Nackte Tatsachen suchte man im stockkonservativen England kurz vor dem 2. Weltkrieg vergeblich. Einziges gallisches Dorf gegen Prüderie war das Windmill Theatre in Soho, welches sich in kürzester Zeit als eine Art Londoner Moulin Rouge etablierte. Regisseur Stephen Frears setzt in Lady Henderson präsentiert der Gründerin des Revue-Theaters ein filmisches Denkmal.
Mrs. Henderson (Judi Dench) lebte lange Jahre in Indien und kehrt nach dem Tod ihres Gatten 1937 nach England zurück. Obwohl die resolute Witwe bereits 69 Jahre alt ist, hält sie wenig davon, eine stille Pensionärsexistenz zu fristen. Mrs. Henderson kauft ein baufälliges Theater und stellt zusammen mit dem windigen Impressario Van Damm (Bob Hoskins) eine Show auf die Beine. Diese wird anfangs vom Publikum wenig euphorisch aufgenommen, erst als die alte Dame die Szenerie mit Nackttänzerinnen aufpeppt, boomt das Windmill Theatre. Da aber blanke Brüste in der Öffentlichkeit in London verboten sind, verfällt Mrs. Henderson auf eine List. Die Nackten dürfen sich auf der Bühne nicht bewegen, sondern sie verharren wie Statuen. Somit wird aus Obszönität plötzlich Kunst. Doch dann beginnt der deutsche Luftkrieg gegen London.
Mit Filmen wie Mein wunderbarer Waschsalon oder Fish & Chips schuf Stephen Frears unterhaltsame filmische Sittenbilder über die englische Befindlichkeit der 80er und 90er Jahre.
Auch Lady Henderson präsentiert ist eine zeitgeschichtliche Tragikomödie, very britisch, doch in der zweiten Hälfte des Films auch mit klebrig-patriotischem Pathos gewürzt. Wenn nämlich die Bomben fallen, feiern die Engländer trotzig weiter, und Lady Henderson präsentiert serviert Durchhalteparolen en gros.
Eigentlich schade, beginnt der Film doch als scharfzüngiges Duell zweier Dickköpfe. Zwischen Mrs. Henderson und Theatermann Van Damm herrscht eine Hass-Liebe, die Judi Dench und Bob Hoskins mit sichtlichem Vergnügen zelebrieren. Auch die bunten Vaudeville-Nummern sind ansprechend inszeniert, doch dass aus dem Sündenbabel Stück für Stück der Durchhaltetempel für die britischen Truppen wird und die herzlich-rüde Hauptperson zur Soldaten-Mutter der Nation mutiert, ist etwas zu viel an bravem Patriotismus.
Doch trotz dieser Schwächen ist Lady Henderson präsentiert — vor allem wegen der kauzigen Hauptdarsteller — ein Lichtblick im Einheitsgrau des derzeitigen Kinoprogramms.
Thomas Susemihl
Nackt-Show im Bombenhagel
Wie kommt ausgerechnet Stephen Frears als kritischer Chronist der englischen Verhältnisse dazu, einen nostalgischen Revuefilm aus dem letzten Jahrhundert zu drehen? Vordergründig wird er die Antwort schuldig bleiben, aber das glamouröse Wohlfühl-Kino, das er hier vorführt, hat durchaus seine Tücken.
In die betuliche Anekdote von der reichen Mäzenin, die sich im zweiten Weltkrieg das Londoner Windmill Theatre leistet und auch bei Bombenhagel weiterspielen lässt, packt die Regie süffisante Anmerkungen über das Selbstverständnis der Briten. Bestes Beispiel ist jene Lady Henderson, deren Dünkel über jedes Taktgefühl erhaben ist.
Nach dem Tod des einflussreichen Gatten sucht sie eine nützliche Beschäftigung, kauft sich im Bühnen-Business des Westends ein und engagiert den Impresario gleich dazu. Das Unternehmen mit moderner Non-Stop-Revue floriert, doch die Konkurrenz schläft nicht und holt auf. So denkt sich die Lady, die weiß, dass ihresgleichen gern beim guten Lunch die wesentlichen Dinge regelt, eine Nackt-Show aus. Ihr Manager Vivian Van Damm soll passende Damen mit passendem Busen rekrutieren.
Nach klassischer englischer Bühnentradition setzt Stephen Frears auf intelligent ausgespielte Pointen und einen messerscharfen, trockenen Dialog. Er entlarvt alles Heuchlerische perfekt samt der Prüderie einer selbstgewissen Society, die um Zensur-Lösungen nicht verlegen ist. Wenn schon Nackte auf der Bühne verboten sind, so könne man doch lebende Bilder stellen wie im Kunstmuseum. Die hüllenlosen Arrangements, die dem agilen Maestro Van Damm dazu einfallen, sehen fantastisch aus.
Der Film, der in brillanter Technik akribisch die Farben, den Stil und die Musik der Ära mitten im Krieg heraufbeschwört, könnte ohne den Esprit des Ensembles nicht funktionieren. Judi Dench in der Titelrolle versteht sich auf den kleinsten Kniff, um der Exzentrik der Lady Henderson mitunter auch eine obszöne Note zu geben. In Partnerschaft mit dem großartigen Bob Hoskins als Van Damm zeigt sie, was die Kunst humorvollen Understatements wirklich bedeutet.
So sieht man über die Schwächen einer doch harmlosen Vorlage hinweg, die sich in viele kleine Epsisoden auflöst und tragische Aspekte verdrängt. Die Jungs, die an die Front ziehen, sollten noch mal eine nackte Frau live gesehen haben, meint die Lady zum Trost.
Inge Rauh
Glücksmomente auf der Bühne
Judi Denchs Theater-Passion
Auf britischen Bühnen ist sie in jede nur denkbare Shakespeare-Rolle geschlüpft, im fortgeschrittenen Alter wurde sie als James Bonds Chefin M Bestandteil der Popkultur: Judi Dench hat als Schauspielerin alles erreicht, einschließlich einer Oscar-Ehrung in Shakespeare in Love. Für die Rolle der Titelheldin in Stephen Frears’ Komödie Lady Henderson präsentiert (siehe nebenstehende Kritik) war sie erneut nominiert.
Im Gespräch erklärt die Schauspielerin, warum sie sich erst zu einem späten Zeitpunkt ihrer Karriere beim Film engagierte: Ich wollte Theater spielen, denn ich liebe es über alles. Nach den Bond-Auftritten brachte ihr erst die TV-Produktion Ihre Majestät, Mrs. Brown die Aufmerksamkeit des gewichtigen US-Produzenten Harvey Weinstein. Judi Dench ging nach Amerika und drehte Shakespeare in Love. Es sei gut, dass sie durch den Film wieder Zugang zu einem jungen Publikum gefunden habe, sagt sie.
Liebe und Wut
Das könne man mit einer schlechten Bühnen-Inszenierung schnell vergraulen. Doch macht man alles gut, wird der Zuschauer Zeuge von Liebe und Wut, Eifersucht und Gier. All das ist da. Jeder Mensch verliebt sich. Wenn ,Romeo und Julia‘ mit Leidenschaft vorgetragen wird, können sich die Menschen damit identifizieren. Es ist keine Kette altmodischer Worte, deren Sinn man heute nicht mehr versteht. Man kann sie zeitgemäß artikulieren und den Menschen so einen Zugang verschaffen.
Ihre größten Glücksmomente erlebe sie, erzählt Dench, wenn sie mit anderen auf der Bühne stehe. Das hat für sie auch etwas zu tun mit der Unberechenbarkeit des Metiers: In dem Moment, wo du dich auf sicherem Grund glaubst, geschieht etwas, woran du nie gedacht hättest. Das ist die Herausforderung, die ich so liebe. Sie braucht das Team, ähnlich wie in Frears’ Film, den vertrauten Umgang mit den Kollegen.
Trotz dieser engen Verbundenheit vor allem mit dem Theater Londons gehört Judi Denchs Sympathie den USA, wo sie in jungen Jahren einmal gastierte. Seitdem wollte sie nie mehr hin, um die Erinnerung nicht zu zerstören. Doch dann kam in späten Jahren noch einmal der Triumph.