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Vergnüglicher Film über erotische Lust im Rentenalter
Es passiert hierzulande eher selten, dass Menschen der älteren Generation über ihr Liebesleben erzählen. Vielleicht hat es die holländische Filmemacherin Heddy Honigmann für ihren Dokumentarfilm O amor natural deswegen ins feurigere Brasilien verschlagen. In ihren Interviews über das Sexualleben der Brasilianer geht sie hauptsächlich auf ältere Menschen zu, die sie dann erotische Gedichte von Carlos Drummond de Andrade rezitieren lässt: Kraftvolle Verse über schaukelnde Hintern, Liebe auf dem Fußboden und den sanften Tod im anderen.
Beflügelt von den Gedichten wird in der Trambahn, im Cafe oder auf der Terrasse über die Spielarten der Liebe diskutiert. Begeistert öffnen sich die Rentner der unverschnörkselten Erotik in Drummonds lasziven Reminiszenzen. Ohne falsche Scham reden sie über die natürlichste Sache der Welt, über Lust und Vergnügen, über Sehnsucht und Enttäuschungen. Honigmann stellt die Reminiszenzen Drummonds und die der alten Menschen wechselseitig nebeneinander, wodurch sie gleichsam ineinanderfließen. So entsteht ein buntes Potpourri erotischer Episoden.
Durch seine schlichte Offenheit regt O amor natural gerade den mitteleuropäischen Zuschauer dazu an, über falsche Schamhaftigkeit nachzudenken. Oder, um mit den Worten einer Brasilianerin zu schließen: Wir sind alt, aber noch nicht tot, oder?
vg
Ein dramaturgisches Kunst-Stück: Poesie wird in Heddy Honigmanns Dokumentarfilm O Amor Natural nicht mit filmischen Mitteln evoziert und bebildert, sondern so schnörkellos wie plastisch ins Leben hineingestellt. Die Regisseurin wendet einen einfachen, aber wirksamen Kniff an: Sie gibt betagten Menschen auf den Straßen Rio de Janeiros, am Strand, in der Straßenbahn, einfach die mitunter etwas schwülstigen erotischen Gedichte des brasilianischen Dichters Carlos Drummond de Andrade an die Hand, und das laute Vorlesen setzt Emotionen und Erinnerungen frei – die alten Menschen beginnen – firsch, frech, komisch – über ihre eigene Sexualität zu reden.
Kein schlüpfriger Voyeurismus wird dabei bedient, auch das Gefühl peinlicher Berührtheit hat keine Chance: Sex und Liebe sind elementare Bestandteile der menschlichen Existenz, die Lebensfreude ausstrahlenden Interviewpartner lassen daran keinen Zweifel. Ausnahmsweise stört die spröde Doku-Machart nicht: Heddy Honigmann inszeniert nicht Leben, braucht es auch gar nicht, das teilt sich vielmehr dem Betrachter unverblümt mit – Blicke und Mimik der Menschen in diesem Film sind beredter als jede nachgestellte Realität.