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Frankenschnellweg soll Wohnstraße werden

Architektur-Studenten und Professoren fordern ein radikales Umdenken: Der Verkehr soll in den Hintergrund treten - 17.07.2018 18:51 Uhr

Viel Platz für Wohnen und Büros sowie für Grün und Fußgänger. So stellen sich Sven Jessl und Victoria Konuk ihren Entwurf für einen bebauten Frankenschnellweg vor. Autos fahren hier nicht mehr. Sie werden über andere Straßen geleitet.


Burgstaller hatte von 18 Master-Studierenden im Wintersemester 2016/17 Alternativen zum verkehrlichen Ausbau des Frankenschnellwegs entwerfen lassen (wie berichtet). Aus dem Schnellweg wurde der entschleunigte "Frankenweg". Der Raum, der für Straße und – nebenan – für die Bahn geblockt ist, wurde kreativ überplant mit Parks, neuen Wegebeziehungen und vor allem mit: Wohngebäuden für viele Tausend Bürger. Es sind dabei kühne Entwürfe herausgekommen, wenn man den Maßstab anlegt, dass hier viel Verkehr abgewickelt werden soll. Doch ist der Ausbau, so wie ihn Stadt und Staat planen, alternativlos?

"Nein!", sagt Burgstaller. "Alle Beteiligten sollten die erzwungene gerichtliche Pause schöpferisch nutzen. Der Platz ist prädestiniert für Wohnbebauung. Es wäre günstiger, jetzt mit den Plänen aufzuhören." Stadt und Bund Naturschutz sowie ein Privatkläger streiten vor Gericht über das Projekt. Der Streit ist derzeit ausgesetzt, weil über eine außergerichtliche Einigung verhandelt wird.

Burgstaller und ihre Studierenden haben vor allem eines vor Augen: die trennende Wirkung von Schnellweg und Bahnlinien. St. Leonhard und Gostenhof kommen nicht zusammen, "obwohl die Stadtteile so nahe beieinanderliegen", sagt Anja Mayer, eine der Studenten, die mit ihrem Entwurf beide Stadtteile durch einen "Aktivplatz" wieder zueinanderbringen will. "Neue Liebe" nennt sie ihren Entwurf vielsagend. Zusammen mit Burgstaller und weiteren Kommilitonen hat sie ihre Pläne in der Redaktion vorgestellt. "Denn der Ausbau des Frankenschnellwegs zementiert diese Trennung", mahnt die Professorin. Jetzt sei noch Zeit umzukehren.

Geben sich mit den aktuellen Planungen für den Frankenschnellweg nicht ab: Kai Gebhardt... © Fotos: Andreas Franke


Allen Entwürfen gemein ist, dass sie auf dem ehemaligen Schnellweg zwar jeweils zwei Fahrspuren je Richtung belassen, den großen Zwischenraum aber, der derzeit brachliegt, unter anderem für Wohnbebauung nutzen. Auch entlang des Bahndamms können sich die Studierenden einen Mix aus Büros, Handel und Wohnen vorstellen. Nur eben nicht eine maximal ausgebaute Straße.

...Anja Mayer und ...


Dass im südlichen Bereich der aktuellen Ausbaupläne der Frankenschnellweg im Tunnel verschwinden und oben auf dem Deckel auch Grün- und Freiräume entstehen sollen, wissen die jungen Architekten. Doch auch die würden ja zum Teil durch Zufahrtsstraßen wieder zerschnitten.

... Sven Jessl. Sie schlagen Alternativen vor. © Entwurf: Kai Gebhardt


In der "Neuen Liebe" von Anja Mayer ist der Schnellweg eine "urbane Stadtstraße". Für Fußgänger und Radfahrer entstünde eine neue grüne Verbindung zwischen dem Westpark, dem kleinen Villa-Leon-Park, dem neuen "Aktivplatz" und dem Melanchthonplatz. Zusammen mit einem neuen Wohngebiet auf dem Gelände des Pferdemarkts sollen insgesamt 2600 neue Wohneinheiten für 6400 Menschen geschaffen werden.

Auch Kai Gebhardt nutzt in seinem Entwurf den Raum des Frankenschnellwegs und zieht die Fahrspuren zusammen, um Platz für Wohn- und Geschäftsgebäude zu schaffen. Er nutzt auch den Bereich entlang des Bahndamms und legt sogar zwischen seinem neuen "Frankenboulevard" und der Bahn das historische Kanalhafenbecken wieder frei. Am Bahndreieck kann er sich eine Waldfläche vorstellen, als "grünes Gelenk" zwischen St. Leonhard und der Südstadt. Nach seinem Entwurf entstünden sogar 3100 Wohneinheiten für 7800 Menschen.

Dort, wo der breite Frankenschnellweg und der Bahndamm liegen (rechts), sollen vor allem Wohn- und Geschäftshäuser entstehen. © Entwurf: Kai Gebhardt


Dafür greift er auch die Bebauung in der Fuggerstraße auf und ergänzt das Areal nördlich bis zur Jansenbrücke noch durch weitere Wohnblöcke. In diesem Gebiet gibt es viel Autohandel. "Welche Stadt leistet sich noch einen gigantischen Gebrauchtwagenmarkt in der Stadtperipherie?", fragt die Architektin und Stadtplanerin Ingrid Burgstaller. Es werde noch viel zu sehr in Verkehrsstrukturen gedacht, klagt sie. "Wir müssen Dogmen aufbrechen."

Unterstützung bekommt sie von ihrem Kollegen Professor Harald Kipke, der sich an der TH Nürnberg unter anderem mit Verkehrs- und Stadtplanung beschäftigt. "Die Planungen zum Ausbau des Frankenschnellwegs folgen unzweifelhaft noch dem Paradigma der autogerechten Stadt", ist der Ingenieur überzeugt. Sie zeigten die "vollständige Unterordnung des Städtischen unter eine technokratisch-ambitionierte Verkehrsplanung". Kipke: "Die Studierenden sind da, um exakt an dieser Stelle nicht dem Automobil, sondern dem Städtischen eine Chance zu geben."

Sven Jessl und Victoria Konuk wollen daher mit ihrem Entwurf der "Fuggerhöfe" die "innerstädtischen Flächen dem Nutzen der Stadt zurückführen". Für sie sinddie großen Flächen zwischen Frankenschnellweg und Bahndamm sowie zwischen den Fahrbahnen Brachen, "die in dieser Lage wertvolle Reserven für die Stadt darstellen". Denn es werde dringend Wohnraum benötigt.
Jessls Pläne sehen 3200 Wohneinheiten mit Platz für 8100 Menschen vor.

Er wagt planerisch einen radikalen Schnitt, will viele Hallen im Bereich der Fuggerstraße abreißen und den Frankenschnellweg komplett für Wohnen und Gewerbe überbauen. Städte wie Antwerpen würden große Straßen zurücknehmen und nutzten sie für eine bessere Stadtentwicklung, so Jessl. Der Hauptverkehr wird bei ihm künftig über die Fuggerstraße abgewickelt. Rund um die Villa Leon soll ein zentraler Platz entstehen.

Harald Kipke unterstützt ihn bei seinen Ideen. "Wenn es nur noch eine städtische Straße gibt, geht der Verkehr automatisch zurück", ist er überzeugt. Bei 50 000 bis 60 000 Fahrzeugen am Tag sei das durchaus realistisch. Auf dem Südring gebe es noch Kapazitäten, hätten Modellrechnungen ergeben. "Die Autofahrer nehmen das auf."

Burgstaller, Kipke und die Studierenden haben noch ein wenig Hoffnung, dass es zu einem Umdenken kommt bei den Planungen für den Frankenschnellweg. "Man muss den Menschen einfach Alternativen aufzeigen", meint Jessl. Die Studierenden haben ihren Beitrag dazu leisten wollen.

Frankenschnellweg urban. "Baut Stadt!", (Hrsg.) Ingrid Burgstaller, Technische Hochschule, Nürnberg, 2017 

ANDREAS FRANKE

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