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Beaujolais: Fröhlich ackern hier alle im Weinberg

Jeder darf hier Trauben lesen und wird Teil einer verschworenen Gemeinschaft - 07.10.2017 08:00 Uhr

Im Weinberg gehört man schnell zur Familie und verdient sich dabei auch noch was dazu. © Jean-Philippe Ksiazek / afp


Geografisch gehört die Gegend zum Burgund, doch der Wein ist eine eigene Klasse. Der rote Beaujolais wird ausschließlich aus der Sorte Gamay und nach einer besonderen Methode gekeltert. Die Trauben werden unzerquetscht verarbeitet und müssen von Hand gepflückt werden.

Jetzt im Herbst ist auf den rund 23 000 Hektar Weinbergen Erntezeit. Wie in anderen französischen Weinbaugegenden herrscht dann Ausnahmezustand, wenn an die Hunderttausend Erntehelfer unterwegs sind. Die "vendanges" - die Traubenlese - ist ein einmaliges Erlebnis, an dem auch Touristen teilnehmen können. Zum Beispiel auf dem Hof Clos de la Chapelle des Bois von Winzer Fernand Verpoix am Ortsrand von Fleurie im nördlichen Beaujolais. Dort werden jede Saison 30 Pflücker gebraucht.

Die französischen Helfer kommen alle Jahre wieder. Für sie gehört Weinlesen zum Jahreskalender "wie Weihnachten", sagt André. Sie nehmen sich Urlaub oder sind in Rente. Manche bezeichnen die Weinlese als ihre alljährliche "thérapie", eine Pause vom Alltag.

Deftiges, um Kraft für die Lese zu tanken

Der Lehrer pflückt neben der Krankenschwester, die Chefsekretärin neben dem Professor, ein Lokführer neben der Studentin. Bei der Arbeit sind alle gleich. Im Team buckeln alle die nur kaum kniehohen Weinstöcke entlang. Wir jammern gemeinsam über Rückenschmerzen, und die morgendliche Kälte, von der unsere pflückenden Hände steif werden. Wir stöhnen, wenn uns die Sonne einheizt. An anderen Tagen durchweicht stundenlanger Nieselregen Kleidung und Gemüter. Doch miteinander Mühen durchstehen verbindet. Wenn wir erschöpft sind, an unsere körperlichen Grenzen stoßen, lachen, weinen, flirten und fluchen wir.

Es gibt nur uns, die Natur, die Trauben, die Anstrengung. Wir teilen Tisch, Schlafsaal und Lebensgeschichten und werden eine Familie. Mittags und abends sitzen wir mit der Winzerfamilie um den großen Holztisch, die Frauen tragen Deftiges auf: Eintöpfe mit Bauchfleisch und fetten Hühnern, Linsen mit Speck und dicke Bohnen. Dazu Käse, Weißwein, Likör und starker Kaffee. Zum Essen hat man Zeit. Mittags fast zwei Stunden, abends mit offenem Ende.

Die Arbeitstage beginnen um sieben mit Butterbrot und warmer Milch. Erst zwei Pflückstunden später kommt das Frühstück. Auf einem Klapptisch im Weinberg stehen Salami, kaltes Fleisch, Ziegenkäse und dunkle Schokolade. Dazu schenkt der Patron Rotwein aus. Dann macht der grauhaarige Monsieur Verpoix in Gummistiefeln die Runde. "Anästhetikum aus dem Weinkeller" nennt er sein rotes Elixier. Damit die Rückenschmerzen für ein paar weitere Stunden vergessen sein mögen.

Winzersohn Christian begrüßt die Damen jeden Morgen mit Wangenküsschen. Später steht er mit kurzen Hosen und roter Lackschürze hoch oben auf einer Leiter und sortiert alle Trauben, die ihm die Träger auf den Wagen schütten. Nur die besten Weinbeeren kommen in die Flaschen, schließlich wurde sein "Fleurie" schon der englischen Königin ins Glas gegossen.

Immer ein Glas Rotwein in der Hand

Ausgepowert stellt sich abends ein befriedigendes Gefühl ein. Nach gutem Essen - mit dem Glas Rotwein in der Hand - zieht es uns hinaus in die laue Nacht. Wir sitzen im Gras, plaudern, bis die Sterne am Himmel funkeln. Oder wir wandern ein paar Stunden durch die herrliche Weinberglandschaft. Wir essen im Ort, wo während der Weinlesesaison mit Hunderten von Pflückern eine besonders feierliche Stimmung herrscht. Die Auswahl unter den vielen schöne Lokalen und Cafés fällt schwer.

An einem anderen Abend lädt Teamkollege Jean-François zu seiner Familie ein. Auch das ist die Weinlese: Einblick in die französische Seele. Es macht Lust auf das Land. Warum nicht noch ein paar Tage länger bleiben? Nur knapp zwei Bahnstunden gen Norden liegt Dijon. 50 Minuten gen Süden Lyon mit einer von der Unesco als Weltkulturerbe geschützten Altstadt. Es ist auch nicht weit zum Wandern in den französischen Alpen. Deren höchster Gipfel, der Mont Blanc, spitzt am letzten Arbeitstag in der Ferne schneebedeckt aus der Wolkendecke. Im Tal liegt der erste Herbstnebel. Das Morgenrot taucht den Weinberg in ein betörendes Orange. "Prochaine année", sagen wir uns beim Abschiednehmen, im nächsten Jahr wieder. Die Rückenschmerzen sind da schon längst vergessen.

Mehr Informationen:
Agentur Appellation Controllée
www.apcon.nl, die für 99 Euro Weinbauern vermittelt und diese Reise ermöglicht hat.
Pro Arbeitstag gibt es 50 Euro, inklusive Bett, Verköstigung und Unfallversicherung. Anreise auf eigene Kosten. 

Petra Jacob-Sachs

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