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Ein Franke hütet in Sevilla den Flamenco

Der Fürther Kurt Grötsch zeigt Spaniern und Touristen die andalusische Identität - 05.05.2018 08:00 Uhr

Eine Aufführung für Touristen in Grötschs Flamenco-Museum © Museo del Flamenco


Auf der kleinen Bühne hat die ganze Gefühlswelt der Menschheit Platz. Liebe, Freude, Sehnsucht, Einsamkeit, Schmerz, Leid, Trauer. Der Rhythmus der Tänzer unter den Säulenbögen des Raums wechselt ständig, mal sind die Bewegungen schreitend, dann wieder knallen die genagelten Absätze in einem unablässigen Stakkato über das Holz, wirbeln die Schleppen der roten Kleider bei den kraftvollen Drehungen der Körper durch die Luft, begleitet von der Gitarre, dem Klatschen und der kehligen Stimme des Sängers.

Es ist ein perfektes Zusammenspiel für staunende Zuschauer. Flamenco ist, wenn der Körper denkt, er sei das Herz, heißt es. Das klingt elend kitschig. Und natürlich darf man mit entsprechenden Vorbehalten in die "Calle Manuel Rojas Marcos 3" im Herzen der andalusischen Metropole Sevilla kommen und einfach nur ein bisschen heimische Kastagnetten-Folklore erwarten.

Was dem Besucher im einzigen Flamenco-Museum der Welt geboten wird, ist dann aber doch ganz anders und hat nichts mit barockem Rüschen-Klimbim zu tun. Wer zum ersten Mal hierher kommt und von Flamenco keinen Schimmer hat, macht von Raum zu Raum des prächtigen Gebäudes aus dem 18. Jahrhundert, das auf einem römischen Tempelfundament steht, eine kleine Bildungsreise und nähert sich Schritt für Schritt einem soziokulturellen Phänomen an.

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In gewisser Weise ist es eine Tour, die das Leben von Kurt Grötsch nachzeichnet, der irgendwann vor einem steht. Ein 64-Jähriger mit grauem Stoppelbart, dicker Hornbrille und einem feinen Lächeln im Gesicht, der sich in unüberhörbarem Fränkisch als Museumsleiter vorstellt.

Dass ein Deutscher im Ausland erfolgreich einen Kunstbetrieb führt, ist dabei noch nichts Besonderes. In Italien leitet der Freiburger Eike Schmidt die weltberühmte Uffizien-Kunstsammlung in Florenz. Im archäologischen Park von Paestum bei Salerno hat seit einigen Jahren Gabriel Zuchtriegel aus Baden-Württemberg das Sagen.

Aber ein Fürther, der sich dem Flamenco und damit dem Nationalheiligtum vieler Spanier verschreibt und ein Museum mitbegründet, das mittlerweile ein Aushängeschild für das ganze Land ist, fällt dann doch aus dem Rahmen. Um das zu erklären, blickt Grötsch über drei Jahrzehnte zurück. "Damals war ich Dozent für Hispanistik an der Universität Erlangen", sagt er. Aber irgendetwas fehlt ihm damals in seinem Leben, in Deutschland. Mit dem Flamenco hat er, abseits der akademischen Inhalte im eigenen Lehrprogramm, in den 1980er-Jahren nicht viel zu tun.

In der Kneipe kam die Idee zum Auswandern

Bis er eines Abends biertrinkend in der Nürnberger Kinokneipe "Meisengeige" den Film "Carmen" von Carlos Saura sieht. Eine Freundin rät Kurt oder "Kille", wie sie ihn damals im Bekanntenkreis alle nennen, nicht nur Laura del Sol als attraktive Carmen-Darstellerin zu bestaunen. "Die andere tanzt doch viel besser, hat sie zu mir gesagt." Diese andere ist Cristina Hoyos, damals schon ein Superstar und eine Person, die das Leben des Fürthers Grötsch noch nachhaltig beeinflussen wird.

1987 macht er sich schließlich auf den Weg, verlässt als "klassischer Kulturflüchtling" und "ein wenig müde" den wissenschaftlichen Betrieb in Franken. Es ist das Jahr, das in Deutschland mit der Ausstrahlung einer Neujahrsansprache von Kanzler Helmut Kohl beginnt, die er bereits zwölf Monate zuvor gehalten hat - ohne das es anfangs vielen Zuschauern aufgefallen wäre. Es ist die Zeit der Umwelt- und Friedensbewegung, der Hoffnung auf ein Ende des Kalten Krieges, aber auch der "Schwarzwaldklinik" und der platten Kalauer der Otto-Filme.

Grötsch reist erst nach Kuba, wo er aber auch nicht so recht findet, was er sucht. Von dort geht es nach Spanien, erst in den Norden, dann nach Madrid. "Ich wollte eigentlich immer in Spanien leben", sagt er. In der Hauptstadt besucht er noch einmal die Uni, macht einen Abschluss in praxisorientierter Betriebswirtschaft und bleibt "im Kulturbereich hängen." Er übernimmt die Leitung der Kultur- und Sprachschule "Tandem", arbeitet unter anderem an der Weltausstellung in Sevilla 1992 mit.

Kurt Grötsch in seinem Flamenco-Musum. © Arno Stoffels


Und der Flamenco? In der Nähe seiner Wohnung in Madrid ist eine Kneipe, in der gesungen, getanzt, Gitarre gespielt wird. "Das hat mich infiziert und nicht mehr losgelassen". Der Rest ist, wie so oft im Leben, Zufall. Grötsch lernt die Nichte der heute 71-jährigen Cristina Hoyos kennen und lieben. Schließlich entsteht gemeinsam die Idee, dem Flamenco in Sevilla ein eigenfinanziertes Museum zu widmen. Eine Heimat, fernab von Spektakel und purem Folklore-Kommerz.

"In Andalusien wird der Flamenco als Teil der kulturellen Identität betrachtet", sagt Grötsch. "Aber es ist wie so oft: Was die Leute direkt vor der Nase haben, nehmen sie nicht mehr richtig war". Vier Jahre dauern die Vorplanungen, die Konzeption und die Renovierung des Gebäudes im Viertel Santa Cruz, in dem Cristina Hoyos aufgewachsen ist. 5,5 Millionen Euro werden insgesamt investiert. Geld, für das Hoyos mit ihrem Privatvermögen bürgt. "Das war die größte Privatinvestition in ein Kulturprojekt in ganz Andalusien", so Grötsch.

2006 wird das "Museo del Baile Flamenco" schließlich eröffnet - und schnell politisiert. Die konservative Rechte blickte abfällig auf die links-orientierte Hoyos, die aus armen südspanischen Verhältnissen stammt. Und dass ein Deutscher aus Franken da plötzlich den Andalusiern und den Besuchern aus aller Welt den Flamenco erklärt, wurde vielfach auch nicht gerne gesehen. "Das war schon knackig", sagt Grötsch.

Als Franke fällt ihm Zurückhaltung nicht schwer

Inzwischen sei er aber "sehr gut eingebunden", versichert er. Bei offiziellen Anlässen hält er sich dennoch bis heute ganz gerne zurück - "was mir als Franke ja nicht so schwer fällt." Apropos Identität: Alte Kontakte pflegt er selbstverständlich, besucht regelmäßig seine Schwester in Fürth und verfolgt das fränkische Fußballgeschehen - wenn auch nicht so leidenschaftlich wie den Flamenco und das von ihm maßgeblich konzipierte Museum.

Dort kommen inzwischen 180 000 Besucher pro Jahr hin. In verschiedenen Räumen werden mit spielerischer Didaktik die Ursprünge, die Entwicklung, die Einflüsse auf den Flamenco gezeigt. In Videos auf großen Leinwänden präsentieren Tänzer die Stile. Oben sind wechselnde Ausstellungen zu besichtigen, Malerei und Bildhauerei. "Der Flamenco nimmt ja Einfluss auf alles", sagt Grötsch. Daneben werden unter anderem Kurse und Workshops angeboten - und zweimal täglich eine Bühnenshow von Profis, die von den Brettern aus eine atemberaubende Kraft in das Publikum transportieren. Filmen oder Fotos zu machen, ist nicht erlaubt, ebenso wenig wie das Essen und Trinken während der Vorstellung. "Das wäre den Künstlern gegenüber unfair", sagt Grötsch. Und gerade in einer Welt voller Smartphones sollen die Menschen etwas direkt und nicht durch einen Bildschirm hindurch auf sich wirken lassen.

Ob er selber Flamenco tanzt? "Natürlich, ich spiele Gitarre, singe, tanze." Nein, schiebt er sofort hinterher, seine Begabungen lägen eindeutig woanders. Aber die Faszination beim Zuschauen teilt auch er als Fachmann nach mehreren tausend selber erlebten Shows noch immer. "Keine ist wie die andere", sagt er. Und im Kern erzählt der Flamenco für Grötsch immer auch eine Geschichte, die jeder buchstäblich nachfühlen und spüren kann.

Amor Flamenco (D/ES) © PR


Dabei geht es um die jahrhundertelange Unterdrückung nicht nur der "Gitanos" genannten, andalusischen Roma, die ursprünglich aus Indien stammen. Sondern auch um die Araber und Juden, die nach der Entdeckung Amerikas und der Wiedereroberung Spaniens am Ende des 15. Jahrhunderts nach einer langen Phase der Toleranz plötzlich mit Verfolgung, Zwangsbekehrung und Vertreibung konfrontiert wurden und sich selber verleugnen mussten, um zu überleben.

"Diese Menschen haben alle etwas verloren, das macht eine Leere in der eigenen Identität", so Grötsch. Diese Lücke wurden mit Erzählungen vom eigenen Leid gefüllt, mit Gesang, mit Musik. Daraus wurde der Flamenco, "und das erklärt auch seine emotionale Wucht", die eigentlich niemanden kalt lässt. Im Prinzip ist der Flamenco damit auch ein Gegenprogramm zu vielen Erscheinungen der Gegenwart, zu Populismus, Aus- und Abgrenzung, Ignoranz.

Um die vielen Einflüsse und das Ideal vom friedlichen Zusammensein zu symbolisieren, haben Grötsch und Hoyos die Bibel, den Koran, den Talmud und hinduistische Schriften im Museum eingemauert - eingepackt in eine Nürnberger Lebkuchenkiste.

Mehr Informationen beim Portugal- und Südeuropa-Reiseveranstalter Olimar, www.olimar.de, der diese Reise unterstützt hat. 

Arno Stoffels Reporter-Team E-Mail

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