Montag, 18.12. - 08:02 Uhr

|

Frauenwerk Stein gibt sprachlosen Frauen eine Stimme

Thema Flucht aus weiblicher Sicht - 03.05.2016 13:00 Uhr

„Wir wollen die Stimme der sprachlosen Frauen sein“ (von links): Schwester Nicole Grochowina, Elisabeth Schwemmer und Gisela Voltz im Steiner Frauenwerk. © Petra Fiedler


„Wir sind ein Frauen-Verband“, erklärt Vorsitzende Elke Beck-Flachsenberg, warum sich die EFB explizit dieses Themas angenommen haben. Nicht nur, weil viele im EFB organisierte Frauen Flüchtlingen und Asylsuchenden helfen, sondern vor allem auch, weil sich der Anteil der weiblichen Flüchtlinge von 27 Prozent auf 55 Prozent verdoppelt hat.

Die EFB, Dachverband für 27 Mitgliedsorganisationen, agiert im vorpolitischen Umfeld. Will heißen, die dort organisierten Frauen sind auch Meinungsträgerinnen und treffen durchaus mit politischen Entscheidern zusammen. „Unsere Haltung ist klar christlich“, beschreibt Elke Beck-Flachsenberg den Umgang mit Schutz-und Asylsuchenden. Schutz wird gewährt, wenn der Rechtsanspruch darauf geklärt ist.

Diesen Rechtsanspruch einzufordern, ist vor allem für Frauen schwer. Laut Amnesty International ist sexuelle Gewalt gegen Frauen, die häufigste Menschenrechtsverletzung überhaupt, das sagt Gisela Voltz. Sie ist Pfarrerin und im Referat Mission Eine-Welt, Entwicklung und Politik, der Diakonie tätig und zeigt in ihrem Vortrag die Gründe auf, die Menschen weltweit zur Flucht, zum Aufbruch aus ihrer Heimat zwingen.

Kriege und Bürgerkriege stehen da an erster Stelle, gefolgt von Umwelt- und Klimakatastrophen und ungerechten Wirtschaftsbedingungen. Voltz verabreicht den Zuhörerinnen eine bittere Pille: „Immer mehr Flüchtlinge kommen aus Ländern, in denen vorher die Nato operiert hat.“ Sie lässt den Vorwurf im Raum stehen, dass diese Einmischungen zu Destabilisierung geführt haben könnten.

Strukturen gehen kaputt

Das Wort Wirtschaftsflüchtlinge mag sie nicht gelten lassen. Sie hinterfragt Exporte internationaler Firmen, berichtet vom Untergang der heimischen Versorgungsstrukturen. „Wenn ein Land sich gegen Importe aus den Industrieländern wehrt“, sagt die Pfarrerin, „dann kann es durchaus sein, dass der IWF den Geldhahn zudreht.“ Als Beispiel nennt sie Lebensmittelexporte: Billige Restfleischteile wie Hähnchenflügel liefert Europa nach Westafrika, mit der Folge, dass einheimische Geflügelhaltung zugrunde geht. „Die Fluchtursachen bekämpfen“, so lautet die große Forderung der Pfarrerin aus Neuendettelsau. Und gerade für Frauen fordert sie sichere Fluchtwege, denn der sexuellen Gewalt sind sie auch gerade da schutzlos ausgeliefert.

Den Wahnsinn des bürokratischen Hin- und Her zeigt Elisabeth Schwemmer vom internationalen Frauencafé Nürnberg auf. Eine Frau aus Äthiopien, an den Genitalen verstümmelt, zwangsverheiratet und als Hausmädchen im arabischen Raum versklavt, schafft es nach Europa. Die schwer Traumatisierte legt ihre Gründe für einen Asylantrag dar. Die Art, wie sie das tut, wird ihr als stereotyp und nicht authentisch vorgeworfen.

Ihr Glück ist die Betreuung durch die Nürnberger Einrichtung. Sie beginnt eine Ausbildung zur Altenpflegehelferin und arbeitet anschließend im Beruf. „Nur diesem Umstand“, so Elisabeth Schwemmer, „ist es zu verdanken, dass sie noch geduldet ist.“ Denn Altenpflege ist ein Mangelberuf. Welche Belastung aber der Status „Duldung“ darstellt, sei kaum zu beschreiben. Die Unsicherheit frisst sich in die Seele.

„Wir sind nicht das Weltsozialamt“, hat Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer im Zuge der Flüchtlingsdebatte gesagt. Für Schwester Nicole Grochowina, Historikerin von der Christusbruderschaft Selbitz, bergen derartige Aussagen gesellschaftspolitischen Sprengstoff. Ihr Thema am Studientag: „Die Kraft der Sprache“. Grochowina sensibilisiert die Zuhörerinnen dafür, dass ein Satz, wie der Seehofers, der rechtsextremen Meinungsbildung Tür und Tor öffnet. Wörter wie Asylantenflut oder Asylmissbrauch stellen zwar per se noch kein geschlossenes rechtsextremes Weltbild dar. Doch sie sind anschlussfähig, das heißt, Rechtsextreme nutzen geschickt die darin verborgene Minderbewertung einer Gruppe, um daraus Kapital zu schlagen.

„Klar ist“, sagt EFB-Vorsitzende Beck-Flachsenberg, „dass sich unsere Gesellschaft verändern wird. Als evangelische Frauen wollen wir die Stimme der sprachlosen Frauen sein, die auf der Flucht sind.“ Damit formuliert Elke Beck-Flachsenberg nicht nur ein offizielles Statement. Sie spricht den anwesenden Frauen aus der Seele. 

Petra Fiedler

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Name:

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus dem Ressort: nordbayern.de