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"A Ghost Story": Stillleben mit einem traurigen Geist

Film erzählt auf eigenwillige Weise von Liebe, Verlust und Einsamkeit - 07.12.2017 09:00 Uhr

Szene mit Casey Affleck (unter dem Laken) und Rooney Mara. © UPI


Geister treten im Kino von heute in den unterschiedlichsten Erscheinungsformen auf, es gibt freundliche und böse, manche macht man auf den ersten Blick gar nicht als jenseitige Wesen aus, andere haben gruselig verzerrte Fratzen — je nach Genre. Wandelnde Bettlaken-Gestalten gehören da eher in die Mottenkiste. Doch ausgerechnet eine solche Retro-Version spukt in David Lowerys "Ghost Story" herum.

Es ist der Geist des Musikers C (Casey Affleck), der mit seiner Freundin M (Rooney Mara) in einem abgelegenen Haus zusammenlebte. Die beiden hatten gerade beschlossen auszuziehen, als C bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommt. In der Pathologie findet dann umgehend seine wundersame Auferstehung als Untoter unter dem Leintuch statt. Zwei Löcher für die Augen — fertig ist der stille, für die Lebenden unsichtbare Geist, der fortan im einst gemeinsamen Domizil Freundin M beobachtet.

Klingt irritierend? Das ist es auch. Selbst wenn sehr schnell klar wird, dass hier kein Horrorstreifen entsteht, sondern das Drama eines einsamen Wesens, das hilflos zusehen muss, wie die Anderen seiner Abwesenheit zum Trotz ihr Leben weiterführen. Da passt es, dass in diesem Film wenig gesprochen wird. Es sind die Bilder, die Stimmungen und Gefühle vermitteln sollen. Im 4:3-Format und in oft sehr langen Einstellungen, die die Qual des Geistes schier auf den Zuschauer übertragen, entstehen stille Impressionen, die man sich auch gut als Grafic Novel vorstellen kann.

Einmal sieht man M aus der Perspektive des Geistes minutenlang zu, wie sie auf dem Boden sitzt und manisch eine Pastete verschlingt. Die ausführliche Szene macht Sinn, weil Trauer dadurch gleichsam in Echtzeit nachvollziehbar wird. M wird bald ausziehen, doch Cs Geist kann das Haus nicht verlassen. Er sieht neue Bewohner kommen und gehen. Eine alleinerziehende Mutter, eine Partys feiernde Wohngemeinschaft.

Was bleibt von einem Menschen nach seinem Tod, wie lange wirkt er in der Erinnerung anderer nach, welche Spuren hinterlässt er, wie kann er sich verewigen? Solche Fragen will "A Ghost Story" sehr bedeutungsschwanger aufwerfen. Der nervige Küchenphilosophen-Monolog eines der WG- Mitglieder ist da eigentlich überflüssig. Gegen Ende wird der Geist im Zeitraffer die Zukunft ebenso erleben wie in die Vergangenheit blicken. Was ist der Einzelne im Lauf der Geschichte? Noch so eine Sinn-Frage, die der eher verwirrende Film freilich nicht beantworten kann. (USA/92 Min.) 

Birgit Nüchterlein

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