papst ist in Berlin. Er ist der Grund für hektische Betriebsamkeit, Pilgerströme, Verzögerungen im Reiseverkehr, für überbelegte Hotels und verstopfte Straßen. In diesem Dschungel bewegen sich die kleine Fixerin Patty, das Penner-Pärchen Hanna und Victor, der Landwirt Jochen, Geschäftsmann Hendrik Peschke und der kleine Angolaner Feliz. Wir folgen diesen Nachtgestalten in drei Episoden, erleben ihre Hoffnungen, ihr Scheitern und ihre Suche nach dem kleinen, kurzen Glück.
Regisseur und Autor Andreas Dresen entwarf drei Parabeln aus den Schattenseiten der Großstadt und formte daraus ein düsteres Sittengemälde, ein vorwiegend bedrückendes Filmwerk. Hinter jeder Episode steht krasse Realität, mit geradezu dokumentarischer Genauigkeit folgt Dresen seinen Gestalten durch eine Nacht, die für jede einzelne Figur zum Prüfstein wird. Fast ausschließlich an Originalschauplätzen gedreht, setzt sich dieser beeindruckende Streifen aus einer Hand voll Momentaufnahmen zusammen – Momente von der Kehrseite einer sanierten Hauptstadtfassade.
Vor Jahren schon haben Regisseure wie Ken Loach oder Mike Leigh die kleinen Leute für die Leinwand des britischen Kinos entdeckt und gezeigt, dass gute Geschichten sehr wohl auch auf der Straße zu finden sind. Im deutschen Film konsumieren wir dagegen einen weitgehend unterbelichteten Alltag. Bis heute. Andreas Dresen wagte viel, schönte nichts an diesen kleinen Dramen, die aufgrund ihrer Ehrlichkeit so schwer verdaulich sind. Für seine Arbeit, die Dresen mit dem knappen Budget von drei Millionen Mark verwirklichte, wurde der 35-jährige im Juni mit dem Deutschen Filmpreis in Silber ausgezeichnet.
Die drei Berlin-Episoden stehen für sich, die Wege der Nachtgestalten kreuzen sich kaum. Hanna und Victor, durch Zufall Besitzer eines Hundertmarkscheins, wünschen sich eine gemeinsame Nacht in einem Hotel, mit Abendessen, Dusche und Frühstück. Anrührend und exzellend in der Darstellung, zeigen Meriam Abbas und Dominique Horwitz die Ahnungslosigkeit des Penner-Pärchens, lassen Demütigungen und ohnmächtige Wut gegen die Arroganz der Mitmenschen, gegenüber einem Leben als Ausgestoßene unter die Haut gehen.
Peschke soll eine Geschäftskollegin am Flughafen abholen, wähnt sich von dem kleinen Negerbengel Feliz beklaut und startet, nachdem er seinen Irrtum eingestehen muss, eine kuriose Suchaktion nach Feliz‘ Verwandten. Hier darf der Zuschauer endlich einmal aufatmen, sogar schmunzeln. Michael Gwisdek spielt den spießigen Geschäftsmann mit weichem Kern herrlich humorig, entwickelt Ecken und Kanten des gutmütig-konservativen Typs. Für seine Leistung erhielt er bei den Filmfestspielen in Berlin den Silbernen Bären.
Landei Jochen (Oliver Bäßler) will endlich einmal etwas erleben: Frauen, edles Ambiente, Großstadtglitzer. Stattdessen landet er am Fixerstrich bei Petty (Susanne Bormann), die unbedingt Geld für neuen Stoff braucht. Wie kalt ihr Leben, wie einsam ihre Seele ist, wird er nicht begreifen. Tag wird es nie in diesem Film, nur am Ende graut der Morgen und das tägliche Karrussel aus Verbitterung, Not, Angst und innerer Leere beginnt sich von Neuem zu drehen. Und hin und wieder, tief verschüttet, glimmt auch im rauhesten Milieu ein bisschen Nächstenliebe . . .
Schonungslos präsentiert Andreas Dresen die Innereien unseres Sozialstaats. Bisweilen wird einem übel. Es sind im Grunde bekannte Bilder, Szenen wie sie in jeder Großstadt an jedem Tage in tausenderlei Variationen vor sich gehen. Zaghafte Hoffnungen, große Ungerechtigkeiten, aussichtslose Visionen, blinde Wut, und das sehr kleine Glück. Man möchte wegsehen, dann wieder aufspringen, zur Leinwand rennen, eingreifen in Missverständnisse und Ungerechtigkeiten, die man so vorgeführt nur schwer erträgt; man fühlt sich überfordert, schuldig, angeklagt.
Zuschauer im doppelten Sinne? Gar nichts ist neu, was man da sieht. Man kennt die Verhältnisse nur zu gut, sieht nur zu gern an ihnen vorbei. Und schon während der Streifen läuft, beginnt es zu arbeiten, im Oberstübchen. Welche Trennwände gilt es zu verrücken? Der Regisseur lässt die Wirklichkeit sprechen, in der verkommene Marionetten einer Gesellschaft zu Gestalten mit Gesichtern werden. Unglaublich – zuguterletzt jedoch transportiert Dresens Streifen in seiner geballten Depression tatsächlich eine ganze Menge Glück: ein Zurück zur Dankbarkeit, zu etwas mehr Bescheidenheit.
Anabel Schaffer
Wenn sich der deutsche Film einmal vom Reißbrett-Milieu löst und die Wohlstands-Komödie kurz kaltstellt, ist es auch wieder nicht recht. Dann wird über die Tristesse geklagt, über das Schmuddelklima vornehmlich Berlins, das die Regisseure aus dem Osten interessiert. Die kennen sich hier aus, sind aufgewachsen in einer anderen sozialen Wirklichkeit, die auch den Jüngeren unter ihnen noch in den Knochen steckt. Das merkt man ihrer Arbeit an, auch wenn sie weder künstlerisch noch politisch noch gesellschaftlich in eine besondere Kategorie eingeteilt werden wollen.
Jedenfalls haben diese Ossis einen geschärften Blick für ihre Umgebung. Ein Vorzug, den auch der 36jährige Andreas Dresen nutzt, der in Babelsberg sein Handwerk lernte. Auf einer Mammuttour vor dem Kinostart der Nachtgestalten hat er sich beim Publikum bekannt gemacht. Wie weit er die Zuschauer-Sympathie gewinnt, bleibt abzuwarten. Als sein Episoden-Film im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale lief, war ihm der Respekt der Kritiker sicher. Dresen schaut Paaren und Passanten zu, wie sie in Berlin ein Plätzchen für sich ergattern wollen, einfach so. Aus Not, zum Spaß, zum nackten Überleben, aus Neugier oder weil es der Zufall so will.
Besonders gepeinigt fühlt sich Peschke, der am Flughafen Tegel einen kleinen Angolaner aufliest, den keiner abgeholt hat. Was tun mit dem Negerbengel? Die Odyssee ist heftig, Peschke ein lausiger Selbstdarsteller, aber auch wieder menschlich genug, den Jungen nicht sitzen zu lassen. Für diese Paraderolle, die mit gezielter Komödiantik vom Zwiespalt des deutschen Angestellenwesens erzählt, bekam Michael Gwisdek einen Silbernen Bären.
Am Abend, an dem Peschke zum unfreiwilligen Betreuer wird, braut sich noch mehr zusammen in der Hauptstadt. Der Papst ist zu Besuch, die Taxifahrer haben‘s eilig, und Andreas Dresen zeigt, wer alles bei ihnen einsteigt. So kreuzen sich die Wege der Nachtgestalten, ohne dass sie einander begegnen würden. Nur der Betrachter kann diesen kleinen Kosmos überschauen, in dem die Atmosphäre stimmt und keinen Sozialkitsch zulässt. Auch wenn die Typisierung sich manchmal zu sehr an Schablonen orientiert, nähert sich der Regisseur doch einer Alltagsrealität, die sonst in seinem Metier selten ist.
Ins Drehbuch nahm er pfiffige Dialoge auf, viel Berliner O-Ton mit Spruch-Weisheiten von der Straße und Bemerkungen, die man nicht in der Filmhochschule lernt. Zwischen sanftem Humor und dem Anspruch auf eine etwas humanere Umgangsart (ohne Sonntagspredigt) hält Dresens Film unaufwendig die Balance.
Deutsche Gegenwart 1999, Ortstermin Berlin, empfehlenswert.