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Die Besessenen von Óbidos

Im "Rothenburg von Portugal" leben Menschen mit einer Mission - 11.11.2017 08:00 Uhr

Die Stadtmauer ist durchgängig begehbar. Wegen seines Aussehens wird Óbidos auch „das Rothenburg Portugals“ genannt. © Benjamin Huck


Was über Óbidos in einem Reiseführer stehen würde? 11.000 Einwohner, mittelalterlicher Stadtkern mit Burg auf einem Hügel gelegen, gut erhaltene Stadtmauer. Einst ein Geschenk der portugiesischen Könige an ihre Frauen, gilt heute als das "Rothenburg Portugals".

Außerdem: Die schmale Hauptstraße mit den gelb und blau gestrichenen Häusern, ein touristisches Geschäft nach dem anderen, Souvenirläden und der Sauerkirschlikör Ginja, der in einem kleinen Becher aus Schokolade serviert wird.

Für jeden Geschmack ist in Óbidos etwas geboten. Von 30. November bis 31. Dezember findet das alljährliche Weihnachtsfest der Vila Natal mit Buden, Weihnachtsmännern und einem festlich geschmückten Ort statt. Ab Ende März wird einen Monat lang das Internationale Schokoladenfest gefeiert. Und je zehn Tage im Oktober treffen sich Autoren und Künstler in Óbidos zum internationalen Literaturfest Folio. Die meisten Veranstaltungen sind zwar auf Portugiesisch, dennoch erhalten die Besucher einen Einblick in die Kultur und Musik Portugals.

Doch das, was Óbidos wirklich einzigartig macht, spielt sich abseits der Touristenströme ab. Es wird geschaffen von den Menschen, die sich selbst als obstinado bezeichnen – besessen von einer Idee, einer Mission. Hier sind ihre Geschichten.

Fátima Nunes: Die traditionelle Landwirtin

Fátima Nunes nutzt das Wissen ihrer Vorfahren. © Benjamin Huck


Erst vor wenigen Jahren hat Portugal die Windenergie zur Stromerzeugung für sich entdeckt. Dabei hatten die Portugiesen die Kraft des Windes schon seit jeher für sich genutzt. Tausende kleine Windmühlen gab es einst, viele davon sind inzwischen verfallen. Nicht so die Moinho do Boneco – die Puppenwindmühle, die Fátima Nunes betreibt.

Die 36-Jährige hatte nach ihrem Studium wegen der Wirtschafts- und Finanzkrise keine Arbeit gefunden. Also ging es für sie zurück auf den elterlichen Hof. Seit 1940 gehört der Familie, Spitzname Boneco, die kleine Windmühle. Auf einer Etage mahlen die Bonecos Weizen zu Mehl, auf der anderen Mais.

Etwa 500 Kilogramm erzeugen sie so pro Monat, das Getreide stammt von den eigenen Feldern. Leicht hat es die Familie von Fátima Nunes nicht. Nur 500 Kilogramm Mehl pro Monat verkauft sie, 500 Euro bringt das ein. Dazu bauen die Bonecos auf ihrem Hof Obst und Gemüse an, halten Schweine und verkaufen Brot, Marmelade und Wurst.

Ein mühseliges Geschäft, vor allem da wegen des ungewöhnlich trockenen Sommers heuer mehrere Felder nicht bestellt werden konnten. Fátima möchte daher Touristen in den kleinen Ort Moita dos Ferreiros, 30 Minuten südlich von Óbidos, locken.

Der jungen Frau ist einfach an der Familientradition und an der Tradition ihrer Heimat gelegen. Während die spanische Romanfigur Don Quijote gegen Windmühlen kämpfte, kämpft die portugiesische Müllerin Fátima für die Windmühlen.

Mafalda Milhões: Die kreative Pionierin

Mafalda Milhões brennt für Kinderbücher. © Benjamin Huck


Von außen wirkt das kleine, weiße Haus ziemlich unscheinbar. Hundertfach stehen solche Gebäude in Portugal, vor Jahrzehnten von der Regierung als Volksschule errichtet, um der Landbevölkerung das Lesen beizubringen. Heute beherbergt das Gebäude auf einer Anhöhe bei Óbidos den Kinderbuchladen O Bichinho de Conto (Bücherwurm) – das kreative Reich von Mafalda Milhões.

Die Geschichte der 39-Jährigen würde wahrscheinlich mehrere Seiten füllen. Die Kurzversion geht so: Als Grafikstudentin druckte Mafalda 1999 heimlich (denn der Staat hatte kein Geld für Papier und Strom) auf einer Maschine ihrer Universität ein Kinderbuch und vertrieb es im Eigenverlag. Daraus entstand in einem Lissabonner Vorort Portugals erste Buchhandlung nur für Kinderbücher. Wegen der vielen Arbeit zog sie mit Mann und Kind aufs Land nach Óbidos — und versinkt seitdem in noch mehr Arbeit.

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Óbidos - Literarische Stadt im Zentrum Portugals

Seit 2014 ist das portugiesische Óbidos im Unesco-Netzwerk der Literarischen Städte vertreten. Wegen seines mittelalterlichen Aussehens gilt es auch als das "Rothenburg Portugals".


An die 7000 Bücher stehen in den Regalen der Dorfschule, die Kunden aus Lissabon kommen nach wie vor, um bei Mafalda zu kaufen. Nebenbei veranstaltet sie Seminare für Kinder, in denen sie ihre eigene Bücher gestalten können. Sie verlegt immer noch Bücher, hilft bei Übersetzungen mit, illustriert Kinderbücher und Werbematerialien. Reich wird sie damit nicht, gibt die 39-Jährige zu.

Doch Mafalda glaubt an die Zukunft des Buches. Und dafür ist sie auch unterwegs: Ständig läuft sei einem in Óbidos über den Weg. Mafalda ist einfach überall. Besessen von einer Leidenschaft.

Celeste Afonso: Die engagierte Macherin

Celeste Afonso (rechts) kümmert sich um Autoren. © Benjamin Huck


Die Touristen kamen zwar schon immer nach Óbidos, dennoch drohte der Ort auszusterben. Viele Gebäude gammelten vor sich hin. Im Kampf gegen Verfall und Leerstand suchte der Stadtrat deshalb nach Ideen, kulturelle Umwandlung lautete das Motto: Wie kann man die alten Ruinen wieder mit Leben füllen?

Die Antwort: Mit Büchern. Heute gibt es über ein Dutzend Buchhandlungen in der Stadt, die seit 2014 den Unesco-Titel "Literarische Stadt" trägt. Dazu beigetragen hat Celeste Afonso.

Zwar haben sich die Buchhandlungen – viele mit antiquarischem Bestand deutscher Werke – von selbst angesiedelt, etwa in einer renovierten Kirchenruine oder unter einem Dach mit einem Biomarkt.

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Centro de Portugal - Zwischen Tradition und Moderne

Die Region Centro de Portugal nördlich von Lissabon liegt nicht gerade im Fokus der Touristen. Dafür gibt es dort noch das ursprüngliche Portugal zu erleben.


Doch als Kleinod der Literatur wurde Óbidos trotzdem lange nicht wahrgenommen. Um das zu ändern, strebte die ehemalige Kulturbeauftragte der Stadt nach dem Titel der Unesco und stellte vor drei Jahren mit nur zwei Mitarbeitern in kurzer Zeit eine Bewerbung auf die Beine. Parallel dazu sollten mehr Autoren in den Ort gelockt werden, weshalb Folio entstand – das internationale Literaturfest von Óbidos.

Zehn Tage im Oktober finden überall im Ort Lesungen statt, dazu gibt es Kunstausstellungen, Weinproben, Konzerte. In Óbidos bleiben die Gäste nun auch mehrere Tage, um die Kultur zu erleben.

Der Ort ist klein und familiär, selbst in der tiefsten Nacht sind die Künstler, Buchhändler und auch Celeste noch auf den Straßen anzutreffen, es wird diskutiert, gesprochen, gelacht.

Mehr Informationen:

Center of Portugal

www.centerofportugal.com

TAP Air Portugal

www.flytap.com

Beide haben diese Reise unterstützt. 

Benjamin Huck

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