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Im Harz per Bus zu mächtigen Klippen

Wir haben ausprobiert, wie leicht dort Ausflügler ohne Auto an schöne Orte kommen - 30.09.2017 08:00 Uhr

Ein neuer Tag bricht an: Sonnenaufgang bei St. Andreasberg im Harz. © Swen Pförtner / dpa


Doch sie haben einen noch härteren Gegner: uns Menschen. Schadstoffe wie Stickoxide aus Autoabgasen, Heizungen und Fabriken schaden den Bäumen und können gerade in sensiblen Naturräumen wie dem Harz den Ausschlag geben, dass alte oder verletzte Bäume sterben, wie das hier im Nationalpark schon so oft passiert ist.

Darum lassen immer mehr Urlauber im Harz das Auto stehen und machen mit bei der gemeinsamen Aktion "Fahrtziel Natur" vom Bund für Umwelt und Naturschutz, Naturschutzbund (NABU) und Deutscher Bahn. Die Reisenden können dabei die öffentlichen Verkehrsmittel vor Ort kostenlos nutzen - die Aktion gilt in insgesamt 22 deutschen Regionen. Trotzdem reisen noch heute 83 Prozent der Harz-Urlauber mit dem Auto an, die Bahn nutzen nicht mal acht Prozent.

Wir haben ausprobiert, wie das so ist, wenn man mit öffentlichen Verkehrsmitteln im Harz reist. Die gewählten Orte Blankenburg und Wernigerode liegen am nordöstlichen Harzrand und sind gut mit der Bahn erreichbar. Die Gegend ist so schön, dass sich ein Wanderurlaub gerade jetzt im Herbst, wenn das Laub der Bäume knallbunt ist, so oder so lohnt. Man darf ja trotzdem auch mit dem eigenen Auto anreisen - ab Nürnberg ist man nach knapp 400 Kilometern dort.

In Wernigerode, der Stadt mit den vielen kleinen Fachwerkhäusern, beginnt die erste Wanderung. An diesem regnerischen Samstagmorgen sind kaum Menschen unterwegs. Die Bushaltestelle ist verwaist. Ein Blick auf die Uhr: 9.55 Uhr. Eigentlich müsste der Bus nach Schierke jetzt kommen. Von dort, so der Plan, geht es zu Fuß zurück nach Wernigerode. Am Wochenende fährt die Linie 257 nur im Zweistundentakt, der nächste Bus kommt erst um 11.55 Uhr und damit zu spät für eine Ganztages-Tour. Wer den Bus verpasst, verpasst damit die Wanderung.

Nette Plauderei im Bus

Zum Glück kommt der Bus nur ein paar Minuten später. Erleichtertes Aufatmen. Im Bus sitzen außer dem Fahrer nur ein Vater mit zwei Kindern - sie tragen Wanderschuhe und Rucksäcke - und eine ältere Frau. Sonst niemand. Auch die nächsten Tage fahren nur vereinzelt Leute mit. Liegt es am eher ungemütlichen Wetter? Oder doch an den Fahrplänen, die ausgerechnet am Wochenende stark ausgedünnt sind, also dann, wenn die meisten Kurzurlauber da sind?

Die ältere Frau aus dem Bus erklärt, wie man am besten zum Startpunkt der Wanderung kommt, dem Bahnhof in Schierke. Dieser liegt einen halben Kilometer außerhalb des Ortes, mitten im Wald. "Kennen Sie den Schierker Feuerstein?", fragt sie und erzählt vom Kräuterlikör, den der Schierker Apotheker Willy Drube Anfang des 20. Jahrhunderts zusammengemischt hat, um damit die Verdauungsprobleme der Kurgäste zu kurieren. Doch es gibt noch die Feuersteinklippe, nach der der Likör benannt wurde und die sie als Wanderziel empfiehlt. Vorteil: Öffentliche Verkehrsmittel sind ideal, um mit den Menschen in Kontakt zu sein und sich den einen oder anderen Tipp geben zu lassen. Wer mit dem Auto fährt, ist abgeschottet.

Vom Ausstieg an der Haltestelle "Hotel Heine" führt ein kurzer, steiler Weg zum Bahnhof. Plötzlich ein lautes "tut-tut": Die Brockenbahn fährt mit Dampflok ein, gleicht startet sie hinauf zum Brocken, dem höchsten Berg im Harz auf 1141 Metern. Sie pustet weiße und schwarze Dampfwolken in die Luft - nicht wirklich eine umweltfreundliche Alternative zum Auto, doch sie ist eh nicht im kostenlosen Urlaubs-Ticket enthalten, die Fahrt kostet 27 Euro. Ein Erlebnis ist sie allemal.

Typisch wilder Harz: die Roßtrappe bei Thale. © Jens Wolf / dpa


Der Weg zurück nach Wernigerode führt fast auf Augenhöhe zum Brocken über die auf 901 Metern Höhe gelegene Leistenklippe. Sie ist der höchste der zahlreichen Granitblöcke um Schierke, zu denen auch die von der Frau erwähnte Feuersteinklippe gehört. Die Leistenklippe erreicht man nur zu Fuß nach knackigem Anstieg. Wanderer können über eine Leiter ganz nach oben und dort in Ruhe den Rundumblick über den Harz genießen, während sich auf dem Brocken Menschenmassen drängen.

Die Klippen sehen aus, als hätte jemand riesige Gesteinsbrocken aufeinandergestapelt, in Wirklichkeit ist Wasser in das Gestein eingedrungen und zu Eis gefroren. Dabei hat es sich ausgedehnt und Risse und Spalten in den Fels gesprengt. Die Wanderung führt teilweise durch Nationalpark-Gebiet. Es fühlt sich gut an, gerade hier, in diesem besonders geschützten Bereich, ohne Auto unterwegs zu sein. Ein gelungener Auftakt.

Am nächsten Tag sinkt die Stimmung beim Frühstück: "Ich bin noch nicht fertig", ruft die Bedienung mit leicht verzweifelter Stimme aus der Küche. Der ausgedünnte Fahrplan zwingt zum Frühstart. Der Bus fährt von Wernigerode nach Blankenburg, die anschließende Wanderung führt an der Teufelsmauer entlang, einer alten Felsenkette aus Sandstein, die sich wie aus dem Nichts erhebt. Doch mit der tollen Aussicht ist kurz vor dem Ziel in Thale abrupt Schluss: Der Weg zum Busbahnhof zieht sich endlos und führt vorbei an leerstehenden Gebäuden und einem Möbelhaus mit riesigen roten Werbeschildern. Es dauert, bis sich eine Gaststätte findet, in der man auch nach 14 Uhr noch etwas zu essen bekommt. Der Bus für die Rückfahrt ist leider weg und der nächste kommt erst in knapp zwei Stunden. Es ist kalt und windig, die Beine sind schwer vom Wandern und im Hotel wartet die Sauna. Ein sehnsuchtsvoller Blick zum Taxistand. Bedeutet Reisen nicht, frei zu sein, spontan und flexibel? Im Zwei-Stunden-Takt funktioniert das nicht. Trotzdem: Gekniffen wird nicht. Schließlich werden die Buslinien nur erhalten, wenn man sie auch nutzt.

Dass es sinnvoll ist, auf das Auto zu verzichten, wird deutlich, wenn man an einer vielbefahrenen Straße auf den Bus wartet und dabei den Verkehrslärm und -gestank abbekommt. Doch damit die Urlauber die öffentlichen Verkehrsmittel auch nutzen, müssen sich die Bedingungen verbessern: Hilfreich wäre eine engere Taktung am Wochenende, zumindest für besonders gefragte touristische Ziele.

Das kostenlose Urlaubsticket, das bisher nur für den sachsen-anhaltinischen Teil des Harzes gilt, soll spätestens Anfang 2019 auf den Landkreis Goslar im niedersächsischen Teil ausgeweitet werden - und damit auf Touristenorte wie Goslar, Bad Harzburg, Braunlage und Clausthal-Zellerfeld.

Mehr Informationen:
www.harzinfo.de 

Monika Herbst

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