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Mein Führer

Mein Führer - die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler
Genre: Drama, Komödie, Kriegsfilm Land: Deutschland  2006
Von: Dani Levy
Mit: Helge Schneider, Ulrich Mühe, Sylvester Groth, Adriana Altaras
Musik: Niki Reiser
Produzent: Stefan Arndt
Buch: Dani Levy
FSK: 12
URL zum Film: www.meinfuehrer-derfilm.de

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Jetzt einfach mal locker bleiben

Darf man über Hitler lachen? - Start der Filmkomödie «Mein Führer»
Filmkritik Logo NZWinter 1944/45, kurz vor der Jahreswende. Die Stimmung in der Berliner Reichskanzlei ist gedrückt. Mit dem üblichen Silvester-Blues hat das wenig zu tun, vielmehr scheint ausgerechnet Hitler selbst (Helge Schneider) nicht mehr an den Endsieg zu glauben und hängt wie eine schlaffe Stoffpuppe täglich tiefer in seinem Sessel. Es bedarf keines Sigmund Freud, um hier messerscharf eine ausgeprägte Depression zu diagnostizieren.

Hitlers Getreue Speer (Stefan Kurt), Himmler (Ulrich Noethen) & Co. sind ratlos, nur der immer joviale Propagandaminister Goebbels (Sylvester Groth) hat eine famose Idee: Er lässt Hitlers ehemaligen, jüdischen (!) Schauspiellehrer Adolf Grünbaum (Ulrich Mühe) holen, auf dass dieser den Führer moralisch und motorisch wieder so lange aufbaue, bis er mit einer flammenden Rede auch noch die allerletzten Reserven der Deutschen mobilisieren kann.

Die «Beschaffung» Grünbaums nutzt Regisseur Dani Levy zu einem grotesken Schnelldurchlauf durch den Irrsinn nationalsozialistischer Bürokratie und Hierarchie: In einer Art Kakophonie werden wieder und wieder Stempel auf Papiere geknallt («eilt», «sehr», «sofort»); dabei entsteht eine Atmosphäre rastloser Aktivität, deren Erfolg allerdings durch minutenlanges Hacken-Zusammenschlagen und endloses «Heil-Hitler»-Gebrülle erheblich torpediert wird. Die scheinbar perfekt organisisierte Struktur diktatorischer Systeme wird durch die schnelle Schnittfolge so böse als irrwitziger Leerlauf entlarvt, wie es nur eine Satire kann.

Auch was den Dialogwitz angeht, ist die erste halbe Stunde des Films «Mein Führer - Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler» die stärkste. Als Grünbaum im NS-Quartier eintrifft, wird er umgehend zu Goebbels geführt, der ihn mit kumpelhaftem Schulterklopfen empfängt: «Das mit der Endlösung der Judenfrage dürfen Sie nicht so persönlich nehmen, Grünbaum!» Wenig später versucht der sichtlich erschöpfte Grünbaum zu erklären, dass er aus dem KZ Sachsenhausen gekommen sei: «Sie wissen schon, das Lagerleben . . .» «. . . ist gar nicht so schlecht wie sein Ruf», fällt ihm ein fröhlich feixender Goebbels ins Wort. Wem gefriert da, beim schönsten Lachen, nicht zugleich das Blut in den Adern?

Ein Zitat von Tucholsky, «Küsst die Tyrannen, wo Ihr sie trefft», hat Levy seinem Film vorangestellt. Tucholsky, der einst der Satire einen Freibrief ausstellte («Was darf Satire? Alles!»), wollte mit seiner Aufforderung gewiss nicht zu einer Schmusestunde mit den Despoten der Weltgeschichte animieren. Aber er glaubte, dass man sein Gegenüber mit der subversiven Kraft der Komik durchaus irritiern kann. Das wusste jeder Hofnarr, davon zehrt jedes politische Kabarett.

Raus aus der Uniform, rein in den Sportdress

Davon ließ sich auch Levy («Alles auf Zucker!») beim Drehbuch inspirieren, wenn Grünbaum Hitler gleich für die erste Lockerungs-Übung in einen ekelhaft senfgelben Trainingsanzug steckt: Zusammen mit der Uniform, die jedem noch so rückgratlosen Körper Halt verleiht, entkleidet er ihn dabei aller Autorität - eine Erniedrigung, die der Führer, geblendet von maßloser Egozentrik, nicht einmal wahrnimmt.

Im Gegenteil: Hitler ist von den pädagogischen Fähigkeiten seines Lehrers zunehmend angetan. «Der Jud’ tut gut», konstatiert er gutgelaunt, und als Goebbels und Himmler, die intriganten Strippenzieher im Hintergrund, Grünbaum heimlich zurück ins KZ bringen wollen, tobt Hitler «Ich will meinen Juden zurück!»

Mit einer gewagten Drehbewegung schraubt sich der Film dabei langsam zu einer grotesken Umkehrung der Verhältnisse: Hitler schwankt zwischen Größenwahn und Grein-Anfällen, ist Objekt erotischer Begierde von Baumeister Speer (was er geflissentlich übersieht) und Eva Braun (bei der er keine Erektion kriegt), robbt bellend über den Fußboden und schlüpft, menschliche Wärme suchend, zum Ehepaar Grünbaum ins Bett. Der «Größte Feldherr» mutiert zum «Größten Versager aller Zeiten» und merkt es nicht.

Leider hält Levy das Tempo nicht durch. In der zweiten Hälfte häufen sich ziellose und ohne die nötige Schärfe inszenierte Szenen. Vermeintliche Pointen sind plump oder nicht wirklich komisch. Satire darf eben nicht nur alles, sie muss es sogar.

Zum unheimlichen Höhepunkt aber gerät doch eine Szene gegen Ende, wenn sich die Identitäten von Adolf und Adolf bis zur Deckunsggleichheit nähern, wenn Grünbaum am Fenster erscheint und ihm das deutsche Volk in hysterischer Verblendung mit dem gleichen Fanatismus zujubelt wie dem Führer.

Keine Frage: Wer die Eichinger-Produktion «Der Untergang» für den einzig angemessenen Umgang mit den letzten Tagen des Nationalsozialismus hält, wird sich mit dem Film des 49-jährigen Levy schwertun - wenngleich man sich fragen könnte, ob der weihevolle Ernst, die der Darsteller Bruno Ganz darin seiner Figur angedeihen ließ, nicht eher Gefahr läuft, den dunklen Mythos Hitler neu zu beleben.

Diese Gefahr besteht bei Helge Schneider weißgott nicht. Zwar ist der anarchische Komiker, der bei seinen Bühnenauftritten einen spätdadaistischen Furor pflegt, durch die Gesichtsmaske kaum zu erkennen. Dafür aber gelingt es ihm, Hitler mit schnarrender Stimme und weinerlichen «Mein Vater hat mich geschlagen»-Posen endlich wieder einmal der Lächerlichkeit preiszugeben.

Tamara Dotterweich


Filmkritik Logo NNDepression in der Reichskanzlei

Von einer mächtigen Medien-Debatte begleitet startet morgen Dani Levys Hitler-Komödie «Mein Führer» in den Kinos. Der Zentralrat der Juden hat sich geäußert, Dramatiker Rolf Hochhuth meldet öffentlich Ärger an, Hauptdarsteller Helge Schneider distanzierte sich vom Regisseur. Jetzt soll die Kritik zu Wort kommen.

Man kann die Frage «Darf man über Hitler lachen?» schon fast nicht mehr hören, so oft wurde sie gestellt. Dabei ist Dani Levys sanfte Satire eigentlich nur die Spitze eines neuen, spielerischen Umgangs mit Hitler: Denn je mehr der «Führer» über die Generationen zum Pop-Abziehbild und das reale Grauen des Dritten Reiches zum Phantomschmerz wird, desto lauter, desto öffentlicher wird das Gelächter.

Beginnend bei den albernen «Katzen, die wie Hitler aussehen» www.catsthatlooklikehitler.com bis hin zu den frechen «Adolf»-Comics von Walter Moers, in denen der «Führer» wirklich radikal kleingelacht wird. Nicht zu vergessen die Hitler-Parodien in Deutschlands Kabaretts,

Dennoch nimmt Levys Film hier eine Sonderstellung ein, weil er die Gröfatz-Witze herausholt aus den Kleinkunstbühnen, Arthouse-Kinos und Netz-Nischen. Und sie stattdessen in einem Mainstream-Film mit Helge Schneider der Masse vorsetzt: Jetzt dürfen alle lachen!

Dürfen sie? Wer an die Opfer des NS-Regimes denkt, sagt Nein, wie die 70-jährige Lea Rosh, Initiatorin des Berliner Holocaust-Mahnmals: «Zu lachen wird es nie etwas geben. Auch nicht in 200 Jahren.» Die Gegenfraktion - etwa vertreten vom Berliner Rabbiner Rothschild - wendet sich gegen die fortgesetzte Dämonisierung: «Vielleicht kann Deutschland sich nur heilen, wenn Deutsche wirklich über diesen Mann lachen können.»

Hinter dieser «Lachfrage» stecken aber noch viel ernstere, schwierigere Fragen: Wer bestimmt denn eigentlich, worüber gelacht werden darf? Der Markt? EU-Normen? Die Medien? Jeder selbst? Wer kontrolliert unsere Moral? Und wer übernimmt die Verantwortung für ihre Folgen?

Jüdischer Rhetorik-Lehrer

Umso bedauerlicher ist es, dass manche, die besonders eifrig ihr jeweiliges Fähnlein schwenken, nicht mehr als Film-Ausschnitte kennen. Sehen wir uns also den Film des Anstoßes erst einmal an: Ende 1944. Deutschland liegt in Trümmern. Hitler sitzt depressiv in der Reichskanzlei und schmollt. Die Fäden zieht Propagandaminister Goebbels (Sylvester Groth). Sein neuester Plan: Hitlers alter Rhetorik-Lehrer Adolf Israel Grünbaum (Ulrich Mühe), ein Jude, zur Zeit im KZ Sachsenhausen interniert, soll nach Berlin kommen und den Diktator zu alter Form aufputschen, zu einer letzten großen «Volkssturm»-Rede.

Während Grünbaum also tagsüber Hitler in einen gelben Trainingsanzug steckt, mit ihm Atemübungen macht und ihn auf Fantasiereise in die Kindheit schickt, diskutiert er nachts mit seiner Familie die Möglichkeit und die moralischen Folgen eines Tyrannenmordes. Was er nicht weiß: Auch Goebels will Hitler tot sehen, als Märtyrer, der ihm die Macht hinterlässt - und Grünbaum die Schuld zuschieben. Im Kino merkt man bald: Hier laufen (mindestens!) drei Filme gleichzeitig, und nur einer davon ist lustig. Der Helge-Schneider-Film, in dem Hitler bellt, zur Orgel singt, von Schäferhund Blondie besprungen wird.

Der zweite, der Grünbaum-Film, fungiert als moralischer Airbag des ersten. Hier wird ganz ernst über Verantwortung, Mord und Psychologie diskutiert, ausgehend von den pauschalen «Hitler wurde Opfer seiner Erziehung»-Thesen von Alice Miller. Und schließlich gibt es noch den Goebbels-Film, eine Meta-Geschichte über die Inszenierung Hitlers in Bildern, Filmen und Kulissen, der am Schluss an die Oberfläche durchbricht und der Illusion, man könne Hitler irgendwie endgültig medial bannen, eine schallende Ohrfeige versetzt.

Mit Hitler, so das Credo dieses Films, sind wir noch lange nicht fertig. Er schmerzt weiter. Aber er hält uns auch wach.

Peter Romir
11.01.2007
  
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