Dienstag, 18.12.2018

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Auf Kreta tanzen die Millenials

Das frühere Fischerdorf Chersonissos hat sich zur Partyzone gewandelt - 01.12.2018 08:00 Uhr

Mehr Traumstrand geht fast nicht. Hier ist genug Platz zum Partymachen. © Florian Rußler


Taxifahrer in Urlaubsregionen neigen dazu, ihren Gästen gleich nach ihrer Ankunft am Flughafen von ihrer Heimat zu erzählen. Auch Manolo Kazoglu ist so einer. Kurz nachdem er mit seinem schwarzen Mercedes das Flughafengelände von Heraklion verlässt, dreht er das Autoradio leiser und fängt an. In einem Mix aus gebrochenem Englisch und Deutsch berichtet der 56-Jährige von traumhaften Stränden, zutraulichen Bergziegen und urigen Tavernen. "Doch all das werdet ihr nicht sehen", sagt er und lacht.

Etwa 30 Minuten später bremst das Taxi mitten in einer Einkaufsstraße zwischen einem Souvenirladen und einer Autovermietung. "Willkommen in Chersonissos", ruft Kazoglu, steigt aus und lädt das Gepäck aus dem Kofferraum.

Chersonissos ist einer der größten Urlaubsorte auf Kreta. Mit griechischer Kultur hat das ehemalige Fischerdorf an der Nordküste aber nur noch wenig zu tun. Es ist eher ein Massenurlaubsort, der fast überall am Mittelmeer liegen könnte. Landestypische Restaurants gibt es eigentlich nur noch in der Altstadt, die sich etwa zwei Kilometer oberhalb des Zentrums an einem Berg befindet. Der Ortskern hat sich längst ans Meer verlagert, wo sich Irish Pubs, Shisha Bars und jede Menge Clubs aneinanderreihen. Pizza statt Pita und Party statt Provinz.

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Von Chersonissos nach Spinalonga: Goldener Herbst auf Kreta

Klares Wasser, traditionelle Tavernen und ein historischer Ausflug. Bei 28 Grad und blauem Himmel zeigt sich Griechenlands größte Insel im Spätherbst von seiner schönsten Seite.


Chersonissos ist definitiv kein Ort, um sich zu erholen, das wird schon nach wenigen Minuten klar. An der Strandpromenade liefern sich Promoter ein Kopf-an-Kopf-Rennen um Touristen. Mit Flyern und Freigetränken versuchen sie vor allem junge Urlauber von ihren Beachclubs, die in der Hauptsaison von mittags bis in die Nacht geöffnet haben, zu überzeugen.

Einer der bekanntesten Clubs in Chersonissos ist der Star Beach Club. Tagsüber trällern dort entspannte Klänge aus den Lautsprechern am Pool und partyhungrige Gäste tanzen dazu mit einem Aperol Spritz oder Gin Tonic in der Hand. In den Abendstunden wird es dann wilder, wenn angesagte DJs aus der ganzen Welt anrücken und aus der Poolparty eine Outdoor-Disco machen. In Chersonissos ist das Partyvolk zuhause. Nicht umsonst bezeichnen manche Reisejournalisten Chersonissos als "Ballermann Griechenlands".

Von dieser Beschreibung hat Hotelmanager Iraklis Andrianakis noch nie etwas gehört, er findet sie auch alles andere als angemessen: "Hierher kommen zwar viele junge Leute, aber so wie auf Mallorca geht es hier nicht zu." Der 34-Jährige arbeitet seit diesem Sommer für Zeus Tourismus, in Chersonissos testet er gerade für den Reiseveranstalter Thomas Cook ein Hotel-Konzept, das speziell die Generation Y ansprechen soll, also junge Menschen im Alter zwischen 18 und Ende 30. "Unserer Gäste wollen coole Beats und Unterhaltung, sie wollen den ganzen Tag das Gefühl haben, in einem Club zu sein", erklärt Andrianakis.

Mit 34 Jahren gehört er selbst zur Generation Y. Statt Anzug mit Nadelstreifen trägt er graue Turnschuhe, eine braune Chinohose und ein weißes Hemd, seine Gäste begrüßt er stets mit einem lockeren Handschlag. Der Zielgruppe gefällt das, sie lieben diesen lockeren Umgang. Andrianakis stammt aus Kreta, jeden Tag pendelt er morgens 30 Kilometer von der Hauptstadt Heraklion zu seinem Arbeitsplatz nach Chersonissos und abends wieder zurück. Weil das ehemalige Fischerdorf nur noch wenig mit griechischer Lebenskultur zu tun habe, machen das die meisten Einheimischen so, sagt er.

Der Tourismus wandelt sich – auch auf Kreta. Wo früher Sandstrände und Tavernen ausgereicht haben, um Gäste auf die größte Insel Griechenlands zu locken, müssen sich Hotelmanager, Reiseveranstalter und Unternehmer heute andere Dinge einfallen lassen. Escape Rooms zum Beispiel. Dabei handelt es sich um eine Art Detektivspiel für Erwachsene. Menschen lassen sich gemeinsam in einen Raum einsperren und müssen dann mit Hilfe von versteckten Hinweisen und Gegenständen das Zimmer in einer vorgegebenen Zeit wieder verlassen.

Jedem Gast seinen Escape Room

Mitten an der Strandpromenade von Chersonissos liegt zwischen diversen Pubs das "Escape 13". Während draußen die Sonne auf das Kopfsteinpflaster knallt, zerbrechen sich in einem der 13 Räume Touristen darüber die Köpfe, wie sie dort wieder herauskommen. "Das Erfolgsgeheimnis ist ganz einfach: Jeder kann mitmachen", sagt Inhaber Michael Bouloukas. Bei Beachvolleyball oder anderen Strandsportarten müsse man schließlich eine gewisse Fitness mitbringen, die es in einem Escape Room nicht benötige. Den Touristen gefällt es. In der Hauptsaison zwischen Anfang Mai und Ende September sind die Räume fast immer ausgebucht, sagt Bouloukas. "Die meisten Gäste, die zu uns kommen, sind zwischen 20 und 35 Jahre alt." Bouloukas ist nicht der einzige in Chersonissos, der Escape Rooms betreibt. Mittlerweile haben auch einige Hotels diese Unterhaltungsform in ihr Angebot aufgenommen. "Man muss immer schauen, dass man etwas Neues entwickelt", erklärt er.

Neu entwickelt hat sich auch die ehemalige Lepra-Kolonie Spinalonga. Die kleine Insel liegt am nördlichen Eingang der Elounda-Bucht und ist vom Hafen von Agios Nikolaos, der etwa 45 Autominuten von Chersonissos entfernt ist, mit dem Ausflugsboot gut zu erreichen.

Die letzten Leprakranken verließen Spinalonga vor 61 Jahren, seitdem ist die Insel unbewohnt. Bei gutem Wetter erwacht das Eiland zu neuem Leben. Hunderte von Ausflüglern durchstreifen dann mit Selfie-Sticks und schweren Kamerataschen die engen Gassen. Als wäre die bewegende Geschichte der Insel nicht schon Grund genug für einen Besuch, sorgte der Roman "The Island" von Victoria Hislop für einen neuen Ansturm. Das Buch wurde in mehr als 20 Sprachen übersetzt, in Deutschland ist es unter dem Namen "Insel der Vergessenen" bekannt geworden. Irgendwann machte das griechische Fernsehen aus der Geschichte eine TV-Serie, seither interessiert sich auch fast jeder Grieche für Spinalonga.

Auch Taxifahrer Manolo Kazoglu fährt mehrmals in der Woche Gäste zu den Ausflugsbooten nach Spinalonga. Vor allem Deutsche, Briten und Griechen wollen dorthin, berichtet er. Der 56-Jährige sieht die Entwicklung auf Kreta zwiegespalten: "Die Touristen bringen uns zwar Geld, was auch gut ist nach der Wirtschaftskrise, aber es werden immer mehr Menschen – zu viele Menschen." Kazoglu ist ein Traditionalist, der wie viele andere Kreter seine Insel liebt und in seiner Freizeit die Tourismuszentren scheut. Deshalb gibt er zum Abschied auch einen Tipp: "Wenn ihr das richtige Kreta kennenlernen wollt, müsst ihr noch einmal kommen und das andere Kreta kennenlernen."

Mehr Informationen:

Reiseveranstalter Thomas Cook

www.thomascook.de/cooks-club/

Er hat diese Reise unterstützt.

Die Hauptsaison auf Kreta geht von Frühjahr bis Herbst. Partyurlauber sollten allerdings von Juni bis Ende September nach Chersonissos kommen, dann ist am meisten los.

  

Florian Rußler

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