Eine kleine Kurdin bringt türkische Herzen zum Schmelzen
Die sechsjährige Hejar, hat keine Brüder mehr, keinen Vater und keine Mutter. Nur noch ein paar kurdische Freunde. Und selbst die sind nach zehn Minuten Filmzeit tot, erschossen von einem türkischen Rollkommando. Wie durch ein Wunder überlebt das Mädchen das Massaker und taumelt in die Wohnung gegenüber, zum ehemaligen Richter und Griesgram Rifat.
Klar: Der Alte will das Kind nicht, das Kind will zu seiner Mami, und obendrein verstehen sie sich sowieso nicht, denn Kurdisch und Türkisch sind sehr verschiedene Sprachen. Ebenso klar: Über kurz oder lang wird das ungleiche Paar zueinander finden. Bloß ist es bis dahin ein weiter Weg und Regisseurin Handan Ipekçi lässt keine Gelegenheit für Missverständnisse ungenutzt, um Kind und Greis aufeinander loszulassen.
Ein Rührstück? Natürlich, bloß bleibt (von der betulichen Musik abgesehen) die Zuckerseligkeit limitiert. Daneben berührt es durchaus, wie der wortreiche türkische Mann (Sükran Güngor) gegen den Panzer des schweigsamen Kindes (Dilan Erçetin) anrennt, bis er anfängt, zu überdenken. Und gegen den Charme einer kulleräugigen Prinzessin, die im Notfall losflucht wie zehn Kameltreiber, kann der ärgste Hagestolz nicht ankommen. Erstaunlich bloß, dass Hejar in der Türkei zunächst verboten war. Die Regisseurin sieht inzwischen einem Gerichtsverfahren entgegen. Hier offenbart sich Hejars abgründige Seite: Wie muss es in einem Land zugehen, in dem solch ein Rührstück als staatsgefährdend angesehen wird?
Reika
Herzensbrecherin Hejar
Warum ein kluger türkischer Film die Staatssicherheit auf den Plan ruft
Seltsame Dinge tun sich beim EU-Aspiranten und Nato-Partner Türkei im Namen der Staatssicherheit. Die nämlich, so dämmerte es der Sondergerichtsbarkeit ein Jahr nach der Premiere von Hejar", wird von einem mit öffentlichen Mitteln geförderten Spielfilm so gefährdet, dass man ihn verbieten muss. Also zog man das anrührende Meisterwerk der Regisseurin Handan Ipekçi für ein halbes Jahr aus dem Verkehr, nachdem es mit Preisen überschüttet und zum Wettbewerbsfilm der Türkei für den Oscar 2002 nominiert worden war.
Eine Blamage, die der Regisseurin die Anklage kaum ersparen wird. Was stört denn nun die Staatsschützer an einem Film, der den putzigen Untertitel Großer Mann, kleine Liebe trägt? Vermutlich eine Menge, schließlich geht es um einen besonders sympathischen Fall kurdisch-türkischer Annäherung. Im Besonderen ist es wohl das Blutbad, das die Geheimpolizei bei der Terroristenhatz in einem Istanbuler Appartement anrichtet, und das ein kleines Mädchen mit dicken schwarzen Zöpfen überlebt.
Die kleine Kurdin heißt Hejar, hat gerade erst ihre Eltern bei einer Polizeiaktion verloren und steht nun blutverschmiert vor der Tür von Rifat Bey, einem pensionierten Richter, der gerade einen Artikel über die unverschämten Polizeirambos verfassen wollte. Der gutsituierte alte Herr ist entsetzt, aber auf staatstragende Weise: Kurden gibt es nicht für ihn, und das störrische Wesen, das auf seinen Teppich pinkelt und ihn trotzig anflucht, repräsentiert etwas, das sich der atatürkischen Kultiviertheit von Rifat Bey längst hätte assimilieren müssen.
In einem liebevoll geschilderten Lernprozess überwindet er seine honorige Weltfremdheit, angespornt von Zärtlichkeit und Mitleid mit der eigenwilligen Herzensbrecherin. Höhepunkt der türkisch-kurdischen Wohngemeinschaft ist der gegenseitige Sprachunterricht. Mehr Optimismus gestattet sich der kluge Film gar nicht.