Vielschichtig und glaubwürdig: Mira Nairs zauberhaftes Familienepos über das Leben zwischen zwei Kulturen
Einen Moment sehen sich die Eltern entsetzt an: «Wir haben Fremde geboren!» Ashima (Tabu) und Ashoke (Irrfan Khan) Ganguli sind ein traditionelles indisches Paar, das von seinen Eltern verheiratet wurde und wegen der Berufsperspektive in die USA ausgewandert ist. Ihre Kinder – Sonia und Gogol – wachsen als Amerikaner auf, denen der Hamburger (noch) wichtiger ist als das Taj Mahal.
Gerade der junge Gogol tut sich schwer mit seinen traditionellen Eltern, ihrer Zurückhaltung, ihrer stillen Liebe. Er protestiert, indem er Rockmusik und Blondinen ins Haus bringt und seinen Namen – den ihm sein Vater scheinbar aus reiner Schwärmerei für den «irren russischen Dichter» gegeben hat – gegen ein kühles «Nick» eintauscht. Doch die Reise hat gerade erst begonnen: Beim Pendeln zwischen New York und Kalkutta entdecken alle Familienmitglieder, dass Fremdheit und Heimat nicht unbedingt Gegensätze, nicht unbedingt dauerhaft sind.
Durch ganze 30 Jahre begleiten wir die sympathischen Gangulis in den – kurzen! – 122 Minuten von «The Namesake» (Der Namensvetter): Von Ashokes Studentenzeit in Indien, als er noch glaubt, dass es nur ein Buch braucht, um zu reisen, über die ersten Schritte des jungen Ehepaars in der kalten Winterwelt New Yorks bis hin zu Liebe, Heirat und Enttäuschung des Sohnes.
Mit viel Zuneigung für ihre Figuren erzählt die indische Regisseurin Mira Nair («Monsoon Wedding») dieses Familienepos mit einer Art klarer Poesie: Kein wohlmeinender Multi-Kulti-Werbefilm, kein Ethno-Kitsch sondern die glaubwürdige Geschichte von echten Menschen.
Man merkt «The Namesake» in jedem Detail an, dass Mira Nair – die selbst zwischen Indien, Amerika und Afrika (der Heimat ihres Mannes) pendelt – und die Autorin der Romanvorlage Jhumpa Lahiri hier nicht einfach Versatzstücke montieren, sondern aus eigenen Erfahrungen und Interessen schöpfen: «Mich hat die Zartheit einer Liebesgeschichte zwischen zwei fremden Partnern interessiert, die zuerst heiraten und dann die Liebe entdecken», meint Nair zu ihrem Film: «Die Vornehmheit dieser altmodischen Liebe, die verloren geht, wenn alles erlaubt ist.» Genauso wichtig ist ihr aber auch die Geschichte des amerikanisierten Sohnes der «beinahe zu spät zu dem wird, was er eigentlich ist».
Täglich eine Stunde Yoga
Vielleicht half es ja tatsächlich, dass das Drehteam jeden Arbeitstag mit einer Stunde Iyengar Yoga begann: Der ganze Film fließt so entspannt dahin – getragenen vom guten Ensemble und dem hervorragenden Soundtrack –, dass man schon ein gutes Stück in die Geschichte eintaucht, bevor man überhaupt merkt, mit welch unauffälliger Meisterschaft hier inszeniert wird. Jede – wirklich jede! – Szene bringt das Gefühl, von dem sie erzählt, haargenau auf den Punkt.
Das kann manchmal ganz schön traurig werden, denn Tod, Betrug und Verunsicherung werden nicht ausgespart. Doch genug geschwärmt! Eine unbedingte Empfehlung!