Laden in Minutenschnelle

4.11.2017, 11:37 Uhr
Laden in Minutenschnelle

© Ionity

Dass sich gerade die Riege der deutschen Automobilhersteller nicht mehr von Tesla die Butter vom Brot nehmen lassen will, ist bereits auf den Autoausstellungen der vergangenen Monate zu besichtigen gewesen. Mercedes hat auf den Messen seine elektrische Submarke EQ ins rechte Licht gerückt, Volkswagen die ersten Fahrzeuge unter "I.D."-Label präsentiert. Alles Stromer, deren Batteriekapazität und Reichweite für die Langstrecke ausgelegt ist. Das vollelektrische SUV-Coupé EQ C, das Mercedes für 2019 angekündigt hat, soll mit einer Akkuladung rund 500 km weit kommen, im Falle des elektrischen "Zukunfts-Golfs" I.D. verspricht Volkswagen 400 bis 600 km.

Allerdings macht eine solche modellpolitische Aufrüstung in Sachen Elektromobilität nur dann Sinn, wenn auch die entsprechende Ladeinfrastruktur gegeben ist. Deshalb setzt die Autoindustrie jetzt das bereits im vergangenen Jahr angekündigten Vorhaben um, ein paneuropäisches Schnellladenetz zu schaffen. Am zu diesem Zweck gegründeten Gemeinschaftsunternehmen "Ionity" sind zu gleichen Teilen BMW, Daimler, Ford und der Volkswagen-Konzern mit seinen Marken Audi und Porsche beteiligt.

Tausende Schnellladepunkte

Bis 2020 sind insgesamt rund 400 Schnellladestationen geplant. Stationen wohlgemerkt, nicht Säulen, jede Ionity-Station wird gleich über mehrere Säulen verfügen. Auf diese Weise, so heißt es, würden Kunden Zugang zu Tausenden von HPC-Ladepunkten erhalten. HPC steht dabei für High-Performance-Charging.

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© Hersteller

Die Infrastruktur soll entlang der Autobahnen und Hauptverkehrs-Achsen entstehen, beispielsweise in Ländern wie Deutschland, Norwegen und Österreich. Dabei werden die einzelnen Ladestationen maximal 120 Kilometer voneinander entfernt liegen. Schon für 2018 ist die Inbetriebnahme von 100 Stationen angekündigt, noch in diesem Jahr sollen 20 ans Netz gehen.

Nicht mit jedem Elektroauto kompatibel

Die Ankündigung, das Netz der Ionity-Schnellladestationen sei "marken- und leistungsunabhängig", muss freilich hinterfragt werden. Denn die HPC-Infrastruktur verwendet den europäischen Ladestandard Combined Charging System (CCS), für den sich vor allem die deutschen Hersteller entschieden haben. Die französisch-japanische Renault-Nissan-Allianz (Renault Zoe, Nissan Leaf), die das Chademo-System präferiert, kommt also ebenso wenig zum Zuge wie die Teslas mit ihren Supercharger-Anschlüssen.

Die Supercharger stellten mit 145 kW Spitzenleistung bislang das stärkste Ladeverfahren bereit. Chademo erreicht bis zu 100 kW, CCS bildet mit maximal 50 kW das Schlusslicht. Eine Hierarchie, die künftig anders aussehen soll. Für seine neuen CCS-Schnelllader verspricht Ionity eine Ladeleistung von bis zu 350 kW pro Ladepunkt. Das würde bedeuten, dass ein Elektrofahrzeug innerhalb weniger Minuten aufgeladen werden könnte. Allerdings müsste sein On-Board-Lader eine solche Stromzufuhr erst einmal verarbeiten können. Im Augenblick ist das noch in keinem E-Mobil möglich.

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Schnellladen kann teuer werden

Enttäuscht werden auch Hoffnungen, kaltlächelnd auf die Fahrer konventioneller Autos herabsehen zu können, die an der "Tanke" ihre Brieftasche zücken. Umsonst ist das Stromfassen an den Ionity-Stationen nämlich nicht. Welcher kWh-Preis hier aufgerufen wird, ist noch nicht bekannt, anzunehmen ist aber, dass er ein ganzes Stück über dem für Haushaltsstrom (ca. 25 Cent kWh) liegen wird. Einen Anhaltspunkt mag der Tesla-Tarif liefern: Besitzer eines Model S oder Model X, die ihr jährliches Guthaben von 400 kWh aufgebraucht haben, zahlen fürs Supercharger-Laden mit bis zu 60 kW einen Preis von 17 Cent pro Minute, schnelleres Laden aber wird mit 34 Cent veranschlagt.

ule

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