Mittwoch, 20.03.2019

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Flotte Reise in den Orient

Neujahrskonzert der Nürnberger Symphoniker - 07.01.2018 19:09 Uhr

"Orient, Kaiserreich, Oper, Operette, Walzer": Bei Google wäre da vielleicht exakt das musikalische Dutzend dieses Programms herausgekommen, an dessen Beginn die Trillerpfeife schrillte – klingende Lustbarkeiten aus rund zwei Jahrhunderten. Und wer sein Neujahrsprogramm mit einem Strauß-Walzer anfangen lässt, der will dem Publikum unter dem Motto "Von Wien in den Orient" sicher kein Flüchtlingselend, Stacheldrahtzäune, Elendsquartiere und Immobilienblasen auf der Balkanroute zumuten – schon gar nicht die Türken vor Wien 1683.

Vielmehr ist der Dirigent Christian Simonis bei den Symphonikern immer wieder ein Wiener Spezialist fürs Fesche und Anekdoten en masse. Obendrein hatte er sein Orientexpress-Bagdadbahn-Potpourri von Strauß (Eduard) bis zu Strauß (Johann) üppig und bunt komponiert. Sowie die Symphoniker bestens poliert: Erstaunlich bei deren Dauerstress von Weihnachten über Neujahr bis in den prallvollen Konzert-Januar. Bei Simonis sind die berühmten Expresslinien der Geschichte beileibe keine Bummelzüge. Immer wieder ließen sich die Symphoniker zu flotten Tempi inspirieren: bei der türkischen Janitscharenmusik, bei schwülen Haremsszenen, bei imperial-kolonialer Begeisterung.

Sopran mit großer Empfindung

"Aida" und die Pyramiden durften genauso wenig fehlen wie Fundstücke aus verschwiegenen Ecken des Basars: eine "Suite algérienne" von Saint-Saëns oder Carl Maria von Webers "Abu Hassan". Simonis malte mit sicherer Dirigentenhand und viel Schwung die vor den Zugfenstern vorüberziehenden Szenerien – auch mit typischen Orient-Orchesterfarben wie bei Balakirew oder Chatschaturjan. Überall dominiert die imperialistische Kaiserreichssicht auf den Orient, und Simonis hat musikalischen Geschmack genug, um selbst den "Persischen Markt" von Albert William Ketelbey genießbar zu machen.

Er war auch ein sensibler Begleiter für die Sopran-Hostess auf dieser Balkan-Express-Reise, Jana Baumeister. Erst kürzlich hörte man sie bei "Samson" in St. Sebald, erinnerte sich an ihre Sängerausbildung in Nürnberg. Jetzt war man gespannt, wie die Despina, Gretel, Adele vom Staatstheater Darmstadt, dekoriert mit dem 1. Preis beim Bundeswettbewerb Gesang 2016, mit dem Nürnberger Mozart/Weber/Verdi-Strauß zurechtkommen würde. Anfangs blieb das etwas hektisch, dann kam große Empfindung auf, am besten war Baumeister bei den Wiener Walzerliedern, war authentisch und einschmeichelnd und zeigte eine Stimme mit offenbar großen Möglichkeiten.

Auch an der pünktlichst erreichten Endstation standen die Symphoniker noch immer unter Dampf, und unerbittlich klatschte das Publikum auf den Radetzky-Marsch los. Bekam stattdessen aber Chatschaturjans "Säbeltanz": auch ganz schön martialisch. Nach den Festtags-Canapées freut man sich jetzt wieder aufs symphonische Schwarzbrot: am 21. Januar zum Beispiel auf Bruckners Siebte. 

UWE MITSCHING

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