14°

Sonntag, 23.09.2018

|

zum Thema

Für die Natur: Umweltbewusst eincremen in Honolulu

Um die Riffe zu schützen, verbietet Hawai‘i Sonnenmittel - 25.07.2018 06:00 Uhr

Weil herkömmliche Sonnencremes gefährlich für Tiere im Meer sind, verkauft Michael Koenigs in Honolulu selbstgemixte. © Christina Horsten/dpa


Auf einem Bauernmarkt in Honolulu verkauft Michael Koenigs selbst hergestellte Sonnencreme. "Wir müssen uns und unsere Familien vor der Sonne schützen - aber wir müssen auch unsere Meere und Korallenriffe schützen", sagt der dreifache Familienvater. Seine in silbernen Tiegeln verpackte Paste ist deutlich teurer und dickflüssiger als handelsübliche Sonnencreme und zieht deutlich langsamer in die Haut ein - aber sie besteht dafür aus natürlichen Zutaten wie Kokosöl, Makadamianuss-Öl und Sheabutter.

"Wir müssen die Menschen aufklären", sagt Koenigs, der mit seiner Frau und den Kindern wie die meisten Menschen in Hawai‘i viel Zeit am Strand und im Meer verbringt. "Die Chemikalien in den normalen Sonnencremes machen unsere Riffe kaputt."

Mit dem Thema werden viele Hawai‘i-Besucher schon bei der Anreise im Flugzeug konfrontiert: Jeder Passagier bekommt bei Hawaiian Airlines ein kleines Tütchen "Riff-sichere" Creme. Auch in einigen Hotels wie dem "Surfjack" nahe dem weltberühmten Waikiki-Strand hängen Spender mit Sonnencreme - ebenfalls angeblich "Riff-sicher".

Bilderstrecke zum Thema

Hawai´i: Inseln mit eigenem Charakter

Wer an Hawai‘i denkt, denkt an Honolulu und an die Surfer vom Waikīkī Beach. Doch der 50. US-Bundesstaat besteht aus 137 Inseln und Atollen, die meisten davon sind allerdings unbewohnt. Wir haben die drei größten besucht.


Jahrelang haben Sonnencreme-Hersteller Koenigs und viele Mitstreiter versucht, auf die Dringlichkeit des Problems aufmerksam zu machen -  bis das Parlament sie schließlich erhörte: Als erster US-Bundesstaat verabschiedete Hawai‘i Anfang Mai 2018 ein Gesetz, das den Verkauf von Sonnencremes mit bestimmten Chemikalien darin verbietet - trotz des Widerstands mehrerer Sonnencreme-Hersteller. Am 1. Januar 2021 tritt es in Kraft.

"Das ist ein historisches Gesetz für unsere Meere", sagt der demokratische Bundesstaats-Senator Mike Gabbard. "Ich hoffe, wir können in 20 Jahren zurückschauen und sehen, dass dies der Moment war, an dem wir der Verschmutzung den Kampf angesagt haben, und dass das Gesetz auf der ganzen Welt kopiert wurde." Änliche Verbote  gab es zuvor jedoch unter anderem in einigen Teilen Mexikos und an einigen Unesco-Weltnaturerbestätten.

Das Problem in den herkömmlichen Sonnenschutzmitteln sehen Wissenschaftler vor allem in zwei Inhaltsstoffen: Octinoxat und Oxybenzon, beide in Hawai‘i nun verboten. Sie werden oft als UV-Filter benutzt, sollen die Ultraviolettstrahlung der Sonne davon abhalten, die Haut des Menschen zu schädigen. "Diese Chemikalien sind inzwischen überall in der Natur zu finden, von der Arktis bis hin zu abgelegenen Korallenriffen im Südpazifik", sagt Forscher Craig Downs vom Haereticus-Labor in Virginia. "Man findet sie in Delfinen, Eiern von Wildvögeln, vielen Fischen, die wir essen, und in Korallen."

Mögliche Folgen von Octinoxat und Oxybenzon im Meer können demnach Korallenbleiche oder Schäden am Erbgut von Fischen oder Korallen sein. "Auch andere Chemikalien in Sonnencreme können Schäden verursachen, aber die Forschung ist noch ziemlich jung und es ist noch nicht viel veröffentlicht worden", sagt Downs. Selbstverständlich sind die Chemikalien in Sonnencremes nicht die einzige Gefahr für Meere und Korallenriffe - aber Experten hoffen, dass sich dieses Problem einfacher in den Griff bekommen lässt als beispielsweise der Klimawandel und die Verschmutzung durch Abwässer oder Plastikmüll.

Rund 14.000 Tonnen Sonnencreme landen Schätzungen zufolge jedes Jahr im Meer. Wo besonders viele Touristen sind - wie in Hawai‘i mit seinen rund neun Millionen Besuchern jährlich - ist der Schaden im Meer besonders deutlich. Alleine auf der Insel Maui landen nach Hochrechnungen jeden Tag rund 210 Liter Sonnencreme im Meer. Gleichzeitig sind die Korallenriffe rund um die Insel in den vergangenen Jahren deutlich geschrumpft, teilweise um mehr als die Hälfte.

Bald keine lebenden Korallenriffe mehr?

"Meine Prognose ist, dass es bald keine lebenden Korallenriffe in Hawai‘i  mehr geben wird, die Touristen besichtigen können", sagt Forscher Downs. "Hawai‘i wird wie die Florida Keys, ein netter Platz, um am Strand zu liegen, aber es wird seinen kostbarsten Bodenschatz und seine größte Touristenattraktion verloren haben."

Auch in Deutschland sind UV-Filter aus Sonnencremes in Gewässern zu finden - zum Beispiel in der Ostsee, wie Messungen in Strandnähe 2015 ergeben haben. Es geht im Meerwasser um Konzentrationen im Nanogramm-Bereich, wie Kathrin Fisch vom Leibniz-Institut für Ostseeforschung in Warnemünde erläutert. "Ein Nanogramm pro Liter ist wie ein Salzkorn in einem Olympiaschwimmbecken."

Auch das Umweltbundesamt (UBA) beschäftigt sich vorsorglich seit Jahren mit UV-Filtern. Hintergrund sind Erkenntnisse, dass einige der Stoffe hormonähnlich wirken, sich in der Umwelt und in Organismen anreichern und toxischen Stress auslösen können - mit unklaren Langzeitfolgen für Ökosysteme. "Die Konzentrationen an chemischen UV-Filtern, die in deutschen Gewässern gemessen werden, sind bisher noch so, dass kein Fisch akut lebensbedroht ist", sagt UBA-Experte Jürgen Arning. Ein flächendeckendes Monitoring von Gewässern in Hinblick auf UV-Filter gebe es nicht.

Bleibt die Frage: Sonnencreme im Sommer - ja oder nein?

3-Benzylidencampher ist ein Beispiel für einen UV-Filter, der in der EU aus Kosmetik verbannt wurde, weil durch die Hormon-Wirkung schädliche Folgen für Organismen in Gewässern angenommen werden. Zu den beiden auf Hawai‘i beanstandeten Substanzen gebe es jedoch noch keine endgültige Bewertung im Rahmen der europäischen Chemikalienverordnung, erklärt Arning. Für ihn ist die Situation der Inselgruppe im Pazifik eine Ausnahme. "Es gibt eigentlich fast nie die Situation, dass man ein Umweltproblem klar auf eine bestimmte Chemikalie zurückführen kann. Es kommen mehrere Faktoren zusammen."

Bleibt die Frage: Sonnencreme im Sommer - ja oder nein? Aus dermatologischer Sicht sei hierzulande zum Schutz vor UV-Licht zu raten, sagt der frühere Direktor der Hautklinik der RWTH Aachen, Hans Merk. Er betont aber auch, dass Sonnencreme  in Deutschland als Kosmetik eingestuft wird und damit für die Inhaltsstoffe laxere Regelungen gelten als etwa in den USA, wo die Cremes als Medikament klassifiziert werden.

Sonnencremes mit mineralischen Filtern sind Merk zufolge unter dem Aspekt möglicher Umweltschäden nicht unbedingt die bessere Wahl. Zink- und Titanoxid hätten sich in einer Studie auch als korallenschädlich erwiesen, die zugrundeliegenden Mechanismen seien noch nicht genau verstanden. Gerade für Schnorchler und Taucher sei deshalb UV-Schutz durch Textilien statt Cremes ratsam - weitere Empfehlungen sind aus seiner Sicht beim bisherigen Kenntnisstand nicht möglich.

Tipps zu nachhaltigem Tourismus in Hawai´i:

Im Rahmen einer Promotion verteilte Hawaiian Airlines Probepäckchen auf ihren Flügen vom US-Festland nach Hawai´i. Die Aqua-Aston Hotelgruppe bietet in ausgewählten Hotels Spender mit umweltfreundlicher Lotion an und verkauft die nachhaltigen Produkte im Shop. Bereits im Februar  2018 haben das The Modern Honolulu und das Hilton Waikoloa Village auf Hawai‘i Island die Initiative "The last straw" ins Leben gerufen und verzichten seitdem auf Plastikstrohhalme. Auf Wunsch werden kompostierbare Strohhalme aus Papier verteilt.

Die Global Tourism Summit Hawaii, Hawai‘is internationale Tourismuskonferenz, vom 1. bis zum 3. Oktober 2018 steht unter dem Motto Nachhaltigkeit - speziell auf den Tourismus auf der Inselgruppe als auch auf die globalen Entwicklungen bezogen. www.globaltourismsummithawaii.com 

Auf Oahu, der Insel, auf der die Hauptstadt Honolulu liegt und die pulsierendes Stadtleben und ländliche Kulissen vereint, gibt es zahlreiche umweltfreundliche Aktionen, an denen auch Touristen teilnehmen können. So bietet z.B. travel2change die Möglichkeit, einen positiven Fußabdruck zu hinterlassen: Während einer geführten Wanderung zu Wasserfällen pflanzen Teilnehmer einheimische Bäume und während eines Spaziergangs durch botanische Gärten beteiligen sich Besucher daran, invasive Pflanzenarten zu entfernen, um die Flora zu schützen. https://travel2change.org/

Auf dem Gelände des Kualoa Private Nature Reserve gibt es eine ökofreundliche eBike Adventure Tour, während der Besucher auf elektrischen Fahrrädern das Jurassic Valley entdecken, in dem unter anderen Jurassic Park und Jurassic World gedreht wurden. www.kualoa.com

Die Insel Lānai verfügt über eine Vielzahl nachhaltiger Initiativen, deren positive Wirkung unmittelbar für den Besucher sichtbar wird. Auf der Westseite der Insel beheimatet das Kānepuu Preserve auf über zwei Quadratkilometern 48 einheimische Pflanzen. Der Wald umfasst die größte trockene Waldfläche von Hawai´i und wird durch die Organisation The Nature Conservancy geschützt.
www.gohawaii.com/de/islands/lanai 

Zahlreiche Ideen für umweltfreundlichen Urlaub auf Hawai´i bietet Travel Pono, eine Initiative, die von der Hawai´i Ecotourism Association ins Leben gerufen wurde und Informationen zu nachhaltigen, zertifizierten Touren und Aktivitäten bereitstellt. www.hawaiiecotourism.org/travel-pono/#operators 

Alle Infos für Hawai‘i-Touristen:

Hawai´i Tourismus

www.gohawaii.com/de

Reiseveranstalter FTI-Touristik

www.fti.de 

  

Gisela Gross und Christina Horsten

1

1 Kommentar

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus dem Ressort: Reise